Zellen, die die Welt verändern

Wie kann der missionarische Auftrag von Ehe und Familie in unsere Zeit übersetzt werden? Eine Tagung in Hochaltingen sucht Antworten. Von Claudia Kock

Mit Romantik und Idealismus beginnen viele Paare ihr Leben zu zweit. Sie zu begleiten, damit daraus eine lebenslange Ehe... Foto: Symboldpa

Hochaltingen (DT) Als Papst Johannes Paul II. am 6. Januar 2001 die Heilige Pforte schloss, würdigte er im Rückblick auf das Große Jubiläum auch die „Familien, die eine Botschaft der Treue und Gemeinschaft vorlegten“ und brachte den Wunsch zum Ausdruck, die Kirche möge „im neuen Jahrtausend immer mehr in der Heiligkeit wachsen, um in der Geschichte eine wahre Epiphanie des barmherzigen und glorreichen Antlitzes unseres Herrn Jesus Christus zu sein“. Seitdem sind 16 Jahre vergangen, in denen das Lehramt des heiligen Johannes Paul II. über Ehe und Familie zahlreiche Früchte getragen hat, in denen es jedoch auch Entwicklungen gegeben hat, durch die ihre Werte zunehmend verneint werden. „Die Familie ist in unserem Tagen so gefährdet wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit“, heißt es in der Einladung zur diesjährigen Epiphanie-Tagung im Haus St. Ulrich im bayrischen Hochaltingen, die unter dem Thema „Der missionarische Auftrag von Ehe und Familie“ stand.

„Heilige Familie – keine heile Welt“ lautete der Titel des Eröffnungsvortrages von Prälat Bertram Meier, Domdekan der Diözese Augsburg. Die Heilige Familie habe nicht in einer Familienidylle gelebt: Maria war vor der Ehe schwanger, ihr Partner nicht der Vater des Jesuskindes, das kein Wunschkind war. Josef habe jedoch die Vaterrolle übernommen, war als Vater anwesend und habe Jesus gelehrt, was eine Vaterbeziehung bedeutet, die grundlegend war für seine spätere Verkündigung des Evangeliums. Im Gegensatz dazu leben wir heute zunehmend in einer „vaterlosen Gesellschaft“.

Das Gespräch mit dem Seelsorger ist unersetzlich

Vor allem die Vorbereitung junger Menschen auf die Ehe ließe sehr zu wünschen übrig, so Prälat Maier. Die Diözese Augsburg habe daher einen katholischen Hochzeitsplaner herausgegeben. Den Brautleuten müsse der Grundsatz „Consensus facit matrimonium“ – der Konsens schafft die Ehe – wieder vermittelt werden. Viele seien fälschlicherweise der Meinung, das Gefühl sei ausschlaggebend. Viele Brautpaare holten sich Ideen für die Gestaltung der Hochzeitsmesse aus dem Internet. Davon müsse man unbedingt wegkommen. Wichtig sei das reale Gespräch mit dem Seelsorger, das mindestens ein halbes Jahr vor dem geplanten Hochzeitstermin beginnen müsse.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sprach über die Gendertheorie, der zufolge der Mensch bei seiner Geburt nichts mitbringt, nicht einmal sein biologisches Geschlecht. Seine Geschlechtsidentität werde im Laufe der Zeit ausgeprägt und könne etwa 60 verschiedene Formen annehmen: neben männlich und weiblich auch androgyn, transgender, binär, gendervariabel et cetera. Ihre Kritik an dieser Theorie setzte bei der Tatsache an, dass diese die vorgegebene Leiblichkeit des Menschen völlig missachtet, was naturwissenschaftlich unhaltbar sei. Der Leib des Menschen sei bereits bei der Geburt männlich oder weiblich geprägt. Naturwissenschaften wie Genetik und Neurologie würden die Gendertheorie deutlich widerlegen. Die geschlechtliche Differenzierung sei ein Plus in der Evolution; die unterschiedliche Chromosomen-Anlage von Männern und Frauen sei ein Fakt. Die Gendertheorie sei im Grunde ein Verlust der Wirklichkeit, der auch eine Verarmung der Sprache nach sich zieht. „Es ist als nähme man ein U-Boot mit“, so Gerl-Falkovitz, „bei dem man nicht weiß, was es in der Tiefe alles mit sich zieht.“

