Kolumne: Ethik im digitalen Zeitalter

Von Marco Bonacker

Dr. Marco Bonacker. Foto: Archiv

„Das Auto ist eine ganz vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd“, sagte einst Kaiser Wilhelm II. Es sollte anders kommen. Der Fortschritt der Mobilität durch das Auto war im 20. Jahrhundert nicht mehr aufzuhalten und die technische Entwicklung und die stetige Senkung der Produktionskosten erlaubte bald die Motorisierung der gesamten Gesellschaft. Mit weitreichenden Folgen: Ganze Berufsbilder sind in der Folge weitgehend verschwunden, andere, neue Berufe entstanden. Der Aufstieg Deutschlands als führende Industrie- und Exportnation ist eng an die Automobilentwicklung gekoppelt. Um das Auto entstand sehr schnell eine ganze Infrastruktur, eine neue Kultur, ein neues Lebensgefühl, das bald allgegenwärtig war und das doch wenige Jahrzehnte zuvor unvorstellbar erschien.

Das Beispiel der Entwicklung rund um das Auto zeigt, dass technischer Fortschritt nicht aufgehalten werden kann und zudem oft schneller vonstatten geht als zunächst angenommen. Bereits Hannah Arendt hat in „Vita Activa“ 1958 darauf hingewiesen, dass „es im Wesen der Wissenschaft liegt, jeden einmal eingeschlagenen Weg bis an sein Ende zu verfolgen.“ Vielmehr muss Fortschritt also gestaltet und begleitet werden. Der Ethik kommt von daher eine kritische und wichtige Rolle zu.

Die heutigen technischen Entwicklungen der sich rapide ausweitenden Digitalisierung betreffen gerade auch unsere Mobilität und werden die Geschichte des Autos in naher Zukunft bestimmen. Autonome Systeme lösen den Menschen als Fahrer ab und verändern damit die individuelle Mobilität von Grund auf: Das autonom fahrende Auto wird die Vorzüge individueller Mobilität mit denen der passiven Beförderung verbinden und zudem die durch Menschen verursachten Fehler und Unfälle reduzieren. Auch hier werden neue Herausforderungen in sozialer Hinsicht zu erwarten sein.

Hinzu kommt die bisher noch viel zu wenig diskutierte ethische Komponente der Digitalisierung: Nach welchen Kriterien treffen intelligente Maschinen Entscheidungen? Wie sollen Maschinen in Dilemmasituationen handeln? Hat künstliche Intelligenz zugleich auch eine ethische Abwägungsfähigkeit?

Die Digitalisierung – dies zeigen die hier angesprochenen ethischen Problemstellungen – ist zu Recht eines der Hauptthemen des Bundestagswahlkampfes 2017. Es müssen politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Digitalisierung zu gestalten, um Deutschland und Europa in digitaler Hinsicht wettbewerbsfähig zu halten, ohne die neuen ethischen Fragen auszublenden.

So muss der digitale Wandel etwa auch sozial abgefedert werden: Viele Berufsgruppen, die schon jetzt in Konkurrenz zu intelligenten Maschinen stehen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Bereits heute übernehmen digitale Systeme juristische, planerische und überwachende Aufgaben. Sie werten genauer medizinische Daten aus, übernehmen effizienter Anlage- und Aktiengeschäfte und verwalten selbstständig Millionen von Daten in Wirtschaft und Verwaltung. Selbst einfache Presseberichte werden bereits durch Maschinen und Algorithmen erstellt. Man darf hier wiederum auf Hannah Arendt und „Vita Activa“ verweisen: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

Natürlich: Auch die Technisierung der Vergangenheit hat Berufsbilder zerstört – und zugleich sind immer wieder ganz neue Aufgaben und berufliche Möglichkeiten erwachsen. Teilweise wird dies auch in der Industrie 4.0 und der Digitalisierung der Gesellschaft der Fall sein. Ganz sicher aber werden vor allem Tätigkeiten für Geringqualifizierte immer weniger.

Dies bedeutet einerseits, dass die Bildungspolitik gefordert ist, die Durchlässigkeit zu höherer Bildung immer besser zu gewährleisten; die Erwachsenenbildung und ihr Konzept des lebensbegleitenden Lernens werden so immer wichtiger! Andererseits heißt dies gerade auch für die Migrations- und Integrationspolitik, dass Berufsqualifikationen und ein hohes Bildungsniveau für den Arbeitsmarkt noch stärker eingefordert und gefördert werden müssen. Schließlich müssen dabei auch die Unternehmen selbst in die Verantwortung genommen werden, um den sozialen Wandel durch Digitalisierung positiv und sozial zu gestalten.

Neben den hier angesprochenen entscheidungs- und sozialethischen Folgen der Digitalisierung für Gesellschaft, Industrie, Arbeitsmarkt und die Bildungspolitik, sind es schließlich auch die tiefgreifenden Folgen für die Privatsphäre des Menschen und damit seiner Integrität als Person, die von der digitalen und vernetzten Wirklichkeit ausgehen.

Der Mensch steht nicht nur in Konkurrenz zu arbeitenden, intelligenten Maschinen. Vielmehr wird er mit ihnen zusammenleben, von ihnen profitieren, zugleich aber auch von ihnen herausgefordert und verändert. Die Möglichkeiten der Vernetzung und der digitalen, sozialen Netzwerke verändert bereits heute anfanghaft unser Verhältnis zu unserer Lebenswirklichkeit.

Durch die permanente Selbstdokumentation und Veröffentlichung unseres Lebens durch das Smartphone auf Instagram oder Facebook wird die gelebte Gegenwart bereits heute vielfach auf ihre Verwertbarkeit als gute Erinnerung hin überprüft. Der Augenblick verliert seinen eigentlichen, spontanen Charakter, indem er sofort erinnert und geteilt werden will.

Daniel Kahnemann nennt diesen Effekt „antizipierte Erinnerung“ (anticipated memory). Auf diese Weise verschmelzen Erfahrung und Erinnerung und die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen verschwimmen.

Der Selbstdokumentation schließt sich zudem die Fremddokumentation an, die persönliche, digitale Profile aufgrund von Nutzungsverhalten im Internet erstellt. Persönliche Daten werden so zu der Ware des frühen 21. Jahrhunderts. Diese Daten werden schon heute benutzt, um etwa durch Mikrotargeting personalisierte Werbung, Wahlempfehlungen oder Versicherungstarife zu bekommen.

Es bedarf keiner dystopischen Vorstellung der Zukunft, um sich vor Augen zu führen, dass sich dieses System auch gegen den Menschen in seiner persönlichen Freiheit richten kann und Szenarien ermöglicht, die grenzverletzend oder manipulativ sind und schließlich sogar die Menschenwürde existenziell angreifen.

Die Stellung des Menschen als ethische Person und als würdebegabte Schöpfung zwischen Natur und Übernatur wird im Zeitalter der Digitalisierung und der intelligenten Maschine in besonderem Maße herauszustellen und zu schützen sein! Hier ist der freiheitliche Rechtsstaat aufgerufen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, ohne ihre Gefahren zu ignorieren.

Der Autor ist Referent der

Erwachsenenbildung im Bistum Fulda.