"Wo mein Altar steht, da ist meine Heimat"

Der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild, Prälat Wilhelm Imkamp, geht in den Ruhestand und zieht eine Bilanz seines seelsorglichen Wirkens. Von Regina Einig

Prälat Imkamp in seinem Arbeitszimmer. Foto: Andreas Müller

In dreißig Jahren hat Prälat Wilhelm Imkamp den mittelschwäbischen Wallfahrtsort Maria Vesperbild zu einem bundesweit bekannten Markenzeichen traditioneller Volksfrömmigkeit aufgebaut. Zum Jahresende geht er in den Ruhestand. Mit vielen Büchern und Mops Albizzi zieht er nach Regensburg, wo er die Leitung der fürstlichen Hofbibliothek übernimmt. Zwei Klosterzellen in jenem Schlossteil, in dem sich das alte Benediktinerkloster Sankt Emmeram befindet, werden sein neues Domizil. Im Interview mit Regina Einig zieht der Prälat Bilanz.

Herr Prälat, welche Ereignisse betrachten Sie rückblickend als Highlights Ihrer Zeit in Maria Vesperbild?

Da waren zuerst die großen kirchlichen Ereignisse: die Wahl Joseph Ratzingers und die Wahl Jorge Bergoglios zum Papst! In der Nähe der Gottesmutter, die ja die „Mutter der Kirche“ ist, zu erleben, wie der Heilige Geist die Kirche neu beschenkt, ist schon etwas ganz Besonderes. Dann die großen Baumaßnahmen, mit denen die Infrastruktur der Wallfahrt eigentlich erst hergestellt wurde. Da bin ich schon heftig auf den katholischen Grundsatz gestoßen worden: gratia supponit naturam! (Die Gnade setzt die Natur voraus, Ü.d.R.) Eine Wallfahrt ohne eine adäquate Toilettenanlage zum Beispiel – das geht heute gar nicht mehr.
Ein besonderes Ereignis, das sich jährlich wiederholt, ist der 15. August, wo herausragende Bischöfe beziehungsweise Kardinäle an unserer Fatimagrotte ein Pontifikalamt zelebrieren. Für mich besonders berührend war Kardinal Augustin Mayer OSB im Jahre 1991. Er hatte 15 Jahre zuvor in der Kirche der Schmerzhaften Gottesmutter, der deutschen Nationalkirche in Rom, die Predigt bei meinem ersten heiligen Messopfer gehalten. Und jetzt stand er hier am Altar an der Grotte, da wurde für mich der Spannungsbogen der Vorsehung einen Moment ganz deutlich.

Lohnt es sich für einen Priester, das Leben in den Dienst der Marienverehrung und Seelsorge zu stellen?

Ein katholischer Priester ohne Marienverehrung ist eigentlich gar nicht denkbar. Ein Priester ohne Seelsorge auch nicht, denn auch die Priester, die in pastoralferneren Berufen stehen, leben doch immer in dieser Welt, haben auch immer Kontakt mit den Menschen dieser Welt und sind verpflichtet, diesen Menschen zumindest ein Seelsorgsangebot direkt oder indirekt zu machen. Deswegen halte ich es auch für falsch, wenn Priester „undercover“ auftreten. Sie verhindern damit, dass Menschen eine Angebotsmöglichkeit zwanglos wahrnehmen können. Papst Paul VI. hat Maria während des II. Vatikanischen Konzils feierlich den Titel „Mutter der Kirche“ verliehen. Damit ist Maria auch die Mutter der Seelsorge, denn Seelsorge ist ja nichts anderes als Sorge an und Sorge um die Seelen und das Seelenheil. Ein katholischer Priester sollte aus der Verehrung der Mutter die Kraft schöpfen, vielen Menschen das Seelenheil als eine Wirklichkeit zu präsentieren, die anziehend wirkt und den Menschen Chancen und Freiräume ungeahnten Ausmaßes erschließen.

Hat sich die binnenkirchliche Sicht auf die Volksfrömmigkeit seit Ihrer Priesterweihe verändert?

