Mein junger Glaube im Alltag: Katechese anders: Gute Vorsätze: Kirche als Heimat

Vergnügen mit Botschaft

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Dienstagabend, kurz vor halb neun auf dem kleinen Platz hinter der Pfarrkirche St. Jean-Baptiste de Grenelle im 15. Bezirk von Paris. Langsam trudeln die jungen Menschen ein, überqueren den Platz und steigen hinab zum Eingang der Krypta. 120 bis 130 Studenten und junge Berufstätige nehmen hier laut Pfarrvikar Grégoire Meunier, der EVEN seit bald zwei Jahren begleitet, jährlich am Programm teil. In Paris sind es insgesamt fast 1 800 pro Jahr, in ganz Frankreich 2 400.

Keine Teaser im Internet, keine bedruckten T-Shirts, keine Hochglanz-Flyer bewerben EVEN. Mit voller Absicht. Denn EVEN wirbt nicht für ein Massenevent, sondern für die freie und persönliche Entscheidung des Einzelnen für den Glauben. EVEN bedeutet „Ecole du Verbe éternel et nouveau“ (Schule des ewigen und neuen Wortes) und ist eine Art Glaubenskurs, wie Pere Meunier erklärt: „Das Jahr beginnt mit einem ersten, anthropologischen Abschnitt, in dem wir über die Menschen sprechen, wie sie sind, das Leben, welches an sich wunderbar ist, aber auch ein Ort der Sünde und des Kampfes, sodass wir eine Einheit in ihm suchen müssen. Dann eine zweite, eher kontemplative Periode, in der wir uns durch die Bibel bewegen, verschiedene Orte und Personen kennenlernen und insbesondere unsere persönliche Beziehung zu Jesus vertiefen. Und dann schließlich ein dritter Abschnitt, der dem geistlichen Kampf gewidmet ist. Hier geht es um die Hauptsünden oder die Zehn Gebote, je nach Jahr. Die letzten Stunden beschäftigen sich schließlich mit dem ewigen Leben.“

EVEN ist keine Vortragsreihe, sondern erwartet von den Teilnehmern einen aktiven und vor allem beständigen Einsatz. Die Teilnehmer studieren bei jedem Treffen in Kleingruppen Bibelstellen oder Texte von Päpsten und Kirchenlehrern. Anschließend wird anhand von vorgegebenen Fragen diskutiert. Die jungen Menschen sollen dazu befähigt werden, ihr Leben im Lichte des Glaubens zu verstehen, ihre Entscheidungen an Christus zu orientieren und zu erkennen, dass die Kirche sich aus jedem einzelnen ihrer Mitglieder zusammensetzt. Genial ist das Konzept, weil Theorie und Praxis hier zusammenspielen. Die Kölner EVEN-Gruppe hat als erste Gruppe außerhalb Frankreichs das Kürzel EVEN als „Evangelium und Engagement“ interpretiert. Studium des Evangeliums und persönliches Engagement in der und für die Gruppe sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille: das Leben in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche.

Die Autorin, 27, lebt in Paris und engagiert sich für die Initiative „Pontifex“

Viele auch weniger religiöse Menschen haben sich für die Fastenzeit Vorsätze vorgenommen. Mehr Bewegung, weniger essen, Genussmittel beiseitelassen, sich mal mehr Zeit nehmen für seine Freundschaften. Doch seien wir ehrlich, sich die ganze Fastenzeit lang dran zu halten, ist schon schwer. Ertappt habe ich mich selbst in der vergangenen Woche, als ich mit Freunden beim Essen war – dem Duft eines knusprigen Schweinebratens war schwer zu widerstehen. Woran liegt es, dass wir uns in der praktischen Umsetzung, unser Leben zum Guten zu ändern, so schwer tun? Aufschlussreich sind da die Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie. Routinierte Angewohnheiten wie Radfahren, Stricken oder eben unsere Essgewohnheiten haben wir uns in der Regel von anderen Menschen abgeschaut und über einen längeren Zeitraum hinweg eingeübt. Antrainierte Fähigkeiten, die unser Gehirn nur noch unbewusst abzurufen braucht, sind nicht mithilfe einer vierzigtägigen Kur zu ändern. Sich dessen bewusst zu werden, kann zu Resignation führen. Oder zu der Einsicht, dass sich die Dinge nicht leicht ändern lassen. „Der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber schwach“, stellte Jesus fest, als er Petrus an seiner Weisung, mit ihm zu wachen und zu beten, scheitern sah (Mt 26,41).

