Selig, die Gefangene in die Heimat holen

Schuldlos Eingekerkerten den Weg in die Freiheit zu ebnen: Wie die Trinitarier in ihrer Blütezeit missionierten. Von Urs Buhlmann

Der holländische Künstler Jan Antoon Garemijn malte im Jahr 1783 die Ankunft von Frans de Mulder, der als Deserteur der österreichischen Armee dreißig Jahre Sklave im osmanischen Reich war. Sein Vater erhielt Unterstützung vom Orden der Trinitarier, die auf die Freilassung von Sk... Foto: IN

Ein entlegen klingendes, aber spannendes Thema behandelt die aus der Steiermark stammende Historikerin Elisabeth Watzka-Pauli in ihrer Dissertation, die Befreiung christlicher Gefangener aus muslimischen Ländern durch Angehörige der österreichischen Provinz des Trinitarierordens in der Zeit von 1690 bis 1783. Es geht um wahrlich Spezielles: Gemeinsam mit dem ebenfalls aus dem Hochmittelalter stammenden Mercedarierorden widmeten sich die Trinitarier, gegründet 1198 von zwei Franzosen, der Heimholung christlicher Gefangener aus muslimischer Gefangenschaft.

Ausführlich zeichnet die Autorin die Geschichte der zu den Bettelorden gehörenden Trinitarier nach, erklärt auch ihren Namen. Watzka-Pauli verortet die Übernahme des Glaubensgeheimnisses der Trinität in den Namen der Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Herrschaft „des wohl mächtigsten Papstes des Mittelalters, Innozenz III.“. Unter ihm wurde beim 4. Lateran-Konzil 1215 das Dogma der Dreifaltigkeit erneut bestätigt, was auch ein politischer Schachzug des Pontifex war: „Denn die Hervorhebung der Trinität bedeutete nicht nur eine Bezugnahme auf das wichtigste Mysterium des Christentums, sie bedeutete auch einen erheblichen Machtzuwachs für diejenigen, die ihre eigene Auslegung als richtige durchsetzen konnten“ (in Bezug auf die Orthodoxie, Verf.). Doch auch „für das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen ,Religionen des Buches‘, Judentum und Islam, hatte die Trinität eine besondere Bedeutung, beinhalten doch beide Glaubenssysteme (...) keine irgendwie geartete Vorstellung von einer ,Dreifaltigkeit‘ Gottes.“ So eignete sich die Trinität, meint die Autorin, gerade deswegen gut dafür, „das progressive Anliegen des neuen Ordens der Trinitarier – die Befreiung gefangener Christen aus der Gewalt von ,Ungläubigen‘ – zu symbolisieren und zugleich das expansionistisch-kämpferische Element der römisch-katholischen Kirche (...) herauszustreichen“.

Es ging also nicht nur darum, die christlichen Gefangenen wieder heimzuführen, sondern so zugleich machtvoll die eigene Religion zu propagieren. Ein weiterer theologischer Impuls zum Proprium der neuen Gemeinschaft war die Hochschätzung der leiblichen Werke der Barmherzigkeit, wie sie die damals maßgebende theologische Schule der Augustiner Chorherren von St. Victor in Paris im Zuge der „imitatio Christi“ lehrte. Der in der österreichischen Gründung tätige Trinitarier Joannes a S. Felice formulierte es in seinem 1704 dem eigenem Orden gewidmeten Traktat „Triumphus Misericordiae“ so: „Nichts ist dem barmherzigen Gott ehrwürdiger, nichts vortrefflicher als die Barmherzigkeit, denn diese ist über all seinen Werken (...). Der Hl. Lactantius stimmt bei: Einen Gefangenen vom Feind zu erlösen ist ein großes Werk der Barmherzigkeit.“

Es war dies zwar nicht die einzige, aber die wichtigste Tätigkeit der Trinitarier, insbesondere in der 1728 mit Hauptsitz in der Wiener Alserstraße gegründeten österreichischen Provinz. Zu dieser zählten aber auch Gründungen im Gebiet des heutigen Ungarn, der Slowakei und Tschechien sowie in Serbien, womit man dem Osmanischen Reich direkt benachbart war. Nach der erfolgreich abgewehrten türkischen Belagerung Wiens 1683 hatte Kaiser Leopold I. selber Vatikan und Orden seinen Wunsch kundgetan, die Trinitarier in den habsburgischen Landen einzuführen. Die einflussreichen Jesuiten unterstützten dies, der Wiener Stadtsenat war jedoch dagegen, bestünden doch „in der Stadt schon Clöster genug“, wie es hieß. Tatsächlich gab es aber so viel Zulauf zum neuen Orden, dass dieser bei der Provinz-Errichtung schon 170 Angehörige allein in Wien zählte.

Erträge aus Almosensammlungen, Predigten, Ablässen und Bruderschaftsbeiträgen bildeten neben Erbschaften, meist aus adligem Besitz, und direkten Zuwendungen aus kaiserlicher Hand den Grundstock für das notwendige Kapitalvermögen, mit dem die Patres ihre selbstgewählte Mission erfüllen konnten. Die finanziellen Mittel dienten als Lösegeld für die aus dem Orient freizukaufenden Gefangenen, aber auch zur Finanzierung der langwierigen und beschwerlichen Reise dorthin und wieder zurück. Grundsätzlich, weiß die Autorin zu berichten, gab es drei Kategorien von Gefangenen im Osmanischen Reich: Sklaven in Privatbesitz (gefangene feindliche Soldaten und zivile Verschleppte), die auch auf Märkten gehandelt werden konnten, sodann „öffentliche Gefangene“, meist Kriegsgefangene, darunter auch Offiziere, die entweder in Lagern oder, bei höherem sozialen Rang, in speziellen Staatsgefängnissen leben mussten, und, als die „Ärmsten der Armen“, Galeerensklaven, die ebenfalls in Staatseigentum standen. Generell ging es den „Staatssklaven“ schlechter als den in Privatbesitz Befindlichen. Diese konnten, wenn sie spezielle Fähigkeiten hatten, oft das Vertrauen ihrer Herren erringen, umso mehr, wenn sie zum Islam übertraten. Für die im Staatsbesitz stehenden Gefangenen galt, dass sie nach einer Konversion nicht mehr zu schwerer Arbeit herangezogen werden durften. Die Trinitarier hatten theologisch die Motivation, den Religionswechsel zu verhindern; die Rückführung der aus der Gefangenschaft Freigekauften war dann eigentlich nur eine „Zugabe“.

