Kommentar: Erneuerung nur ohne Lenin

Von Stephan Baier

Viel zu lange lagen Russland und manche seiner Nachbarn unter der Betonplatte des kommunistischen Totalitarismus. Darum musste mancher Anstoß zu Gesundung und Erneuerung von außen kommen. So auch jetzt: Die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland, die sich 1927 vom Moskauer Patriarchat trennte und erst 2007 die kanonische Verbindung wieder herstellte, fordert die Entfernung Lenins aus dem Mausoleum am Roten Platz, die Zerstörung der Lenin-Denkmäler in Russland und die Umbenennung von Städten, Straßen und Plätzen, die bis heute nach kommunistischen Verbrechern benannt sind. In Deutschland sind Hitler-Denkmäler und nach Nazi-Größen benannte Straßen undenkbar, doch eine vergleichbare Aufarbeitung der kommunistischen Tyrannei hat in Russland nicht stattgefunden. Die russisch-orthodoxen Bischöfe in der Diaspora mahnen in ihrem Hirtenbrief deshalb überaus geschichtsbewusst, die Transferierung Lenins – „des größten Christenverfolgers des 20. Jahrhunderts“ – weg vom Roten Platz wäre „ein Zeichen der Versöhnung des russischen Volkes mit Christus“.

In Moskau kann das nicht jeder so sehen. Schon hat der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion, in einem Fernsehinterview gebremst: Er sei zwar dafür, dass Straßennamen, die an sowjetische Funktionäre erinnern, geändert werden, doch dürfe man nichts übereilen. Vielmehr müssten die Umbenennungen von der Bevölkerung akzeptiert werden. Die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit setzt – das wird hier offenkundig – auch eine Reinigung des Gedächtnisses in der Russisch-Orthodoxen Kirche voraus. Sie ist von den Bolschewiken grausam verfolgt worden und hat einen entsetzlichen Blutzoll für die Treue zu Christus gezahlt. Dann aber hat sich die Kirchenführung 1943 mit der Diktatur von Josef Stalin arrangiert: Der Sowjetstaat und sein KGB hatten das Moskauer Patriarchat jahrzehntelang unter Kontrolle. Um an der Aufarbeitung der sowjetkommunistischen Tyrannis mitwirken zu können, muss sich die russische Orthodoxie diesen dunklen Seiten ihrer Geschichte stellen.

Stephan Baier. Foto: DT