Kommentar: Eine Geschichte voller Gewalt

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT

„Für keine der großen Weltreligionen besteht ein notwendiger und unvermeidlicher Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt“, meinte der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms, am Donnerstag in Bonn. Der Satz ist so richtig wie das Kleingedruckte in Versicherungsverträgen: Natürlich werden – um gleich zum Thema zu kommen – Muslime nicht „notwendig und unvermeidlich“ gewalttätig, wenn sie beten, fasten und im Koran lesen. Sie werden auch nicht umso gewalttätiger, je religiöser und frömmer sie werden. Die große Mehrheit der Muslime will, was überhaupt die Mehrheit der Menschheit will: ein Leben in Frieden, Sicherheit und privatem Glück. Und ja, es gibt in der Geschichte des Islam wie in der Lebenswirklichkeit von Muslimen heute auch großartige Beispiele für gelebte Gewaltlosigkeit, Toleranz, Friedfertigkeit und interreligiöse Koexistenz.

Der Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt ist, was den Islam angeht, nicht „notwendig und unvermeidlich“, aber leider naheliegend und von wachsender Brisanz: Im Gegensatz zum Neuen Testament ist der Koran in seiner Lehre über Krieg und Gewalt (höflich formuliert) ambivalent. Mohammed war nicht nur Religionsstifter, Weisheitslehrer oder Prediger, sondern auch Heerführer und Kriegsherr. Ja, die Neigung zur Gewalt wohnt dem gefallenen Menschen schlechthin inne. Darum zogen auch Christen immer wieder in Kriege, verübten Gräueltaten, mordeten und versklavten – all dies sogar unter Berufung auf Gott. Jedoch der Leitstern des Christen ist Christus, der leidende Gottesknecht und Friedensfürst. Sein Beispiel und seine Lehre sind das dem Christentum innewohnende Korrektiv: Darum mahnten die Päpste der vergangenen hundert Jahre so sehr zum Frieden und stemmten sich gegen die Kriege. Die Gewaltgeschichte des Islam kennt dieses innere Korrektiv nicht: Nicht nur gegen Anders- und Ungläubige, auch innerislamisch berufen muslimische Gewalttäter sich auf ihren Gott und seinen Propheten. Von einer Klärung des Verhältnisses von Religion und Gewalt scheinen Teile der islamischen Welt heute weit entfernt zu sein.