Die Gendertheorie, so Gerl-Falkovitz, halte sich auch deshalb so lange, weil es heute technische Möglichkeiten zur Umsetzung gebe. Dadurch zeichne sich jetzt eine weitere Entwicklung ab: der „Transhumanismus“; eine Implantationstechnik von elektronischen Chips oder künstlichen, teilweise auch tierischen Teilen in den menschlichen Körper, um diesen zu verändern und leistungsfähiger zu machen, bis in die geschlechtliche Reproduktion hinein. Durch einen künstlichen Uterus könnte auch ein Mann gebärfähig werden. All dies sei, so Gerl-Falkovitz, gegenwärtig noch Zukunftsmusik, es gebe jedoch, etwa in Japan, schon Experimente in dieser Richtung. Der ideologische Siegeszug des Transhumanismus sei bereits absehbar.

Über die „Pastoral des Ehebandes“ auf der Grundlage des Apostolischen Schreibens Amoris laetitia sprach Stephan Kampowski, Professor für Philosophische Anthropologie am „Institut Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie“ in Rom. Papst Franziskus' wesentliche Sorge bestehe darin, so Kampowski, dass Ehe und Familie „nicht mehr als gute Nachricht wahrgenommen werden“. Dafür seien vor allem sechs Gründe verantwortlich: extremer Individualismus, weitverbreiteter Emotivismus, eine Überbetonung der Pflicht zur Fortpflanzung, mangelnde Begleitung junger Paare in den ersten Ehejahren, eine übermäßige Idealisierung der Ehe, sowie mangelndes Vertrauen auf Gottes Gnade. Der Papst wolle durch sein Schreiben auf diese Herausforderungen antworten.

In Bezug auf Kapitel 305 des päpstlichen Schreibens und die umstrittene Fußnote 351 sagte Kampowski, dass die wiederverheirateten Geschiedenen, auf die dieser Text oft bezogen werde, hier nicht erwähnt würden. Die Fußnote sei unklar, während andere Texte des Lehramts Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. – Familiaris consortio 84 und Sacramentum caritatis 29 – explizit darauf hinwiesen, das zivil wiederverheiratete Geschiedene nicht zur Kommunion zugelassen werden dürfen. Um dies zu ändern, sei „zumindest eine päpstliche Erklärung derselben Rangordnung und Klarheit notwendig“, die es bislang jedoch nicht gebe. Franziskus' Brief an die Bischöfe von Buenos Aires, der etwas anderes anzudeuten scheint, sei kein Dokument des päpstlichen Lehramts, sondern ein privater Brief, der ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sei. „Trotz des Drucks der öffentlichen Meinung und trotz der Schachzüge derer, die auch innerhalb der Kirche einfach Tatsachen schaffen wollen, rechtfertigt eine objektive und sorgfältige Lektüre von Amoris laetitia daher keine Änderungen in Bezug auf die Frage der Kommunion für zivil wiederverheiratete Geschiedene“, so Kampowski. Vielmehr bleibe die bestehende Praxis weiterhin gültig, könne jedoch integriert werden in die „Pastoral des Ehebandes“, die dem Papst am Herzen liegt.

In diesem Sinne seien auch die „dubia“ der vier Kardinäle sehr wichtige Fragen. „Ich hoffe, dass wir hier Klarheit bekommen“, sagte Kampowski, denn es gehe um Fragen, die die sakramentale Struktur der Kirche in Frage stellen. Die Gläubigen seien verwirrt, viele bitten den Papst um Klarheit. Man könne es als pastorale Sorge der Kirche verstehen.

