Gegen den harten Kern der Arbeitslosigkeit

Langzeitarbeitslose sollen besser gefördert werden – Umdenken in den Jobcentern. Von Robert Luchs

Sie sind der harte Kern der Arbeitslosigkeit. Viele Langzeitarbeitslose werden nie einen festen Arbeitsplatz finden können. Der Grund: Mangelnde Qualifikation und fehlende schulische Abschlüsse sowie unterbrochene oder sogar abgebrochene Ausbildung. Die Erfahrung der Jobcenter zeigt, dass die Perspektivlosigkeit groß ist, Hilfsarbeiten dienen der kurzzeitigen Überbrückung – sie sind auf Dauer keine solide Grundlage für ein geordnetes Berufsleben.

Vom Arbeitsmarkt weitgehend abgekoppelt sind in Deutschland zurzeit 899 000 Arbeitslose, 87 000 weniger als noch im vergangenen Jahr, aber immer noch viel zu viele. Die Langzeitarbeitslosen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, bilden einen großen Block in der Statistik, der kaum zu überwinden ist. Viele Betroffene fielen aufgrund von Krankheit, Rente oder Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen aus der Statistik. 12,2 Prozent nahmen eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt auf. 17,3 Prozent wurden wegen Arbeitsunfähigkeit aus der Statistik gestrichen. Für Kurzzeiterwerbslose, die weniger als zwölf Monate arbeitslos waren, war in 2016 in fast jedem dritten Fall eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt der Grund für die Beendigung der Arbeitslosigkeit.

Die Vize-Fraktionsvorsitzende der Linken, Sabine Zimmermann, betonte, die Gründe, warum Langzeiterwerbslose nicht mehr als arbeitslos gezählt würden, seien nur zu einem kleinen Teil auf eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die Bundesregierung müsse endlich die Realität zur Kenntnis nehmen und deutlich mehr für die vielen betroffenen Menschen tun. Der Sozialverband VdK Deutschland fordert ein nachhaltiges Konzept für mehr Chancen von Langzeitarbeitslosen. „Weiterbildungsprogramme, die insbesondere die individuelle Situation von gering Qualifizierten berücksichtigen, müssen ausgebaut werden“, fordert VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Notwendig sei ein öffentlich geförderter Arbeitsmarkt mit tariflich entlohnten und abgesicherten Arbeitsplätzen. AWO-Präsident Wilhelm Schmidt sagte dazu: „Die guten Arbeitsmarktzahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es viele verfestigte Arbeitslosenverhältnisse gibt, gegen die etwas getan werden muss.

Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im Juni 2,473 Millionen Menschen ohne Job. Das war der niedrigste Wert in diesem Monat seit 1991. Die AWO sieht die Lösung für die Abgehängten darin, einen breiteren sozialen Arbeitsmarkt zu schaffen. Nach vielen vergeblichen Versuchen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen zu reduzieren, startet die BA in Nürnberg einen neuen Versuch, dem Problem Herr zu werden. Der neue Vorstandschef der Bundesagentur, Detlef Scheele, will im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit alle Kräfte bündeln. Nur so sieht er eine Aussicht auf Erfolg. „Subventionierte Beschäftigungsverhältnisse“ heißt das Zauberwort – es muss also mehr Geld als bisher in die Hand genommen und an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

Die Pläne der Agentur-Spitze haben zum Teil einen neuen Ansatz. Die Familien der Arbeitslosen sollen mit einbezogen werden, etwa wenn Therapien erforderlich sind, eine Schuldnerberatung oder die Vermittlung eines Krippenplatzes. Auch kümmern sich die Arbeitsmarkt-Experten konsequenter um den Übergang Schule-Beruf und treiben das Konzept der Jugendberufsagenturen voran. Die engere Zusammenarbeit setze aber auch ein Umdenken bei den Jobcentern und Arbeitsagenturen voraus. Dazu gehöre, dass Langzeitarbeitslose häufiger damit rechnen müssten, zu Informationsgesprächen eingeladen zu werden. Dabei soll es darum gehen, die Sorgen in den Familien ebenso auszuloten wie die Interessen der Betroffenen, die bei einer eventuellen Wahl eines Arbeitsplatzes eine wichtige Rolle spielen könnten.

Auch wenn das Projekt noch in den „Laufschuhen“ steckt und von der nächsten Bundesregierung erst noch mitgetragen werden muss, worauf BA-Sprecher Paul Ebsen hinweist, werden die Vorbereitungen bereits jetzt intensiv vorangetrieben. Spätestens bis Jahresende sollen die ersten Projekte anlaufen. Scheele warnt vor überzogenen Erwartungen an sein Modell; zwar seien Mittel im SGB II (Grundsicherung) vorhanden, aber die reichten bei weitem nicht aus. Im kleinen Rahmen soll demonstriert werden, was man tun könnte, wenn mehr Geld zur Verfügung stünde. „Wir werden deshalb in einigen ausgewählten Regionen starten; da werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen“, betont Weise.

Nach wenig erfolgreichen Ansätzen in der Vergangenheit übt man sich nun in Zweckpessimismus. Der Arbeitsmarkt soll künftig stärker in den sozialen Bereich verlagert werden. Für die schwer Vermittelbaren will die Bundesagentur öffentlich geförderte Jobs anbieten, und zwar vor allem dort, wo sich Bundesländer an der Finanzierung der Stellen beteiligen. Damit soll demonstriert werden, dass die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit eine Gemeinschaftsaufgabe ist.

Unternehmer, die Langzeitarbeitslose einstellen, sollen finanzielle Unterstützung erhalten – wie viel, steht noch nicht fest. Im Gegenzug verzichten die Vermittelten auf Hartz IV. Die Regionaldirektoren der BA suchen zurzeit aus jedem Bundesland ein oder zwei Jobcenter als Modellregionen für einen ganzheitlichen Ansatz. Laut dem Forschungsinstitut (IAB) in Nürnberg gibt es eine Zielgruppe von etwa 100 000 Personen, die für das Programm in Frage käme. Voraussetzung: Sie sind mindestens vier Jahre arbeitslos, sie haben weitere, vermittlungshemmende Merkmale wie Alter, Gesundheit, keine abgeschlossene Berufsausbildung. Für diese Zielgruppe sollen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mit wertschöpfender Tätigkeit zur Verfügung gestellt werden. Diese können in ganz unterschiedlichen Branchen entstehen: Einfache Handwerksberufe bieten sich dafür an, zum Beispiel im Gartenbau, im Gebäudemanagement oder im Bereich einfache Dienstleistungen mit Menschen.

Paul Ebsen von der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit meint, eine solche Beschäftigung könne zwei Jahre dauern. „Im Einzelfall hat sich die Peron vielleicht so stabilisiert, dass man mit anderen Maßnahmen die Chancen am Arbeitsmarkt verbessern könnte.“ Der Bundestag wird letztlich über die Mittel für ein solches Programm entscheiden.