Kolumne: Herkunft und Zukunft Europas

Von Professor Lothar Roos

Derzeit wird in Brüssel und Straßburg viel über die Zukunft Europas diskutiert. Kann aber Europa eine Zukunft haben, wenn es seine Herkunft vergisst? Diese innere Verbindung war und ist ein Thema, mit dem sich Papst Benedikt XVI., der an diesem Ostersonntag seinen 90. Geburtstag begehen durfte, eindringlich befasst hat. Wenige Wochen vor seiner Wahl zum Papst hielt der damalige Kardinal Ratzinger in Subiaco einen weithin beachteten Vortrag über „Europa und die Krise der Kulturen“. Europa habe „seit der Renaissance und auf vollkommene Weise seit der Aufklärung gerade jene wissenschaftliche Rationalität entwickelt“, dank deren „technischer Kultur die ganze Welt geprägt“ worden sei. Obwohl die so ermöglichte Entfaltung des Menschen ihre Wurzeln zutiefst im christlichen Menschenbild hat, gerät gerade dieses immer mehr in Vergessenheit. Es habe sich „in Europa eine Kultur entwickelt, die Gott auf eine der Menschheit bislang unbekannte Weise aus dem öffentlichen Bewusstsein ausschließt“. Angesichts des vorherrschenden ethischen Relativismus stehe Europa heute „nicht nur zum Christentum, sondern zu allen religiösen und moralischen Traditionen der Welt in einem radikalen Widerspruch“. Der eigentliche Gegensatz bestehe heute nicht „zwischen den verschiedenen religiösen Kulturen, sondern zwischen der radikalen Emanzipation des Menschen von Gott, von den Wurzeln des Lebens auf der einen Seite und den großen religiösen Kulturen auf der anderen Seite“. Inzwischen habe man weithin vergessen, dass „die Aufklärung christlichen Ursprungs und nicht zufällig gerade und ausschließlich im Bereich des christlichen Glaubens entstanden“ sei. Deshalb gehe es heute um die Alternative, „ob die Welt aus dem Irrealen abstammt und die Vernunft folglich nichts anderes als ein – möglicherweise ihrer Entwicklung sogar schädliches – ,Nebenprodukt‘ ist, oder ob die Welt von der Vernunft abstammt und diese folglich ihr Maßstab und ihr Ziel ist“.

Solche Vernunft kann aber nur dann die Würde des Menschen gewährleisten, wenn sie sich an dem orientiert, „was allen Menschen wesensgemäß ist“. Deshalb „dürfen wir Gott nicht aus dem Auge verlieren, wenn wir unsere menschliche Würde nicht verlieren wollen“. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 wusste das noch, als sie feststellte, dass alle Menschen „von ihrem Schöpfer (by their creator) mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind“. Auch unser Grundgesetz „bekennt sich“ zu „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“ (Art. 1 Abs. 2). Eine solche Aussage lässt sich nur damit begründen, dass die Menschenwürde mit der Wesensnatur jedes Menschen verbunden und damit naturrechtlich verankert ist.

Genau daran hat Benedikt in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 erinnert. Im Zusammenhang mit seinen Aussagen zum Umweltschutz stellte er fest: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Genau von dieser Sicht auf den Menschen hat sich die Identität Europas entwickelt und ist deshalb auch Maßstab für seine Zukunft. In seiner Rede hält Benedikt abschließend fest: „Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.“

Der Autor ist em. Professor für Christliche Gesellschaftslehre und Pastoraltheologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft.