Leitartikel: Beide Seiten müssen wollen

Von Oliver Maksan

Papst Franziskus im Zentrum islamischer Gelehrsamkeit: Die geplante Begegnung des Heiligen Vaters mit dem Großimam der Azhar-Universität Ende April in Kairo ist ein gutes Zeichen, das an Signalwirkung gar nicht hoch genug geschätzt werden kann – und zwar weit über Ägypten hinaus. Während der IS in den vergangenen Jahren christliches Erbe und Leben im Irak und Syrien genozidal ausmerzen wollte, während ihm verbundene Gruppen auf dem Sinai koptische Christen bedrohen, wird der prominenteste Repräsentant der weltweiten Christenheit mit einer der wichtigsten Autoritäten der islamisch-sunnitischen Welt zusammentreffen. Radikale Islamisten werden sich davon freilich nicht beeindrucken lassen. Sie lehnen nicht nur den Papst als Haupt der „Kreuzfahrer“ ab, sondern auch die traditionelle Theologie und Rechtsprechung der Azhar. In der Institution sehen sie ein willfähriges Büttel des Staates – erst Mubaraks, jetzt Sisis. Für die gemäßigte Mehrheit der Muslime Ägyptens wie vor allem für die Christen des Landes aber ehrt der Besuch das Land und stärkt die Koexistenz der Religionen.

Damit die Begegnung in Kairo aber nachhaltig ist, dürfen es die beiden Seiten nicht nur beim Austausch von Nettigkeiten bei arabischem Kaffee und Süßigkeiten belassen. Die Gefahr besteht. Solche Begegnungen dringen aber nicht bis an die Wurzel vor. Beide Seiten müssen das aber wollen, Azhar, aber auch der Papst. Dass die Gespräche zwischen Vatikan und Azhar 2011 überhaupt abgebrochen wurden, zeigt, dass man in Kairo Dialog und Verständigung im Zweifelsfall den Prinzipien von Prestige und Nichteinmischung in Ägyptens innere Angelegenheiten nachordnete. Die Kritik an der Aufforderung Papst Benedikts, die Christen in Ägypten besser zu schützen, war aber letztlich nur ein Vorwand. Vor allem ging es um die Spätfolgen der Regensburger Rede. Mit ihr hatte der Gelehrtenpapst eine Diskussion über das Verhältnis von Islam und Gewalt ausgelöst. Letztlich war man in Kairo nicht gewillt, diesen Dialog ernsthaft – das heißt quellenkritisch – zu führen.

Aber auch Papst Franziskus muss den Finger in die Wunde legen wollen. Intime Kenner des Islam wie der ägyptische Jesuit Samir Khalil haben den Papst dafür kritisiert, dass er den Islam jüngst generell vom Vorwurf des Terrorismus freisprach. Das, so der Gelehrte, sei mit Blick auf den Koran und die Geschichte offensichtlich falsch. Der Papst habe ihm entgegnet, dass es für ihn wesentlich gewesen sei, den Dialog mit der Azhar wieder aufzunehmen. Und dafür habe man das Beste sagen müssen. Das ist religionspolitisch nachvollziehbar, kann aber nicht das letzte Wort sein.

Der Islam muss sich den Passagen im Koran und der Überlieferung stellen, die traditionell zur Legitimierung von Gewalt herangezogen werden können. Pater Samir fordert eine Übertragung ins Heute und damit eine radikale Historisierung dieser Passagen. Das wäre eine theologische Revolution. Ob die Azhar dazu in der Lage sein wird, ist fraglich. Immerhin war es diese Institution, die 1995 die Zwangsscheidung und Exilierung des Theologen Nasr Hamid Abu Seid betrieb, weil er eine kritische Interpretation des Koran wollte. Seither ist in Ägypten und im Islam viel passiert. Es steht zu hoffen, dass Al-Azhar die Zeichen der Zeit richtig liest.

Stephan Baier. Foto: DT