Dass diese Sorge berechtigt ist, zeigte auch das große Interesse an Kampowskis Ausführungen bei den Tagungsteilnehmern. Manche sprachen über eigene Erfahrungen als verlassene Ehepartner, die – dem katholischen Lehramt entsprechend – am Sakrament festhalten und keine neue Bindung eingehen wollten. Sie würden von ihrem Umfeld mit diesem Wunsch meist nicht ernstgenommen. „Sogar mein Pfarrer ermutigt mich, es meinem Mann gleichzutun und eine neue Beziehung einzugehen“, berichtete eine Frau. Es sei immer von der pastoralen Sorge um die zivil wiederverheirateten Geschiedenen die Rede, während die, die ihrem Ehegelöbnis „bis dass der Tod euch scheidet“ treu bleiben wollten, häufig nur Unverständnis ernteten – auch innerhalb der Kirche. „Ich wünsche mir mehr Wertschätzung auch von Seiten der Kirche für die Menschen, die diese dunkle Zeit der Ehe leben“, sagte ein anderer Teilnehmer, der ebenfalls von seiner Ehefrau verlassen wurde.

„Ist der andere gewichtig genug, dass ich seinetwegen selbst ein Leidender werde? Ist mir die Wahrheit gewichtig genug, dass sie des Leidens lohnt? Und ist die Verheißung der Liebe so groß, dass sie die Gabe meiner selbst rechtfertigt?“ Dieses Wort Benedikts XVI. zitierte der Weihbischof in Augsburg, Florian Wörner, in seinem Vortrag über die Enzyklika Spes salvi, die „leider etwas in Vergessenheit geraten“ sei, aber dazu beitragen könne, Familienmitglieder zu lehren, die Hoffnung nicht zu sehr aufeinander zu setzen – was oft zu Enttäuschungen führe –, sondern Gott wieder in den Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Hoffnung zu stellen.

Und Zeugnisse der Hoffnung fehlten nicht auf dieser Tagung: Der Diakon Franz-Adolf Kleinrahm berichtete über die fruchtbare Arbeit des Geistlichen Zentrums „Familien mit Christus“ in Heiligenbrunn bei Landshut, wo Exerzitien und andere geistliche Angebote für Ehepaare, Familien und Jugendliche angeboten werden; das Ehepaar Maria und Richard Büchsenmeister, Eltern von zwölf Kindern, berichtete über eigene Erfahrungen und Methoden der Sexualaufklärung von Kindern in der heutigen Zeit, der Psychotherapeut und Theologe Reinhard Pichler beleuchtete die psychologische Entwicklung von Kindern innerhalb der Familie, und seine 14-jährige Tochter Maria berichtete von ihren Erfahrungen auf den Jungfamilientreffen in Pöllau (Steiermark) sowie christlichen Jugendnetzwerken in Österreich.

Druck auf Katholiken, sich rechtfertigen zu müssen

Schließlich gab der in Heiligenkreuz lehrende Corbin Gams eine Einführung in die „Theologie des Leibes“ Johannes Pauls II., die im deutschen Sprachraum – im Gegensatz zur angelsächsischen Welt – im akademischen Bereich kaum wahrgenommen wird. Die Schönheit von Ehe und Familie kommt in ihr zu voller Entfaltung. So lehrt der heilige Papst, dass der Mensch nicht nur als Individuum das Abbild Gottes sei, sondern vor allem als Paar: Abbild der in der Dreifaltigkeit zum Ausdruck kommenden „communio personarum“.

Die Tagungsteilnehmer, darunter zahlreiche Ehepaare, kamen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Ennio Pasqualino, der mit seiner Frau Carmen aus dem Schweizer Kanton Graubünden angereist war, sagte, die Tagung würde zeigen, dass katholische Ehepaare, die das Ehesakrament ernst nehmen, nicht einfach nur „Spinner“ seien: „Es gibt uns Munition auch für Gespräche, wenn wir eine katholische Sicht verteidigen müssen.“

„Die Familie ist die Zelle zur Verwandlung der Welt“, zitierte Corbin Gams zum Abschluss seines Vortrags Papst Franziskus. Und er fügte hinzu: „Das Volk, das im Dunklen lebt, sieht ein helles Licht.“