Die Folgen der Vergreisung

Laut einer Studie des Kölner Instituts der Wirtschaft wird sich das Wirtschaftswachstum bis zum Jahr 2035 mehr als halbieren. Von Robert Luchs

Konjunktur in Niedersachsen
Alarmstufe Rot? Noch brummt die Wirtschaft in Deutschland: Doch aufgrund des demografischen Wandels wird die Zahl der Me... Foto: dpa

Wenn Verbände, Institute oder politische Stiftungen ihre Studien an den Mann bringen, dann kann man davon ausgehen, dass sie damit eine Absicht verfolgen. Gewerkschaften richten die Aufmerksamkeit ihrer Klientel etwa auf wachsende Familienarmut oder die auf Dauer negativen Auswirkungen der Teilzeitarbeit. Lehrerverbände wiederum wollen erreichen, dass mehr Mittel freigegeben werden, damit die Bildung nicht zu kurz kommt. Wenn Wirtschaftsverbände sich zum Demografie-Wandel zu Wort melden, dann kann man sicher sein, dass sie den von der Politik gelenkten Zug auf ein Gleis schieben wollen, der in Richtung Absicherung des Wachstums fährt.

Auf die Ergebnisse der Untersuchungen wird nicht selten noch verbal draufgesattelt – schließlich soll das Echo nachhaltig sein. So zu lesen in der jüngsten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die ein düsteres Bild für Deutschlands gar nicht so ferne Zukunft zeichnet. Die Ausgaben des Staates für die Rente, Pflege und die gesetzliche Krankenversicherung explodierten, hinzu kämen noch „riesige Lücken“ am Arbeitsmarkt. Der Standort Deutschland sei durch die zunehmende Vergreisung erheblich gefährdet. Zwar könne es einige Jahre mit dem Boom noch weitergehen, so die Wirtschaftsexperten. Doch richte man den Blick längerfristig in die Zukunft, dann sehe die Lage gar nicht mehr rosig aus. Der Grund: der fortschreitende demografische Wandel werde das Wachstum in Deutschland deutlich belasten.

Wenn in wenigen Jahren die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden, werden Berufseinsteiger und qualifizierte Zuwanderer diese Lücken nur unzureichend schließen. Der Anteil der über 67-Jährigen an der Bevölkerung steigt dann von heute 17,7 auf 25,8 Prozent im Jahr 2035, hat das arbeitgebernahe Institut berechnet. Zugleich schrumpfe der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter um 2,7 Millionen oder fünf Prozent. Das vorausberechnete jährliche Wirtschaftswachstum werde sich daher mehr als halbieren, von jetzt 1,7 auf 0,7 Prozent.

Gleichzeitig sagt die Studie bis zum Jahr 2035 einen Anstieg der Ausgaben für Rente, Pflege und die gesetzliche Krankenversicherung um 50 Prozent über dem heutigen Niveau voraus. Kosten, die dann vor allem die nächste Generation wird tragen müssen. Diese dramatische Entwicklung hat zur Folge, dass es zu erheblichen Einbußen beim Einkommen und Wohlstand der Bevölkerung kommt. Schon heute ist abzusehen, dass die sich bereits jetzt ankündigenden Verteilungskämpfe in der Gesellschaft stark zunehmen werden. Die IW-Experten kommen daher zu dem Schluss, dass die Politik in vielen sozialen Bereichen entschieden gegensteuern muss, soll Deutschland über kurz oder lang im internationalen Wettbewerb mithalten können. Daher müsse ein größerer Anteil der Bevölkerung in Deutschland arbeiten, das gesetzliche Renteneintrittsalter müsse allen Unkenrufen zum Trotz schrittweise auf 68 Jahre angehoben werden und auch die Wochenarbeitszeit müsse wieder leicht ansteigen. Allein dadurch lasse sich das Wachstum in den nächsten Jahren 18 Jahren jährlich um 0,2 Prozent steigern. Forderungen, die den Gewerkschaften die Zornesröte ins Gesicht treiben, handelt es sich doch um Eckpfeiler ihrer Arbeit und ihrer Tarifpolitik. Nirgendwo wird zugleich der sinkende Einfluss der Gewerkschaften deutlicher als bei den Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, um dem Dilemma auszuweichen. Der Staat und die Unternehmen müssten mehr in Infrastruktur, wie marode Straßen und Brücken sowie Bildung, Forschung und Entwicklung investieren. Dann, so die IW-Experten, könne das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2035 um 265 Milliarden Euro höher ausfallen als ohne diese Impulse. IW-Direktor Michael Hüther warnt: „Nichts zu machen, würde teurer werden.“ Eine kluge und weitsichtige Wirtschaftspolitik könne den demografiebedingten Wachstumseinbruch ausgleichen. Hüther wollte nicht ausschließen, dass das jährliche BIP-Wachstum nach einer Schwächephase wieder auf das bisher gewohnte durchschnittliche Niveau von knapp 1,5 Prozent ausgeglichen werden könne. Außerdem erwarten die Experten, dass der technologische Fortschritt „einen mehr oder weniger gleichmäßigen Wachstumsbeitrag“ liefern werde. Allerdings lasse sich die Tatsache, dass immer weniger Menschen arbeiten, nicht allein durch Innovationen ausgleichen.

Das Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg rechnet zwar ähnlich wie das IW damit, dass die Zahl der Arbeitskräfte langfristig abnimmt. Doch geht das Nürnberger Institut davon aus, dass die zunehmende Digitalisierung diesen negativen Effekt abfedern kann. Auch die Zuwanderung kann dazu beitragen, das Wachstumsproblem zu lösen – auch wenn beim Einsetzen des Flüchtlingsstroms zunächst falsche Hoffnungen geweckt worden waren. Das Kölner IW geht von einer jährlichen Netto-Zuwanderung von 218 000 Menschen aus (Einwanderer minus Auswanderer). Diese müssten in die Gesellschaft integriert und beruflich qualifiziert werden. Bei der Qualifikation gebe es jedoch auch unter den EU-Ausländern erhebliche Unterschiede. So seien die Zuwanderer aus Nord- und Westeuropa „deutlich besser qualifiziert“ als die Zuwanderer aus den östlichen EU-Mitgliedsländern.