Veränderungen an der eigenen Person klappen jedoch nicht durch überzogene Strenge mit sich selbst. Die Bewältigung einer großen Aufgabe funktioniert, indem man freundlich und geduldig zu sich selbst ist. Positive Thinking widerspricht also nicht dem asketischen Anliegen der vorösterlichen Bußzeit. Im Gegenteil: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. … Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“, so Paulus an die römische Gemeinde (12,17.21). „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ – gerade auch gegenüber euch selbst, möchte man ergänzen.

Der Autor, 23, studiert Katholische Theologie in Regensburg

Ein flaues Gefühl hatte ich bei den Ergebnissen der Münsteraner Studie über die Kirchenaustritte in Deutschland. Ein wenig war es so, als hätte ich nun schwarz auf weiß vor mir, was längst zu meinen Alltagserfahrungen gehört: Als Kirchensympathisant droht man mehr und mehr zu einer schräg angeschauten Minderheit zu gehören. Automatisch steigt da der Rechtfertigungsdruck: Der einfachste und am nächsten liegende Grund – wegen Jesus Christus – reicht längst nicht mehr aus, um zu erklären, warum man überhaupt noch „dabei ist“. Warum eigentlich nicht? Weil er an den eigentlichen Gründen vorbeischießt, wegen derer die meisten „aussteigen“.

Doch gerade dieser tiefere Grund kann den Menschen, trotz mancher Skepsis an deren institutionellen Rahmenbedingungen, an die Kirche binden. Er berührt nämlich die alles entscheidende Frage nach dem Glauben, die sich jeder Mensch früher oder später einmal stellt. Auch dann, wenn er mit sich hadert, aus der Kirche auszutreten. Deshalb kann ein Austritt gerade auch das Gegenteil von vermeintlichem Glaubensmangel bedeuten. Dahinter kann sich auch das stille Verlangen nach dem sinngebenden „Mehr im Leben“ verbergen, das man sich von der Kirche nicht mehr erwartet, den Einstieg in ein persönliches Glaubensgespräch dafür aber umso mehr eröffnen kann – oder vielleicht sogar will.

„Zeugnis geben“ nennen das die Bischöfe – und meinen dabei gerade keine kirchlichen Rahmenordnungen, sondern nicht mehr und nicht weniger als das Evangelium. Und wie zustimmungsfähig die Kraft ist, die von ihm ausgeht und alles andere als „altbacken“ oder „weltfremd“ ist, zeigt sich mir – paradoxerweise – just zur selben Zeit, da die Studie in Münster diskutiert wird: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“, wird Jesus vom Evangelisten Matthäus zitiert (Mt 25,35). Angesichts von derzeit 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg oder Verfolgung haben die Worte dramatische Aktualität. Und es zeigt sich in der öffentlichen Debatte mehrheitlich, dass die Kirche punkten kann, wo sie sich an kontroverser Stelle dem Evangelium und der Weisung Jesu verpflichtet.

Und den Fremden in der Kirche aufzunehmen muss sich nicht nur wörtlich im gewährten Dach über dem Kopf erschöpfen. Es kann auch heißen, ihm eine Heimat, einen festen und überzeugt angenommenen Platz in der Gemeinschaft der Kirche zu gewähren. Das mag auch den ein oder anderen „Austrittskandidaten“ dazu anhalten, die Kirche wieder neu als eine, als seine Heimat zu entdecken.

Der Autor, 25, studiert Katholische Theologie in München

Mein junger Glaube im Alltag: Stets verbunden: Verstehen lernen: Um 180 Grad