Gott ist ganz anders, als wir Menschen uns ihn so vorstellen – Die bevorstehenden Kartage machen das besonders deutlich : Der wichtigste Tag nach dem Urknall

Gott ist tot! Das ist die erdrückende Botschaft des Karfreitags. Er, der vermeintlich Ewige, Allmächtige, Gute, Beschützende, Liebende und mit sonstigen wohlklingenden Namen und Attributen belegte Gott, er ist tot! Und da hilft auch keine Beschönigung und kein theologischer Rettungsversuch etwas. Mit dem unschuldigen Jesus aus Nazareth ist am Kreuz der Gott des Universums gestorben, wie ihn sich die Menschen seit je her vorgestellt, erhofft und geglaubt haben. Ja, es ist sogar der Gott gestorben, der, wie es in den Schriften des Alten Testamentes heißt, die Sache des Gerechten zu einem guten Ende bringt, der den Unschuldigen beschützt und alle Frevler zunichte macht. Auch dieser Gott ist tot.

Denn der unschuldige und gerechte Jesus ist ebenso gestorben wie die beiden Verbrecher links und rechts neben ihm. Die Frevler, also die Heiden, die Ungehorsamen und die Verstockten, haben den Triumph der Hinrichtung Jesu feiern können und wurden nicht von einem gerechten Gott daran gehindert. Es ist der liebende Vater im Himmel tot, der tatenlos zusehen konnte, wie sein Sohn einen qualvollen Foltertod erleidet und der auch bis heute offensichtlich tatenlos zusehen kann, wie ungezählte unschuldige Menschen, Kinder, Frauen und Wehrlose einen gewaltsamen Tod erleiden.

Bis heute scheinen die verruchten Mächtigen die Herrschaft über das Weltgeschehen zu haben, machtgesteuert und profitgesteuert. Sie können das, weil kein Gott für die Sache der Unschuldigen eintritt und sie aus den gewalttätigen Händen ihrer Peiniger befreit. Kein „himmlischer Vater“ weit und breit.

Auch der Heilige Geist ist am Karfreitag auf Golgota gestorben. Kein Geist weit und breit, der alles neu macht, der die göttliche Weisheit zum Wohl der Menschen erfahrbar werden lässt, kein göttlicher Geist, der die Menschen bekehrt, der die Entscheidungen der Mächtigen weiser machen würde. Kein Geist mehr, der die Propheten inspirierte und das Volk Gottes geführt hatte.

Was ist am Karfreitag übriggeblieben von jenem Gott, den Jesus verkündet hat, an den er sich geklammert hat, der ihn die Einheit mit dem Himmel hat spüren lassen. Übrig geblieben ist am Karfreitag ein gottverlassener Jesus, der in seiner Ohnmacht mit letzter Kraft das große „Warum...“ der Menschheit vom Kreuz herab geschrien hat. Ein Warum, das bis heute nachklingt und Gültigkeit hat und unzählige Male allerorts von ebenfalls unschuldigen Menschen geschrien wird. Und dieser Schrei der zahllosen leidenden Menschen verweht ebenso im Wind wie der Schrei Jesu, der damit nur noch mehr Spott und Hohn der Umstehenden geerntet hatte. Am Karfreitag ist ein Gott gestorben, dem in unserem Land die Menschen in Scharen davonlaufen, der in Satiremagazinen zum Gelächter wird, der kaum mehr die Menschen von heute – egal welchen Alters – ansprechen und erreichen kann. Karfreitag ist der Todestag dieses Gottes, den man nicht mehr verstehen kann, den offensichtlich keiner mehr „brauchen“ kann, der in unserer Gesellschaft nichts mehr verloren hat und auch nicht mehr zurückkommen wird, weil er hier eben nichts verloren hat.

Oder hat er vielleicht doch etwas verloren? Ja, Gott hat seinen guten Ruf verloren, seine Herrlichkeit, seine Lebens- und Menschennähe. Und so wie die Jünger vor dem Schicksal Jesu geflüchtet sind in alle Himmelsrichtungen, so sind auch die Menschen davongelaufen bis heute vor jenem unbegreiflichen Gott, der sich nicht einmal rechtfertigt für das grausame Schauspiel (wenn es denn nur ein „Schauspiel“ wäre), das er hier auf dieser Welt abgibt, bis heute.

Es ist gut, dass dieser Gott gestorben ist! Ja, es ist gut, dass dieser Gott gestorben ist. So wie ihn sich die Menschen vorgestellt und gewünscht haben. Diesen Gott gab es nämlich nie! Denn Gott, das steht fest, Gott geht uns nicht in den Kopf und er wird auch nie und nimmer in unsere Köpfe gehen. Der eine und wahre Gott – und nur diesen gibt es – er geht allenfalls in das Herz, wenn wir es ihm öffnen. Er will Platz nehmen in unseren Herzen, weil Herzen nicht berechnen, weil Herzen auch das Unlogische lieben können, weil Entscheidungen keiner Begründung bedürfen, wenn sie von Herzen kommen.

„Gott hat sich zu Weihnachten ein Herz genommen.“ Dieser einfache Satz des früheren Bischofs von Aachen, Klaus Hemmerle, schließt eine Konsequenz mit ein: Die Konsequenz nämlich, dass nur Herzen fähig sind, das eigene Leben hinzugeben, aus Liebe. Es ist die Logik des Herzens, das Leben zu geben für den Geliebten, damit dieser leben kann. Und die Liebe weiß, dass sie trotzdem irgendwie weiterlebt und aufersteht zu etwas Neuem, Größeren.

Das war die Überzeugung und die Botschaft Jesu: Er muss nicht sterben, sondern er gibt sein Leben freiwillig hin, damit wir verstehen können, was Liebe ist und diese Seine Liebe nachahmen, soweit wir es vermögen ... irgendwie. Und im Tod Jesu wollte auch der Vater im Himmel „sterben“, so wie er bisher verstanden, von Menschen „gebraucht“ und verehrt wurde. Auch der Vater im Himmel wollte „auferstehen“ in neuer Herrlichkeit mit dem Sohn, dem er alles übergeben hat. Und im Tod Jesu wollte auch der Heilige Geist „sterben“, so wie er bisher als der Ferne und Geheimnisvolle verstanden wurde.

Auch der Heilige Geist wollte „auferstehen“ und zwar nicht nur ausgehen vom Vater und vom Sohn, sondern auch von jedem, der mit dem Willen des Vaters und des Sohnes eins ist.

Von jedem Menschen, der Jesus folgt, möchte nunmehr der Heilige Geist ausgehen in diese Welt hinein und Neues bewirken. Was haben wir nun von einem solchen, auf Golgota „hingerichteten“ Gott? Wir haben einen Gott, der uns jede Angst vor dem Sterben nehmen will, weil jedes Sterben ein Stück unendlicher Liebe sein kann, die Voraussetzung für das Neue ist, das die Liebe hervorbringt. Wenn Gott der Ewig-Neue ist, dann nur deswegen, weil er auch der Ewig-sich-Hingebende ist. Auf Golgota hat es einen für uns sichtbaren Anfang genommen, damit wir glauben können. Denn Gott ist der Ewig-sich-Hingebende und deswegen der Ewig-zu-Neuem-Auferstehende. In jedem unserer Momente des Sterbens und der liebenden Hingabe sind wir mitten drin in der göttlichen Dynamik der sogenannten Perichorese, des ewigen Ineinander-Wohnens und Füreinander-Sterbens und Miteinander-Auferstehens. Gott sei Dank für den Karfreitag! Es ist der wichtigste Tag nach dem Urknall. Der Karfreitag macht den Himmel möglich!