Paulus in Mittelschwaben

Wallfahrtsdirektor Prälat Wilhelm Imkamp verlässt Ende des Jahres Maria Vesperbild. Er hinterlässt eine Insel römisch geprägter Katholizität. Von Martin Mosebach

Heiter und weltläufig: Prälat Wilhelm Imkamp hat Maria Vesperbild zum Markenzeichen der Volksfrömmigkeit gemacht. Am Jah... Foto: Wallfahrtsdirektion

Manchmal sind es die Verlegenheitslösungen, welche die Verlegenheit erst eigentlich hervorbringen. Als dem jungen brillant promovierten Priester Wilhelm Imkamp der beinahe vergessene Wallfahrtsort Maria Vesperbild als künftige Wirkungsstätte angetragen wurde, da war es allen Beteiligten klar, dass diese Beauftragung die Frucht einer an echte Ratlosigkeit grenzenden Verlegenheit der Oberen war. Nichts gegen Maria Vesperbild – eine schöne, nicht übermäßig große Barockkirche mit ehrwürdigem Gnadenbild, einer Pieta, wie es italienisch heißt, obwohl die Verehrung der Jungfrau mit dem toten Sohn auf dem Schoß aus der Zeit der großen deutschen Mystiker in Thüringen stammt.

Es ist seltsam mit Gnadenbildern und Wallfahrtsorten: Wenn sie als Gnadenorte erkannt werden, beginnt oft ein großer Zustrom zu ihnen, es geschehen Wunder und Heilungen, die Gläubigen drängen sich, aber wenn die Jahrhunderte vergangen sind, scheint ihre Wirkung zu verblassen – die Muttergottes ist inzwischen auch an anderen Orten erschienen, die Menge wendet sich dorthin und der alte Gnadenort schläft ein. Und daran ist nichts Bedauerliches, denn die Erscheinungen gehören nicht zur Offenbarung, sondern wollen die Menschen auf dem Weg durch die Geschichte begleiten und die ist in beständigem Wandel begriffen und hat immer neue Brennpunkte. Einem solchen Einschlafen war auch Maria Vesperbild anheimgefallen, einer sanften und friedlichen Ruhe, immer noch verehrt, aber nicht mehr von gläubigen Scharen.

Nur war nicht ganz leicht zu verstehen, was ein junger, vor Energie berstender Priester mit der Leidenschaft des Seelenführers, ein sprachgewaltiger Prediger, ein literaturliebender Intellektueller allein mitten im grünen Land leisten sollte, ohne Gemeinde in einer Wallfahrtskirche, die sich nur eines spärlichen Besuchs erfreute. Es war klar, dass diejenigen, die Imkamp dorthin gewünscht hatten, sich solche Fragen nicht stellten. Sie hatten andere Sorgen: Was sollten sie mit einem Priester anfangen, der so wenig dem priesterlichen Typus entsprach, den man sich in Deutschland nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil heranziehen wollte. Wilhelm Imkamp war römisch-katholischer Priester mit der Betonung auf römisch, Rheinländer aus der „Pfaffengasse des Heiligen römischen Reiches“, ein Deutscher, der die historische Aufgabe der Deutschen in der Weiterführung der römischen Tradition verstand. Der Tradition nicht als drückende Last, sondern als ein kostbares Geschenk auffasste, eine schier unendliche Bereicherung für Glauben und Kirche. Ein Priester, der keinen Gegensatz darin sah, ein wacher und neugieriger Zeitgenosse zu sein und zugleich in der langen Reihe zu stehen, die den Katholiken der Gegenwart über alle vergangenen reichen Epochen der Kirchengeschichte mit den Anfängen des Christentums verbindet.

Ein Priester, der in Treue zur Kirche und zu den Päpsten sehr wohl wusste, dass die katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht neu gegründet worden war, sondern der sich jener „Hermeneutik der Kontinuität“ verpflichtet wusste, von der Papst Benedikt XVI. immer wieder gesprochen hat – man darf diese „Hermeneutik der Kontinuität“ getrost als den eigentlichen Gedanken des letzten Pontifikats bezeichnen; in Deutschland sollte Wilhelm Imkamp bald zu den wichtigsten Verteidigern dieses Gedankens zählen. Einen solchen Priester aber meinte man 1988 einer Großstadtgemeinde nicht mehr zumuten zu dürfen. Zwischen den Äckern von Maria Vesperbild hingegen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, da wäre dieser Exzentriker, der die Dreistigkeit besaß, sich im Gegenteil als Priester aus der Mitte der Kirche zu betrachten, neutralisiert. Man kennt im übrigen Priesterbiographien, die auf diese Weise geknickt worden sind – Hochbegabte, die nicht nach ihren Fähigkeiten eingesetzt wurden und an den Vergeblichkeiten ihrer Existenz zugrunde gingen.

