Leitartikel: Der Lehrer des Glaubens

Von Guido Horst

Es mag ja sein, dass Postkarten und Kalender mit Porträtfotos von Benedikt XVI. in den Devotionalienläden rund um den Vatikan so gut wie verschwunden sind. Aber eine „Damnatio memoriae“ ist das nicht – die hat nun wirklich niemand ausgesprochen, am wenigsten sein Nachfolger Franziskus. Die Wahrheit ist vielmehr die, dass das reiche geistige Erbe des Theologen, Kardinals und Papstes Joseph Ratzinger erstaunlich lebendig weiter wirkt. Es gibt Tagungen über seine Werke, ein Schülerkreis verbreitet seine Lehren und der Neue Schülerkreis zeigt, dass der deutsche Denker auch bei den nachwachsenden Generationen Aufmerksamkeit findet. Die Literatur von und über Joseph Ratzinger ist uferlos, immer noch erscheinen neue Biografien und Anthologien, es gibt Bibliotheken und Institute, die ganz seinen Schriften gewidmet sind. Ob er ein Kirchenlehrer ist, mag man dem Urteil der Kirche beziehungsweise kommender Päpste überlassen. Aber sicherlich ist er ein Lehrer des Glaubens. Denn es ist eine zutiefst gläubige Theologie, die Ratzinger betrieb, geleitet von der Erkenntnis, dass theologisches Forschen von dem geleitet sein muss, was göttliche Offenbarung ist. Ihren Höhepunkt fand diese Offenbarung im Sichtbarwerden Gottes in Jesus Christus. Darum hat Ratzinger als Papst ein dreibändiges Werk dem Nazarener gewidmet, wissend, dass nicht nur die Theologie, sondern Christentum und Glaube an dem Bekenntnis zur Inkarnation Gottes in der Geschichte hängen.

Die große Fähigkeit Ratzingers war die des analytischen Blicks, auf theologische wie auf historische Zusammenhänge. Die Krise der Kirche in der Moderne hat er treffend auf die Zeit der konfessionellen Spaltungen und Kriege in Europa nach der Reformation zurückgeführt, die eine aufklärerische Philosophie dazu veranlasste, eine Ethik und eine gesellschaftliche Ordnung zu entwickeln, die auch ohne den Gott der Inkarnation auskommt und sich rein aus der menschlichen Vernunft ableitet. Die Folge war ein Herausdrängen des Religiösen aus dem öffentlichen Leben, bis hin zu einer gewaltbereiten Feindseligkeit, wie sie sich dann in den laizistischen und ideologischen Regimen Bahn brach. Als Theologe des Konzils hat Joseph Ratzinger entscheidend daran mitgewirkt, diese Kluft wieder zu überwinden und die Moderne mit dem christlichen Glauben zu versöhnen. Die Früchte, die diese denkerische Leistung gebracht hat, wirken nach und werden auch weiterhin einen reichhaltigen Fundus christlichen Denkens bilden.

Die Kirche in der Heimat Ratzingers hat die Stunde des deutschen Papstes etwas verpasst. Man hatte sich an dem Glaubenspräfekten gerieben und auch dem Theologenpapst schlug Skepsis entgegen. Ansprachen wie die Benedikts in Freiburg zur nötigen Entweltlichung der Kirche wurden überhört oder einseitig wiedergegeben. So sehr die Deutschen bereit waren, sich von dem „Wir sind Papst“-Gefühl anstecken zu lassen, so wenig wurde dieser Kairos von Kirchenverantwortlichen und den theologischen Eliten genutzt. Der neunzigste Geburtstag des emeritierten Papstes könnte auch eine Gelegenheit sein, hier noch einiges nachzuholen. Joseph Ratzinger war für Deutschland ein Geschenk.

Jürgen Liminski. Foto: DT