Orthodoxe Machtspiele in der Ukraine

Die Russisch-Orthodoxe Kirche gewährt ihrem ukrainischen Zweig Selbstverwaltung, aber keine Unabhängigkeit – Der politische Druck jedoch wächst. Von Stephan Baier

Der religiösen Tradition ihres Landes waren sich die Väter der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 überaus bewusst, wie dieses Gemälde im Parlament in Kiew zeigt. Heute drängt der Staat auf eine anerkannte Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie. Foto: Stephan Baier

Die Situation der Orthodoxie in der Ukraine bleibt kompliziert. Am vergangenen Freitag berichtete die Deutsche Presseagentur (dpa) unter Berufung auf die russische Zeitung „Westi“, die Russisch-Orthodoxe Kirche habe „ihrer Tochterkirche im Nachbarland Ukraine formal den Status der Unabhängigkeit verliehen“. Darum habe zuvor „der Vorsteher der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Onufrij, gebeten“.

Nach Recherchen dieser Zeitung stellt sich der Vorgang jedoch etwas anders dar: Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat den von ihr abhängigen Teil der orthodoxen Welt in der Ukraine, die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“, keineswegs in die Autokephalie entlassen. Es wird darum weiterhin weltweit nur 14 anerkannte autokephale orthodoxe Kirchen geben. Aus kirchenoffizieller orthodoxer Sicht ist die Ukraine damit längst noch nicht Georgien, Bulgarien oder Serbien gleichgestellt.

Der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ wurden lediglich jene „autonomen Rechte“, die sie tatsächlich bereits ausübte, auch formal zugeschrieben. Bereits Mitte September hatte der Rektor der Kiewer Theologischen Akademie des Moskauer Patriarchats, Metropolit Antoniy Pakanych, im Gespräch mit dieser Zeitung in Kiew versichert, die Verbindung seiner Kirche zum Moskauer Patriarchat sei kanonischer, aber nicht administrativer Art. Von Moskau erhalte er keine direkten Weisungen. Aber: „Durch das Moskauer Patriarchat haben wir Verbindungen zu den anderen orthodoxen Kirchen der Welt, die die Schismatiker nicht haben.“

Daran hat sich nichts geändert: Das Moskauer Patriarchat entlässt die Ukraine weiterhin nicht aus ihrer kirchlichen Jurisdiktion. Sie sieht sich aber offenbar gedrängt, die Autonomie (nicht Autokephalie) deutlicher zu betonen.

Dafür gibt es politische und kirchliche Gründe. Die politischen Motive sind aktueller und drängender als die seit der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine 1991 schwelenden kirchlichen Gründe und Hintergründe: In der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, liegt der Gesetzentwurf Nummer 5309 zur Beratung vor, in dem es um Bestimmungen zu religiösen Organisationen geht, die einer religiösen Struktur angehören, deren Zentrum außerhalb der Ukraine liegt – und zudem in einem Staat, der vom ukrainischen Staat offiziell zum Aggressor gegen die Ukraine erklärt wird.

Da das Zentrum der beiden katholischen Kirchen (nämlich des lateinischen wie des byzantinischen Ritus) in Rom, also außerhalb der Ukraine liegt, der Heilige Stuhl aber sicher kein Aggressor gegen die Ukraine ist, kann das Gesetz nur gegen die Orthodoxie des Moskauer Patriarchats gerichtet sein. Russland hat bekanntlich wider internationales Recht die völkerrechtlich zur Ukraine gehörende Krim besetzt und unterstützt die Sezessionskämpfe im Donbas sowohl propagandistisch als auch logistisch und militärisch.

Schon seit geraumer Zeit betrachtet die politische Führung der Ukraine die Präsenz des Moskauer Patriarchats als eine externe Einmischung und drängt – als Vollendung der politischen Unabhängigkeit von Russland – auch auf eine orthodoxe Staatskirche. In diesem Sinn schrieb Präsident Petro Poroschenko vor wenigen Monaten an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios, dieser solle die Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie anerkennen. Vor der Werchowna Rada sagte Poroschenko: „Die Ukraine hat das Recht auf eine Landeskirche.“

In der Ukraine wirkende Kirchenexperten zeigen sich gegenüber dieser Zeitung davon überzeugt, dass die Entscheidung der russisch-orthodoxen Synode, ihrer Kirche in der Ukraine mehr Autonomie zuzuschreiben, „vor Komplikationen rechtlicher Natur schützen“ solle. Würde Gesetzentwurf Nummer 5309 in Kraft treten, dann müssten die einzelnen Pfarrgemeinden der Orthodoxie des Moskauer Patriarchats in der Ukraine ihre Statuten überprüfen und einzeln registrieren lassen. Mit dem am Donnerstag gefassten Beschluss wolle man dem ukrainischen Staat suggerieren, das kirchliche Zentrum der Orthodoxie sei nicht länger in Moskau, sondern in Kiew.

Tatsächlich hatte auch Metropolit Antoniy im Gespräch mit der „Tagespost“ eingeräumt, dass selbst die Nennung des Moskauer Patriarchen im Hochgebet angesichts des andauernden Kriegszustands viele Ukrainer befremde.

Zur militärischen und politischen Gefechtslage kommt die kirchliche: Die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ ist zwar die – nach der Zahl der Gemeinden wie der Priester – größte, aber doch nur eine von drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Neben ihr besteht die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats“, die sich bei der Unabhängigkeit 1991 formierte und bewusst als Nationalkirche agiert. Sie wird von Patriarch Filaret Denysenko geleitet, einer ausgesprochen schillernden Figur. Er war in Sowjetzeiten Kiewer Metropolit des Moskauer Patriarchats, wurde 1992 aber vom Synod in Moskau zwangsweise in den Laienstand versetzt – und zwar nicht wegen seiner allbekannten KGB-Mitarbeit, die auch viele andere Hierarchen der russischen Orthodoxie betroffen hätte, sondern wegen eines in sexueller Hinsicht unmoralischen Lebenswandels. Darüber hinaus gibt es in der Ukraine noch die viel kleinere „Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche“, die machtpolitisch eine geringere Rolle spielt.

Hätte das Moskauer Patriarchat seiner Kirche in der Ukraine nicht nur Selbstverwaltung (Autonomie) gewährt, sondern sie tatsächlich in die volle Unabhängigkeit (Autokephalie) entlassen, dann wäre das nach Einschätzung ukrainischer Kirchen-Experten für die anderen orthodoxen Kirchen geradezu tödlich gewesen. Denn dann hätte die Ukraine – wie vom Staat ersehnt – eine unabhängige Nationalkirche bekommen, so wie 14 andere Länder der orthodoxen Welt. Das hätte den beiden Autokephalie beanspruchenden orthodoxen Kirchen, die weder von Moskau noch von Konstantinopel anerkannt sind, schlicht die Existenzgrundlage entzogen.

Während die Ukraine unter dem früheren, russophilen und an Putin orientierten Präsidenten Wiktor Janukowytsch die Orthodoxie des Moskauer Patriarchats bevorzugte, privilegiert der Staat heute die Orthodoxie des Kiewer Patriarchats. Patriarch Filaret dürfte aber bewusst sein, dass er ohne ein Einvernehmen mit dem Moskauer Patriarchat niemals eine Anerkennung durch den Ökumenischen Patriarchen bekommen wird – und darum auch keine weltkirchlich anerkannte Autokephalie.