Aber auch, wer Wilhelm Imkamp die Standfestigkeit zutraute, mit einer solchen Herausforderung fertigzuwerden, dürfte seinen Augen nicht getraut haben beim Anblick dessen, was aus Maria Vesperbild nach dreißig Jahren Direktorat von Wilhelm Imkamp geworden war. Der weltläufige Gelehrte, der sich am liebsten mit historischen, politischen und theologischen Problemen beschäftigte, erkannte, wo eine entscheidende Schwäche der nachkonziliaren Kirche lag: die Schüler des Karl Rahner, des Paters Schillebeeckxs, des Professors Kasper und des auch in der katholischen Theologie einflussreichen Protestanten Rudolf Bultmann eroberten sich weite Räume theoretischer Spekulation, konnten aber mit dem, was leicht herablassend „Volksfrömmigkeit“ genannt wird, nichts mehr anfangen.

Daraus erwuchs der Kirche eine ernste Schwierigkeit, denn diese sogenannte Volksfrömmigkeit ist nicht ein irgendwie peinlicher Auswuchs der katholischen Religion, ein Trost für Kinderseelen und infantil Gebliebenen, sondern sie gehört zum Wesen des Katholischen, nebenbei auch der orthodoxen Kirche. Der Glaube an die Fleischwerdung des Schöpfergottes drückt sich notwendig in einer Fülle sakramentaler Handlungen aus, die eine physische Nähe zum leibhaft gewordenen Gott möglich machen. Der „Emmanuel“, der Gott, der bei den Menschen sein will, hat auch in seinen Erdentagen manifeste Gesten nicht verschmäht, wenn er dem Blinden mit seinem Speichel die Augen öffnete, wenn er den Jüngern einen Fisch briet, wenn er die Frau, die seinen Mantel berührt hatte, gesund werden ließ, und wenn er, der Mensch-Gewordene, nun auch noch bis zum Ende aller Tage in Brot und Wein anwesend sein wollte, um von seinen Gläubigen buchstäblich verzehrt werden zu können. Dies alles ist „Volksreligion“, nur im Geist von „Volksfrömmigkeit“ zu erfassen. Jesus selbst hat das Pilgern und Wallfahren geheiligt, als er zum Tempel nach Jerusalem pilgerte, und, weil ihm die Verhaftung dort drohte, ohne die Jünger und unerkannt in der Pilgermenge die heiligen Höfe betrat, in denen er schon als Zwölfjähriger zum Kummer seiner Eltern zurückgeblieben war, weil er „im Haus meines Vaters“ sein wollte.

Und es kann in der Religion der Menschwerdung auch gar nicht anders sein, dass die Frau, aus der der Gottmensch geboren wurde, mit besonderer Ehrfurcht betrachtet wird, weil er seinen Menschenkörper von ihr erhalten hat, und zwar nicht, indem sie willenloses Gefäß für diesen Vorgang gewesen wäre, sondern mit ihrer Einwilligung. Der in „Vesperbild“ dargestellte Augenblick der Gemeinschaft der Mutter mit dem toten Sohn – Gott wird nicht nur Mensch, er wird auch Leiche, leblose Materie – kann von einem Christen gar nicht genug meditiert werden – und das geschieht vor allem in der heute misstrauisch beäugten Volksfrömmigkeit. Die einzelnen Schritte, mit denen es Wilhelm Imkamp gelang, das erlöschende Feuer „Volksfrömmigkeit“ in Maria Vesperbild wieder anzufachen, können andere besser beschreiben. Aber das Ergebnis zahlloser Predigten und des zigtausendfachen Beichte-Hörens ist evident. Maria Vesperbild wurde inmitten einer deutschen Kirche der sich auflösenden Gemeinden ein blühendes Wallfahrtsbistum, eine Insel einer uralten und zugleich jugendlichen Katholizität. Allmählich kam man nicht mehr umhin, das Verdienst des Abgeschobenen zu erkennen; Imkamp wurde Prälat und Apostolischer Protonotar, denn er hatte nie aufgehört, über den ihm zugewiesenen Kreis hinauszuwirken. Die Fernseh-Talkshow, jene Unterhaltungssendung, in der jeder kompliziertere Gedanke zu Staub zerbröselt wird, wurde solange seine Kanzel, bis man seine immer mit Witz und Kühnheit verbundenen Auftritte fürchten gelernt hatte. Imkamp versuchte, nach dem Paulus-Wort zu leben, „allen alles zu sein“. Sein Wissensdurst ist unstillbar, der Umfang seiner Bibliothek legendär – fielen die Mauern seines Hauses in sich zusammen, würde dahinter ein zweites ganz aus Büchern errichtetes Gebäude sichtbar.

Dass er Maria Vesperbild verlässt, ist für die deutsche Kirche ein empfindlicher Verlust. Eigentlich ist er dafür zu jung. Die fast dreißig Jahre seines Wirkens sind wie in einem Rausch vergangen. Ein Ende seines Tätigseins werden aber weder seine Freunde noch seine Gegner erwarten dürfen.