Katholikenrekord im US-Kongress

Jeder zehnte Parlamentarier ist Jesuitenschüler – Anteil der Protestanten seit 60er Jahren kontinuierlich gefallen. Von Thomas Spang

Funeral for Democratic Congressman from Hawaii K Mark Takai
Mögen die politischen Differenzen zwischen Nancy Pelosi, Minderheitsführerin der Demokraten im Abgeordnetenhaus, und Pau... Foto: dpa

Der Sprecher des US-Repräsentantenhauses, Paul Ryan (Republikaner), und die Minderheitsführerin der Demokraten, Nancy Pelosi, haben eines gemeinsam: Beide politischen Kontrahenten begreifen sich als praktizierende Katholiken. Dass sie heute wie selbstverständlich an der Spitze ihrer Fraktionen im Repräsentantenhaus stehen, zeigt, wie wenig konfessionelle Überzeugungen in der US-Politik noch einer Karriere im Weg stehen. Tatsächlich haben sich über die Jahre die Gewichte immer mehr vom Protestantismus hin zu den Katholiken verschoben. Diese stellen laut einer Erhebung des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew im neu gewählten Repräsentantenhaus 33 Prozent, im Senat 24 Prozent der Mitglieder. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtwählerschaft sind katholische Abgeordnete damit deutlich überrepräsentiert. Katholiken machten bei den Wahlen im November insgesamt 23 Prozent der Wähler aus. Laut Nachwahl-Umfragen stimmten 52 Prozent für Donald Trump und 45 Prozent für Hillary Clinton. Der Anteil der Protestanten fiel dagegen im US-Kongress – der sich aus Senat und Repräsentantenhaus zusammensetzt – seit den 1960er Jahren kontinuierlich. So stellten die Protestanten in den Jahren 1961 bis 1963 noch 398 Abgeordnete oder 75 Prozent; heute sind es 56 Prozent. Im 115. Kongress ist mehr als jeder zehnte Delegierte Absolvent oder Absolventin einer Jesuitenschule oder -hochschule. Diese Zahl stieg gegenüber der abgelaufenen Legislatur von 50 auf 56. Insgesamt hat der neue Kongress 535 Senatoren und Repräsentanten als Mitglieder. Davon sind 12 Jesuiten-Alumni im Senat und 44 im Repräsentantenhaus. Unter ihnen Catherine Cortez Masto als erste Latina im Senat und Stephanie Murphy als erste vietnamesisch-US-amerikanische Kongressabgeordnete. Von den Mitgliedern des 115. US-Kongresses beschreiben sich 91 Prozent als Christen. Das sind fast so viele wie Anfang der 1960er Jahre – damals bezeichneten sich 95 Prozent der Kongressmitglieder als Christen. In der Gesamtbevölkerung machen Christen laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 etwa 70,6 Prozent aus – deutlich weniger als im Kongress. „Eine denkbare Erklärung hat damit zu tun, dass uns die Befragten sagen, sie wählten eher einen gläubigen Kandidaten, als jemanden, der nicht religiös ist“, sagt der stellvertretende Leiter der Pew-Forschungsabteilung, Greg Smith. Dies korrespondiere nicht unbedingt mit den persönlichen Überzeugungen der Wähler. Ginge es danach, müsste die Zusammensetzung des neuen Kongresses ganz anders aussehen. So hat über die vergangenen Jahre die Zahl der Konfessionslosen in der Gesamtbevölkerung kontinuierlich zugenommen. Sie machen inzwischen 23 Prozent aller US-Amerikaner aus, aber nur 0,2 Prozent der Kongressmitglieder. Die einzige Abgeordnete, die als ihre Religion „keine“ ankreuzte, ist die Demokratin Kyrsten Sinema aus Arizona. Casey Brescia von der „Secular Coalition for America“ meint dazu, nichtreligiöse Kandidaten zahlten in den USA auch 2017 „noch einen Preis dafür, offen einen Mangel an religiösen Überzeugungen einzugestehen“. Während sich die Katholiken traditionell ziemlich gleichmäßig zwischen Republikanern und Demokraten aufteilen, haben die Protestanten bei den Republikanern ein deutliches Übergewicht. Dafür sind bis auf zwei jüdische Abgeordnete die Angehörigen aller nichtchristlichen Religionen eindeutig bei den Demokraten beheimatet. Mit 22 Abgeordneten und acht Senatoren stellen die Juden die größte nichtchristliche Gruppe im Kongress. Es folgen die Mormonen mit sieben Mitgliedern im Repräsentantenhaus und sechs im Senat sowie insgesamt fünf orthodoxe Christen. Muslime, Buddhisten und Hindus sind mit einem bis drei Abgeordneten vertreten. Apropos Orthodoxie: Erstmals haben die Christen der Ostkirche mit Reince Priebus einen der ihren im Zentrum der Macht. Der bisherige Generalsekretär der republikanischen Partei dient als designierter Stabschef im Weißen Haus dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump.

Entsprechend ihrer politischen Ausrichtung haben führende amerikanische Medien die Abschiedsrede des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama unterschiedlich kommentiert. So schrieb die liberale „Washington Post“: „Obamas Ansprache kam weniger einer Auflistung seiner Errungenschaften gleich, sondern vielmehr einer Bekräftigung von zukünftiger Stabilität.“ Sie vermittele eine Botschaft von Vertrauen und Gelassenheit an eine demokratische Partei, die sich noch vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen erholen muss. Im Gegensatz dazu war auf dem konservativen Nachrichtenportal „Fox News“ zu lesen: „Barack Obama beendete seine Präsidentschaft so, wie er sie begonnen hatte: mit hochtrabender Rhetorik und einer politischen Prahlerei, mit der seine tatsächlichen Leistungen nicht mithalten können.“ Trotz hoher Zustimmungswerte sei Obama weiterhin ein Symbol für entmutigte Demokraten, und kein erfolgreicher Präsident, der ein bedeutendes politisches Erbe hinterlässt.

Obama hatte sich mit einer Rede am Dienstagabend von den amerikanischen Bürgern verabschiedet. Darin betonte er, dass es auch in Zukunft gelte, Spannungen in der Gesellschaft zu überbrücken und die Demokratie zu verteidigen. „Unsere Demokratie ist bedroht, sobald wir sie als selbstverständlich erachten“, so Obama. Politik sei ein Wettstreit unterschiedlicher Ideen. „Wenn wir einander nicht zuhören, wenn wir aneinander vorbeireden, macht das Kompromisse unmöglich.“ Probleme totzuschweigen verrate die Grundsätze der Verfassung. DT/mlu