Die jungen Katholiken verlassen Bosnien

Europas Politiker schlafen, anstatt Bosnien-Herzegowina zu Gerechtigkeit zu verhelfen, meint Sarajevos Weihbischof Pero Sudar. Von Stephan Baier

Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan visits Bosnia
Recep Tayyip Erdogan ließ sich 2012, noch als türkischer Regierungschef, von Bosniens muslimischem Staatspräsidenten Bakir Izetbegovic den Soldatenfriedhof Kovaci in Sarajevo zeigen. Die Bevormundung durch Ankara erzürnt heute Bosniens Serben und Kroaten. Foto: dpa

Exzellenz, teilen Sie die Beobachtung, dass die Katholiken Bosniens überall unter Druck geraten sind: in der Republika Srpska durch die serbischen Nationalisten und eine anti-ökumenische Orthodoxie, im Rest des Landes durch eine verstärkte Islamisierung?

Die politische und deswegen auch die soziale Lage in Bosnien-Herzegowina ist so deprimierend, dass alle Menschen und Völker sich in Gefahr sehen und unzufrieden fühlen. Aus diesem Grund sehen und suchen viele Menschen ihre Zukunft im Ausland. Die Serben sind unzufrieden, weil sie die Republika Srpska nicht an Serbien anschließen dürfen. Den muslimischen Bosniaken ist nicht recht, dass es die Republika Srpska überhaupt gibt und dass sie so viel Autonomie besitzt. Die Kroaten fühlen sich bedroht, weil die politische Macht in der Föderation durch das Dayton-Abkommen und dessen Durchführung den Bosniaken gegeben wurde. Dies ist für die Kroaten ein zusätzlicher und entscheidender Grund, dieses Land zu verlassen.

Wie hat sich der traditionell moderate Islam in Bosnien durch ausländische Einflüsse gewandelt?

Die islamischen Kämpfer, die während des Krieges nach Bosnien-Herzegowina gekommen sind, um den hiesigen Muslimen zu helfen, haben eine andere, radikale Art des Islam mitgebracht und versuchen nun, diese unseren Muslimen aufzudrängen. Soweit ich es einschätzen kann, neigt die absolute Mehrheit der muslimischen Gläubigen in unserem Land nicht zu diesem radikalen Islam. Im Gegenteil! Aber jene, die ihn annehmen und verbreiten, sind sehr laut. Sie benützen auch die politischen Spannungen und die Ungerechtigkeiten im Land, um junge Menschen an sich zu ziehen. Die zukünftige Lage in dieser Hinsicht hängt, so meine ich, von der Dauer dieser ungerechten und unerträglichen politischen und wirtschaftlichen Lage im Lande ab, und besonders von der Rolle der internationalen Gemeinschaft.

Welche Rolle spielt die Türkei gegenüber Bosnien und den bosnischen Muslimen?

Die jetzige politische Führung in der Türkei investiert viel in Bosnien-Herzegowina und versucht dadurch immer engere politische Beziehung mit den hiesigen muslimischen Politikern zu etablieren. Das ist legitim und müsste an sich nichts Schlechtes bedeuten. Aber wenn Präsident Erdogan behauptet, dass die Türkei als Erbe der Osmanen einen Anspruch auf Bosnien-Herzegowina erheben darf, dann werden viele Menschen, besonders Serben und Kroaten, aus geschichtlichen Gründen nicht nur skeptisch, sondern zornig und besorgt. Jene, die diesem Land helfen könnten und sollten, nämlich die Politiker Europas, schlafen – wie während des Krieges und der Friedenskonferenz in Dayton, wo sich die wahre Tragödie abgespielt hat! Dort haben die USA unser Land ungerecht und unlogisch aufgeteilt und unsere Zukunft unmöglich gemacht. Sie haben damit auch die gefährliche Botschaft gesendet, dass im heutigen Europa ein gerechtes und friedliches Zusammenleben verschiedener Völker selbst dort nicht möglich ist, wo sie seit Jahrhunderten zusammenleben. Dies ist meiner Meinung nach eine Schande für die heutige Zivilisation, mit Folgen, die niemand voraussehen kann.