In erschöpfender Form berichtet die Arbeit von Watzka-Pauli von den Redemptionen (= Erlösungen) genannten „Raubzügen der besonderen Art“ der österreichischen Trinitarier und ihrer Erfolge. Mehrere dutzend Mal zogen sie gen Osten und konnten, so die Recherchen der Autorin, zwischen den 1680er Jahren und 1740 genau 2 678 Gefangene befreien.

Ein interessanter Aspekt, den die Doktorarbeit ebenfalls behandelt, ist, wie umgekehrt gefangene Türken und andere Muslime im Westen behandelt wurden. Hier ist von manch unnützer Grausamkeit zu berichten, auch von erzwungenen Konversionen zum katholischen Glauben (wie dies umgekehrt ja auch vorkam). Positiv sticht das Beispiel des Fürstprimas von Ungarn und kaiserlichen Ministers Leopold Kardinal Graf Kollonitsch hervor. Für ihn stand „bei der Behandlung der im Krieg gefangengenommenen Muslime das Ziel der Bekehrung zur christlich-katholischen Religion nicht an oberster Stelle“ – was ja nicht bedeutete, dass er dagegen gewesen wäre. Er setzte sich energisch, so Watzka-Pauli, für die Rückkehr konvertierter und nicht-konvertierter Muslime in ihre Heimat ein, was auch osmanische Quellen bezeugen.

Als hochrangigen diplomatischen Erfolg wertet die Autorin die 1725 erfolgte Etablierung einer Niederlassung des Trinitarierordens in Pera, der Vorstadt Konstantinopels, die verbunden war mit der Gewährung außerordentlicher Privilegien. Denn von nun an war es den Ordensmännern erlaubt, „im gesamten osmanischen Reich unbehelligt ihrer Tätigkeit des Gefangenenfreikaufs beziehungsweise -austausches nachzugehen (sogar in Zeiten des Krieges zwischen dem Osmanischen und dem Habsburger Reich)“. Das war sogar völkerrechtlich im Friedensvertrag von Passarowitz 1718 verankert worden und lässt sich nur mit damals bereits entspannten Beziehungen zwischen dem Kaiser und dem Sultan erklären. Es versteht sich von selber, dass die Ordensresidenz in Pera zu einem Treffpunkt und Ankerplatz für alle möglichen Verschleppten und Gestrandeten im Osmanischen Reich wurde und dass auch andere europäische Mächte sich der guten Dienste der österreichischen Trinitarier versicherten. Doch ist diese sehr spezielle Tätigkeit der Gefangenen-Befreiung für Elisabeth Watzka-Pauli nicht zu vergleichen mit dem, was heute das Internationale Komitee vom Roten Kreuz oder Amnesty International tun. Denn am Ende seien die Trinitarier eben doch ein Orden der Kirche gewesen, mit dem Anspruch, nicht nur die „leibliche“ Befreiung herbeizuführen, sondern vor allem die Seelen der Christen zu retten. Von daher wurde auch von Anfang nicht darauf geschaut, welchen christlichen Bekenntnissen die Verschleppten angehören, auch evangelische oder orthodoxe Christen wurden berücksichtigt. Viele von ihnen konvertierten dann zum Katholizismus. Das war weniger einem Zwang geschuldet, sondern der monatelangen Gemeinschaft mit den Trinitariern auf der gefahrvollen Rückreise in die Heimat.

Am Ende nützte dem Orden sein spezielles Charisma und der mutige Einsatz seiner Mitbrüder bei den „Redemptionen“ nichts. 1783 hob ihn Kaiser Josef II., der kalt rationalistisch denkende Nachfolger Maria Theresias, in seinen Erblanden auf: Monastisch lebende Ordensgemeinschaften spielten in seinem Nützlichkeitsdenken nur dann eine Rolle, wenn sie für den Staat „brauchbare“ Arbeit in der Pfarrseelsorge oder als Schul- und Krankenhaus-Erhalter taten. Heute sind die Trinitarier wieder mit einigen wenigen Mitbrüdern in Wien und Niederösterreich präsent. In ihrer früheren Kirche in Wiens 9. Bezirk – nach dem Habit der Brüder auch als „Weißspanier-Kirche“ bekannt – findet man sie nicht mehr. Die gründliche, etwas zu ausführliche Arbeit von Elisabeth Watzka-Pauli, würdigt ihr verdienstvolles früheres Wirken.

Elisabeth Watzka-Pauli, Triumph der Barmherzigkeit – Die Befreiung christlicher Gefangener aus muslimisch dominierten Ländern durch den österreichischen Trinitarierorden 1690–1783. V & R unipress, Göttingen, 2016, 811 S., 63 Abbildungen, ISBN 978-3-8471-0586-2, EUR 90,-