Ja. Als ich vor 30 Jahren hier angefangen habe, wurde alles, was mit Volksfrömmigkeit zu tun hatte, noch eher misstrauisch beäugt. Es wurde zugelassen, aber nicht gefördert. Ich habe hier zum Beispiel sofort eingeführt, auch während der Sonntagsmessen und den Werktagsmessen Beichte zu hören. Das trug mir viele wütende Zuschriften ein, mit denen ich ganz gut leben konnte. 2002 wurde dann diese beschimpfte Praxis von der Gottesdienstkongregation ausdrücklich empfohlen, und diese Empfehlung musste in den diözesanen Amtsblättern abgedruckt werden.
Dann hat der gegenwärtig regierende Papst der Volksfrömmigkeit einen entscheidenden neuen Impuls gegeben. Die Volksfrömmigkeit ist für ihn ein theologischer Ort, ein „locus theologicus“. Das bedeutet eine enorme, gerade auch theologische, Aufwertung der Volksfrömmigkeit, die wir nicht nur der historischen Religionssoziologie überlassen sollten!
Zwei ganz entscheidende Punkte im Lehramt des gegenwärtig regierenden Papstes werden kaum berücksichtigt und entschieden beschwiegen, nämlich die Volksfrömmigkeit als theologischer Ort und die Beichte. Kein Papst im 20. Jahrhundert hat so viel über die Beichte gesprochen wie dieser Papst. Alle theologischen Aussagen, die auch häufig als Ausübung des Lehramtes verstanden werden, fußen auf dem Kontakt im Beichtstuhl, beziehungsweise im Sakrament – wie man heute sagt – der Versöhnung. Das ist auch gute jesuitische Tradition. Die Moraltheologie ist ja schließlich aus den Fragen der Beichtkinder im Beichtstuhl entstanden. Diese pastoral-sakramentale Dimension, auch im historischen Kontext der Theologie der alten Gesellschaft Jesu, öffnet erst den Blick auf die realen Implikationen päpstlicher Verlautbarungen: ohne Beichte geht gar nicht.

Welche Zukunftspläne haben Sie?

Natürlich habe ich einige Zukunftspläne, aber ich bin nicht nur bei Pastoralplänen skeptisch, sondern auch mit den eigenen Plänen. Die Zeit von Fünf-Jahres-Plänen ist nämlich endgültig abgelaufen im real existierenden Sozialismus, aber auch für pastorale Planung – die Bürokraten haben es nur noch nicht gemerkt.
Ich kann nur Wünsche für die Zukunft äußern: ich möchte ein wenig wissenschaftlich arbeiten, auch einmal ein bis zwei Wochen am Stück in Rom sein, und ganz sicherlich wird in welcher Form auch immer eine durchaus zeitintensive Individualseelsorge oder wie man heute sagt klientelzentrierte Pastoral, meinen Alltag mitbestimmen.

Worin sehen Sie künftig den Mittelpunkt Ihres Lebens?

Der Mittelpunkt des Lebens eines Priesters, das, was seine Alltagsplanung und das, was seine Ruhestandsplanung betrifft, sollte die Darbringung des heiligen Messopfers sein. Das Messopfer ist das Zentrum eines priesterlichen Lebens, und der Altar ist die Heimat. Wo mein Altar steht, da ist meine Heimat. Gerade auch für einen Priester nach der aktiven Dienstzeit besteht das große Gnadenangebot: Messopfer, Brevier, Rosenkranz noch zeitintensiver zu feiern, als das unter dem alltäglichen Termindruck oft möglich ist.

Wagen Sie eine Prognose für die Volksfrömmigkeit im Allgemeinen und Maria Vesperbild im Besonderen.

Mit Prognosen tue ich mich schwer, aber eine Volksfrömmigkeit, die zu ihrer eigenen Tradition steht und sich nicht unter ständigem Rechtfertigungsdruck fühlt, hat natürlich Zukunft. Maria Vesperbild war im Verlaufe seiner Geschichte noch nie so populär wie heute. Da wo die Gottesmutter verehrt wird, da kommen auch die Menschen.
Volksfrömmigkeit bedeutet, dass Kirche, Theologie und Hierarchie geerdet sind, dass sie nicht abheben. Die gewaltigste und intelligenteste Trinitätsspekulation entbindet nicht von einer knieenden, geerdeten Theologie.
Lassen Sie es mich ganz scharf akzentuiert sagen: Wer Schwierigkeiten hat mit dem Lied „Segne Du Maria, segne mich Dein Kind“ der ist eigentlich auch theologisch „gestört“.