Worin besteht die ungerechte und unlogische Aufteilung des Landes?

Durch die aufgezwungene Aufteilung Bosnien-Herzegowinas in Dayton wurden 49 Prozent des Landes dem serbischen Volk gegeben, das vor dem Krieg 31 Prozent der Bevölkerung stellte, dessen Politiker und Soldaten die größten Kriegsverbrechen begingen und fast alle Kroaten und Muslime vertrieben. Dieser Teil unseres Landes wurde Republika Srpska genannt, was für die Leute bedeutet „Republik für die Serben“ – wohin also 800 000 Vertriebene nicht zurückkehren dürfen. Die heutige Lage des Landes und die Spannungen unter den Menschen zeigen, wie schwer es ist, mit einem so großen Unrecht zu leben!

Viele, insbesondere jüngere Katholiken verlassen Bosnien. Als Kroaten kommen sie leicht an eine kroatische Staatsbürgerschaft, und damit steht ihnen die gesamte EU als Arbeitsmarkt offen. Was bedeutet das für die katholische Präsenz in Bosnien-Herzegowina?

Im vergangenen Jahr sind 15 800 Kroaten, meistens junge Menschen, ausgewandert. Wenn man weiß, dass von rund 850 000 vor dem Krieg in Bosnien-Herzegowina lebenden kroatischen Katholiken nur 390 000 geblieben sind, so kann man die Zeit unserer Präsenz in diesem Land genau ausrechnen. Dies haben wir vor allem der Politik der sogenannten internationalen Gemeinschaft, mit der USA an der Spitze, zu „verdanken“. Die jungen Kroaten verlassen Bosnien-Herzegowina, nicht nur, weil sie sich – wie alle anderen – nach einem besseren Leben sehnen, sondern weil sie hier – mit Recht – eine politisch und sozial ungerechte Zukunft fürchten. Da hat niemand Gegenargumente!

Was könnte die Europäische Union tun, um die Staatlichkeit Bosnien-Herzegowinas zu stabilisieren und die Katholiken zum Bleiben – in der Republika Srpska auch zur Rückkehr – zu motivieren?

Dies ist eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, ob die EU irgendetwas tun könnte. Man sollte unsere politische Lage grundlegend ändern. Dafür bräuchte man ein starkes politisches Engagement der USA, was auch ihre moralische Schuldigkeit wäre, aber ich zweifle sehr daran.

Was tut die katholische Kirche für die Stabilisierung der bosnischen Gesellschaft und die Heilung der zahlreichen Wunden?

Die erste und meiner Meinung nach fundamentale Sache, die die katholische Kirche für das Überleben und für die Stabilisierung unserer Gesellschaft getan hat, war, dass sie sich weigerte, die ethnische Aufteilung im Krieg und nach dem Dayton-Vertrag zu akzeptieren. Die Kirche hat sich aus der Republika Srpska nicht zurückgezogen. Stattdessen hat sie alle zerstörten Kirchen neu aufgebaut und Priester entsandt, selbst dort, wo nur 20 oder 30 Katholiken geblieben sind. Zudem bemüht sie sich, konkrete Zeichen zu setzen: Unsere Caritas hilft nicht nur den Katholiken, und unsere Schulen stehen allen offen. Unsere Kirche bemüht sich, für die Ökumene und für den interreligiösen Dialog offen zu sein, und ehrlich für das Zusammenleben einzustehen. Dafür aber muss sie überleben!

Hat der Besuch von Papst Franziskus in Sarajevo im Juni 2015 das Klima zwischen den Religionsgemeinschaften bleibend geprägt oder gar verändert?

Das Klima hat sich für einen Tag etwas geändert. Dem Papst wurde applaudiert und zugewinkt, aber die tiefen Wunden und die je eigenen Überzeugungen sind geblieben. Mit schönen Worten allein kann sich so eine schwere Lage nicht bessern. Dafür bräuchte man viel mehr Einsatz von Politikern und ernsthafte tägliche Bemühungen seitens der Bürger. Das jedoch fehlt.