Kolumne: Die Kosten der Moral

Von Professor Christian Müller

Der gegenwärtige massive Zustrom von Flüchtlingen, so wird gern betont, nütze nicht zuletzt der deutschen Wirtschaft. Um sein Produktivitätsniveau zu halten, braucht Deutschland nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) etwa eine jährliche Nettozuwanderung von bis zu 533 000 Arbeitnehmern; die Flüchtlinge scheinen also wie gerufen zu kommen. Und da die Aufnahme von Flüchtlingen Kosten für die Versorgung und Integration der Geflüchteten von bis zu 29 Milliarden Euro pro Jahr verursacht, könnten, wie das Institut der deutschen Wirtschaft vorrechnet, diese Ausgaben noch dazu wie eine „Konjunkturspritze“ im Inland wirken.

Ist die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland also ökonomisch betrachtet ein gutes Geschäft? Jüngste Studien dürften diese Euphorie ein wenig dämpfen. Es stimmt, dass das deutsche Inlandsprodukt in Folge der Aufnahme von Flüchtlingen wächst, aber diese Zunahme verteilt sich auch auf eine größer gewordene Bevölkerung. Berücksichtigt man das Hinzukommen von 1,2 Millionen Menschen seit 2015, so ist das Durchschnittseinkommen in Deutschland sogar gesunken.

Auch die Arbeitsmarktzahlen sind alles andere als rosig. Denn die so positiv stimmenden Migrationsstudien beziehen sich meist nicht auf Flüchtlinge, sondern auf Zuwanderer aus dem EU-Ausland mit hohen Qualifikationen, welche die aktuell zu uns kommenden Migranten oft nicht mitbringen. Der neue IAB-Zuwanderungsmonitor zeichnet für Ende 2016 daher auch ein viel nüchterneres Bild: Danach waren im Herbst letzten Jahres lediglich 16,2 Prozent der Flüchtlinge beschäftigt; mehr als die Hälfte von ihnen war arbeitslos; über 42 Prozent erhielten Leistungen nach dem SGB II. Der Hauptgrund hierfür dürften die arbeitsmarktbezogenen (nicht nur sprachlichen) Qualifikationsdefizite der Flüchtlinge sein.

Dass der Fachkräftemangel durch die immigrierten Flüchtlinge zu beheben sei, erwartet eine neuere IAB-Studie daher gar nicht mehr. Den Steueraufkommen, die aus der Verjüngung des Arbeitskräftebestandes zu erwarten sein dürften, wird nach alledem wegen der mangelnden Arbeitsmarkteignung eine Belastung der öffentlichen Hand gegenüberstehen, die nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bis 2030 zu einem durchschnittlichen negativen Finanzierungssaldo von 2,11 Milliarden Euro pro Jahr führen würden, der selbst dann, wenn man künftige Erträge aus Investitionen in Sprachkompetenz dagegen rechnet, deutlich negativ bleibt. Steuererhöhungen dürften unvermeidlich sein.

Natürlich stimmt es, dass der Flüchtlingszustrom auch unter den Einheimischen Jobs schafft. Aber diese Vorteile fallen vor allem bei hoch qualifizierten und gut verdienenden Arbeitnehmern an, die direkt am Zustrom verdienen (etwa Lehrer, Pädagogen) oder die als Kapitaleigner Zuwanderer beschäftigen. Für Niedrigverdiener in einem unmittelbarem Substitutionsverhältnis zu den Zuwanderern könnte das Leben indes deutlich schwerer werden.

Per Saldo dürften die Belastungen der Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge für die deutsche Volkswirtschaft überwiegen. Diese Feststellung bedeutet natürlich nicht, dass Menschen in Not nicht geholfen werden sollte. Im Gegenteil: Auf dem Hintergrund der Verantwortung von Christen für ihre Nächsten dürfte eine kontrollierte Grenzöffnung für Hilfesuchende richtig sein. Aber Moral hat ihren Preis – in der Wirtschaft nicht anders als im übrigen Leben. Nur wenn man die durch die Flüchtlingskrise entstehenden Konsequenzen klar benennt, kann die Gesellschaft sich zu ihrer Lösung rüsten. Denn als Christen sind wir nicht nur den Flüchtlingen gegenüber verpflichtet, sondern auch den nachwachsenden Generationen unseres Landes.

Der Autor ist Professor am Institut für Ökonomische Bildung in Münster.