Kommentar: Jerusalem ist nicht Berlin

Von Andrea Krogmann

Der Lastwagen beschleunigt, rast in die Menge, kommt zum Stehen. Wendet, fährt erneut in die Menge: Das Band einer Überwachungskamera an der Promenade südwestlich der Jerusalemer Altstadt dokumentierte am Sonntag die jüngste Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt: Vier israelische Soldaten getötet, 13 weitere teils schwer verletzt, der 28-jährige palästinensische Attentäter erschossen. Am Abend leuchtet in Berlin das Brandenburger Tor in den Nationalfarben Israels – Solidarität mit den Opfern eines der blutigsten Anschläge der vergangenen Jahren. Die Muster der Tat seien wie frühere Anschläge in Frankreich und Deutschland von der Terrorgruppe IS inspiriert, lautete die erste Reaktion von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu am Tatort. Ein LKW als Tatwaffe – Analogien zu Nizza und Berlin sind nicht von der Hand zu weisen: der globale Kampf westlichen Lebensstils gegen einen sich ebenso globalisierenden Terror.

Und doch: Auch die Unterschiede sind nicht von der Hand zu weisen. Während man sich in Nizza und Berlin mit der Rede von Terror zurückhielt, bis die Ermittlungslage klare Schlüsse zuließ, fiel das Wort Terror in Jerusalem fast zeitgleich mit den Schüssen auf den Täter. Sein Ziel waren nicht Touristen oder Weihnachtsmarktbesucher, sondern Soldaten – aus palästinensischer Perspektive Repräsentanten der israelischen Besatzungsmacht. Während in Nizza und Berlin jeweils das Individuum für seine Tat verantwortlich gesehen wurde, wird in Jerusalem ein Stadtviertel abgeriegelt, eine Familie in Sippenhaft genommen, ein Fünftel der Bevölkerung kollektiv bestraft. Die Bilder riefen Erinnerungen an den Anschlag in Berlin kurz vor Weihnachten wach, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Das tun sie, und die klare Verurteilung der Tat und die Solidarität mit den Opfern und ihren Familien sind angebracht. Das Ziel der Täter sei, „die Spannungen im Nahostkonflikt anheizen“, sagte Steinmeier weiter und brachte damit Wesentliches auf den Punkt: Dass es hier einen Konflikt gibt, in dem sowohl das Volk der Opfer wie auch das Volk des Täters Beteiligte sind. Für Israel heißt das auch, dass alle Analogien und die Betonung der Universalität der Tat nicht über die örtlichen Besonderheiten hinwegtäuschen können: Jerusalem ist nicht Berlin!

Andrea Krogmann. Foto: DT