„Wir wurden hereingelegt“

Ein Gespräch über die Lage der Katholiken in China mit Hongkongs Kardinal Joseph Zen Ze-kiun. Von Michaela Koller

Bewertet die „Ostpolitik“ des Vatikans skeptisch: Kardinal Joseph Zen. Foto: Koller

Der emeritierte Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, ist eine der profiliertesten Stimmen zu Fragen der Kirche in China. In der Zeit der Reform- und Öffnungspolitik in China unter Deng Xiaoping war es dem 1932 in Schanghai geborenen Geistlichen erlaubt, in der Volksrepublik in Seminaren zu unterrichten und so lernte er die Kirche dort gut kennen. Bei einem Begegnungstag von „Kirche in Not“ Deutschland in Kevelaer aus Anlass des 100. Jahrestags der ersten Marienerscheinung in Fatima traf Michaela Koller den Kardinal und befragte ihn zur Situation der Katholiken und der Religionsfreiheit in China sowie der politischen Situation in Hongkong.

In diesem Jahr begehen wir den zehnten Jahrestag des Briefs Papst Benedikts XVI. an die Kirche in China, der eine große Ermutigung für die Katholiken darstellte. Welchen Einfluss hatte denn dieses Schreiben in dem zurückliegenden Jahrzehnt?

Es tut mir sehr leid, sagen zu müssen, dass es nicht den Einfluss hatte, den es haben sollte. Ich denke, dies liegt an so vielen Manipulationen in der chinesischen Übersetzung als auch in der Interpretation. Auf diese Weise ist viel von der Wirkung des Briefs verloren gegangen. Daher lade nun ich jeden dazu ein, nach zehn Jahren auf ihn wieder zurückzukommen und ihn wirklich zu lesen. Unglücklicherweise ist das Schreiben sowohl in China als auch in Rom verändert worden. Aus der Endfassung des Briefs ist die Formulierung „fast immer“ ausgelassen worden. Das ist ein sehr wichtiger Ausdruck, da es für die Untergrundkirche fast unmöglich ist, sich anerkennen zu lassen, ohne dass erwartet wird, dass die Mitglieder gegen ihr Gewissen handeln. Durch die Auslassung wurde eine irrige Interpretation ermöglicht. All die Untergrundkatholiken können sich nicht einfach anerkennen lassen.

Wer ist dafür verantwortlich?

In China sind dies diejenigen, die auf der Seite der Regierung stehen sowie diejenigen, die den Status quo aufrecht zu erhalten suchen. Diese Leute haben durchaus Vorteile und wünschen keinen Wandel. Und im Westen gibt es sogenannte Experten, die meinen, durch die Wiedervereinigung der Ortskirche einen großen Erfolg erringen zu können. Jedoch liegt dies vollständig außerhalb der Möglichkeiten. Und sogar diejenigen im Vatikan, die der „Ostpolitik“ folgen, möchten nur, dass sich alle anderen geschlagen geben. Das ist schrecklich. Unglaublich. Daher bedauere ich sehr, dass man nicht auf Papst Benedikt gehört hat.

Das zentrale Problem in den Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Peking ist die Frage der Bischofsernennungen. Welche Lösung schlagen Sie vor?

Es ist ganz klar die wichtigste Frage, jedoch nicht die einzige. Wenn der Vatikan lediglich unerlaubte Weihen vermeiden möchte, dann kann er einfach die Auswahl der Regierung absegnen. Das wäre aber nicht zielführend, da dies keine guten Bischöfe sind. Daher muss der Bischof vom Papst als wahrer Autorität erwählt werden, und nicht bloß der Auswahl der Regierung gefolgt und dies passiv akzeptiert werden. Das wäre keine wahre Verteidigung des Rechts der Kirche. Wenn die chinesische Regierung sich nicht ernsthaft entschlossen zeigt, wirkliche Freiheit zu garantieren, dann gibt es keine Hoffnung auf eine Einigung.

Was wissen Sie über die Vereinbarung zwischen der chinesischen Regierung und dem Vatikan?

Sie teilen uns nichts mit, daher weiß ich davon nichts. Aber wenn ich aus dem, was ich höre und verstehe, Schlussfolgerungen ziehe, so ist dies keine gute Übereinkunft.

Ist es nicht geplant, diese zu veröffentlichen?

Das müssen sie tun. Sie können das nicht vollkommen unter Verschluss halten. Wie können sie die Menschen überzeugen, wenn sie es geheim halten. Sie würden uns misstrauen und dies wäre nicht gut.

Peking beschäftigt sich mit einem neuen Entwurf für die „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“. Könnte dieser mehr Verlässlichkeit garantieren?

Das ist nichts Gutes: Darin ist nur von Kontrolle, Kontrolle die Rede. Tatsächlich hat die Kontrolle zugenommen. Dies betrifft alle Religionsgemeinschaften, aber besonders die Christen, da sie das Christentum als fremde Religion betrachten. Tibetische Buddhisten, Falun Gong-Praktizierende und Muslime in bestimmten Regionen haben auch Probleme.

Wie ist die Stellung der kirchlichen Schulen in der Sonderverwaltungszone Hongkong?

Das Schlimmste ist, dass sie ein Gesetz eingeführt haben, auf dessen Grundlage sie uns die Kontrolle über die Schulen entzogen haben. Daher können wir sie nicht mehr leiten. Furchtbar, sie hängen nun einzig von der Regierung ab. Die Katholiken machen lediglich fünf Prozent der Bevölkerung in Hongkong aus, aber wir hatten durch die Konfessionsschulen sehr viel Einfluss.

Sie sorgen sich allgemein um die Menschenrechte, die bürgerlichen Rechte in Hongkong. In diesem Jahr begehen wir den 20. Jahrestag der Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China. Werden Sie wieder beim Marsch der Menschenrechtsallianz Civil Human Rights Front, der alljährlich am 1. Juli zum Jahrestag stattfindet, dabei sein?

Ja, natürlich, das werde ich auch in diesem Jahr tun, denn wir sind in der schlechtesten Situation derzeit. Nach 20 Jahren sehen wir deutlich, dass sie ihre Versprechen hinsichtlich der Formel „Ein Land, zwei Systeme“ nicht einhalten. Wir werden allmählich so wie alle Städte in China. Uns wurden Wahlen und Demokratie versprochen. Jetzt sagen sie, dass wir dies nicht erlangen können. Wir sind hereingelegt worden. Die Regierung vertraut nur jenen, die Peking gehorchen. Die Meinungen sind sehr geteilt, da viele Menschen für ihren Lebensunterhalt von der chinesischen Regierung abhängig sind.