Stabübergabe in Maria Vesperbild

Auf Prälat Wilhelm Imkamp folgt Geistlicher Rat Erwin Reichart. Von Regina Einig

Sieht Chancen in der traditionellen Volksfrömmigkeit: Wilhelm Imkamp. Foto: Wallfahrtsdirektion/Bistum Augsburg

Altar, Brevier, Rosenkranz und Bibliothek   mehr braucht Prälat Wilhelm Imkamp nicht, um die benediktinische Maxime "ora et labora" im Ruhestand in die Tat umzusetzen. Mit vielen Bücherkisten und Albizzi, seinem lateinkundigen schwarzen Mops, ist er in dieser Woche nach Regensburg gezogen. Dort leitet er künftig die fürstliche Hofbibliothek. Zwei Klosterzellen der alten Benediktinerabtei Sankt Emmeram sind nun sein Domizil. Nichts geändert hat sich am geistlichen Lebensmittelpunkt des Prälaten. Der ist nach wie vor die Eucharistie. "Das Messopfer ist das Zentrum eines priesterlichen Lebens. Wo mein Altar steht, da ist meine Heimat. Gerade auch für einen Priester nach der aktiven Dienstzeit besteht das große Gnadenangebot: Messopfer, Brevier, Rosenkranz noch zeitintensiver zu feiern, als es unter dem alltäglichen Termindruck oft möglich ist", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Ganz oben auf der persönlichen Wunschliste des langjährigen Wallfahrtsdirektors von Maria Vesperbild steht "wissenschaftlich arbeiten". Dem hochgebildeten Dogmenhistoriker fallen dazu auf Anhieb mehrere Themen ein: Die Theologiegeschichte der Privatoffenbarungen ist noch nicht geschrieben, auch in der Barockscholastik gibt es aus Sicht des Prälaten noch viel zu tun. Forschungsbedarf sieht er auch beim spanischen Jesuiten Martin Anton Delrio (1551 1608). Darüber hinaus möchte sich Prälat Imkamp in Zukunft weiter mit seinen Lieblingspäpsten Innozenz III. und Benedikt XIV. beschäftigen.
Maria Vesperbild hat in den dreißig Jahren Imkamp scher Wallfahrtsleitung einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Sowohl die wortgewaltigen Predigten in einem stimmigen Gesamtbild traditioneller Volksfrömmigkeit, als auch die professionelle Öffentlichkeitsarbeit des Apostolischen Protonotars, der zum Jahresende in den Ruhestand getreten ist, spielten dabei zweifellos eine entscheidende Rolle.
Mit seinem Fingerspitzengefühl für Tradition war der gebürtige Niederrheiner seiner Zeit teilweise weit voraus. "Als ich hier vor 30 Jahren in Maria Vesperbild angefangen habe, wurde alles, was mit Volksfrömmigkeit zu tun hatte, noch eher misstrauisch beäugt", erinnert er sich. "Es wurde zugelassen, aber nicht gefördert. Ich habe hier zum Beispiel sofort eingeführt, auch während der Sonntags- und Werktagsmessen Beichte zu hören. Das trug mir viele wütende Zuschriften ein, mit denen ich ganz gut leben konnte", stellt er schmunzelnd fest. 2002 wurde diese Praxis von der Gottesdienstkongregation ausdrücklich empfohlen.
Ermutigt sieht sich Prälat Imkamp auch durch Papst Franziskus. "Zwei ganz entscheidende Punkte im Lehramt des gegenwärtig regierenden Papstes werden kaum berücksichtigt und entschieden beschwiegen, nämlich die Volksfrömmigkeit als theologischer Ort und die Beichte. Kein Papst im 20. Jahrhundert hat so viel über die Beichte gesprochen wie dieser Papst. Alle theologischen Aussagen, die auch häufig als Ausübung des Lehramtes verstanden werden, fußen auf dem Kontakt im Beichtstuhl. Das ist auch gute jesuitische Tradition. Die Moraltheologie ist ja schließlich aus den Fragen der Beichtkinder im Beichtstuhl entstanden."  
Imkamps Nachfolger Erwin Reichart bringt aus seiner Pfarrei in Ebersbach langjährige Erfahrungen in der Seelsorge mit. Bischof Konrad Zdarsa habe ihn davon überzeugt, die Aufgabe des Wallfahrtsdirektors zu übernehmen, erklärt Reichart, der Geistlicher Rat ist, gegenüber dieser Zeitung. Wie sein Vorgänger hat er Neuevangelisierung und Schriftenapostolat verbunden: Lesenswert ist der Leitfaden über die Taufe aus seiner Feder. Er vermittelt Eltern und Paten alles, was sie über das erste Sakrament der Kirche wissen müssen.
Für Reichart ist der Ruf nach Maria Vesperbild eine Fügung, denn eine persönliche Beziehung zum Gnadenbild der Schmerzensmutter prägte seine persönliche Frömmigkeit. "Ich kenne Maria Vesperbild seit meiner Studentenzeit in Augsburg und bin seither auch mit Gruppen aus meinen Pfarreien immer wieder einmal nach Maria Vesperbild gewallfahrtet. Es ist eine eigenartige Fügung, dass mich eine Pieta   zu deutsch Maria Vesperbild   ein Leben lang begleitet hat. Von klein auf hatte ich in meiner Heimatkirche Kleinweiler ein ,Maria Vesperbild  an zentraler Stelle vor Augen. Ich hatte es so gerne, dass ich diese Darstellung für mein Primizbildchen erwählte. In Ebersbach fand ich das ,Maria Vesperbild  sogar in meinem Pfarrhof vor und gab ihm einen Ehrenplatz in meinem Wohnzimmer. Vor ihm kniend segnete ich in der Regel jeden Tag meine Pfarreien und große Anliegen legte ich auf einem Zettel geschrieben unter diese Pieta. Auch in  meinen beiden anderen Pfarreien steht in den Gottes-
häusern eine Pieta."

Sinn für Tradition und Offenheit für beide Formen des römischen Ritus machen den Charme der Wallfahrt Maria Vesperbild aus. Kommunionbank und Zelebration am Hochaltar sind bis heute selbstverständlich. Mit Blick auf die geplante Renovierung der Wallfahrtskirche sind in der Amtszeit des neuen Wallfahrtsdirektors keine modernistischen Schockwellen zu befürchten. Reicharts Ansage ist klar: "Liturgie muss in der Tradition stehen. Alle Versuche, die Menschen anzulocken, indem man aus dem Gottesdienst Menschendienst macht, sind zum Scheitern verurteilt", erklärt er und wendet sich gegen Experimente unter der Maske der Sanierung. "Kirchen wurden bei mir so renoviert, dass sie ein ,Thronsaal des lieben Gottes  blieben. Und die traditionellen Formen der Ehrfurcht, wie Zelebration zum Herrn hin, die kniende Mundkommunion et cetera habe ich gefördert, wo ich nur konnte."
Praxis in der Zelebration des überlieferten römischen Ritus gehört ebenfalls zu seinem Erfahrungsschatz: "Am Herz-Jesu-Freitag und Priesterdonnerstag habe ich in der alten Form die heilige Messe zelebriert. Dabei habe ich viel Wert darauf gelegt, dass es den Gläubigen leicht gemacht wird mitzufeiern" berichtet er. Für ihn steht fest: "Maria Vesperbild wird ein Ort der Tradition bleiben!"
Am 7. Januar wird Erwin Reichart im Pilgeramt um 10.15 Uhr in der Wallfahrtskirche in sein neues Amt eingeführt.