Märtyrer der Gewissenstreue

Vorbild für das 21. Jahrhundert: In Bozen wurde der Familienvater Josef Mayr-Nusser zur Ehre der Altäre erhoben. Von Marie-Thérese Knöbl

Das Bistum Bozen-Brixen hat mit dem seligen Josef Mayr-Nusser einen neuen Fürsprecher. Unter den Würdenträgern Kurienkar... Foto: Presseamt Bistum Bozen-Brixen

Bozen (DT) Südtirol ist um einen Seligen reicher. Und Bozen leuchtet: Die Glocken des Bozener Domes verkünden die Festfreude, die Sonne strahlt vor der Bergkulisse bei frühlingshaften 22 Grad aus blauem Himmel, die Magnolien- und Kirschbäume, Ginstersträucher, Krokusse und Narzissen schmücken die Innenstadt. Aus dem Dom ziehen zahlreiche Priester und Ministranten mit Bischof Ivo Muser und Kardinal Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.

Die vielen hundert Menschen, die nun nach ihnen auf den Domplatz strömen, haben zuvor den Bozener Dom bis auf den letzten Stehplatz gefüllt – auch vor dem Dom scharten sich Gläubige jeden Alters und jeder sozialen Herkunft, Bauern und einfache Arbeiter, Adelige und Studenten, Ehepaare, Alleinstehende und Familien, Ordensschwestern, Polizisten, Kinder und Alte. Auch Albert Mayr, der einzige Sohn des neuen Seligen, ist darunter. Alle verharren sichtlich beeindruckt von der Lebensgeschichte des Mannes, der heute Vormittag seliggesprochen worden ist. Die Gläubigen warten rücksichtsvoll im Gedränge, als ob sie erst vom Himmel, der sich in den vergangenen Stunden geöffnet hat, auf die Erde und in die Wirklichkeit irdischer Bewegungen zurückfinden müssten.

Die Menschen strömen hinaus auf die Vorplätze von Dom und Bischofshaus, wo der Südtiroler Zivilschutz auf Einladung des Bischofs ein kostenloses Mittagessen für alle gekocht hat. Der Weihrauchduft wird zunehmend überdeckt vom Duft des bodenständigen Essens, die Gläubigen machen ein großes Picknick zu Ehren des Seligen.

Josef Mayr-Nusser, selbst aus armen Verhältnissen stammend, hatte sich in den wirtschaftlich angespannten 20er und 30er Jahren intensiv darum bemüht, dass die Armen genug zu essen und ein frohes Herz haben. Er hatte für Kartoffellieferungen und Ansprache gesorgt, Mut gemacht, Gemeinschaft gefördert. An diesem schönen Essen für alle Gläubigen hätte er seine Freude gehabt, wäre wohl selbst lachend in einer der zahleichen Bierbankreihen gesessen. Gefragt, was sie mit dem neuen Seligen verbinde, dessen letzte Ruhestätte nach einem Friedhof in Erlangen und einem Gedächtnisort auf dem Ritten, wo er regelmäßig mit Jugendlichen war, nun im Bozener Dom sein wird, sagt eine betagte Frau: „Alles“. Und erläutert auf Nachfrage ihre selbstbewusste Aussage mit den Worten: „Die Heimat, die Erinnerung an schlimme Zeiten, die Dickköpfigkeit.“ Womit sie wohl die Zivilcourage und Eigensinnigkeit des Seligen meint, die ihn dazu brachten, gegen die Option zu votieren und während der Besatzung Südtirols durch die Nationalsozialisten in Bozen zu bleiben, aber vielleicht auch seinen Eigensinn, als junger Vater eines einjährigen Buben dem Einberufungsbefehl der SS Folge zu leisten und gemeinsam mit weiteren 76 Südtirolern in den Wehrdienst nach Konitz im heutigen Polen zu gehen, nur um dort am Ende seiner Ausbildung den Eid zu verweigern, obgleich er wusste, dass ihn dies das Leben kosten könnte. Auf die Warnungen von Vorgesetzten und Kameraden, dies doch besser nicht zu tun, entgegnete er „Wenn nie jemand den Mut aufbringt, ihnen zu sagen, dass er mit ihren nationalsozialistischen Anschauungen nicht einverstanden ist, dann wird es nie anders.“ Als seine Lebensaufgabe sah es Josef Mayr-Nusser an, „Zeugnis zu geben in einer immer heidnischer werdenden Welt“ – das hat er konsequent gelebt, von seiner Jugend an bis zu seinem Tod in einem Viehwaggon auf dem Weg nach Dachau. Josef Mayr-Nusser ist ein sperriger Zeitgenosse und doch auch ein ganz natürlicher, normaler Katholik gewesen, findet ein junger Mann: „Er war eben ganz besonders katholisch und zwar nicht erst am Schluss, als es darauf ankam.“ Von seiner Fröhlichkeit, seinem Ehrenamt für Jugendliche und Arme sind viele begeistert. „Man sieht, dass er den Jugendlichen gutgetan hat. Er hat mit ihnen nicht nur gebetet, sondern viel diskutiert und einfach Zeit mit ihnen verbracht“, meint eine junge Studentin, die selbst in der katholischen Jugendarbeit aktiv ist. Den Seligen kennt sie nur von den Schwarz-Weiß-Ffotos, die in den letzten Wochen immer wieder in der Zeitung zu sehen waren – sie zeigen ihn als sympathischen und lebensfrohen Menschen, wie er umringt von Jugendlichen unter einem Baum sitzt.

Der lebensbejahende Frohsinn Josef Mayr-Nussers ist ein Aspekt, den auch Bischof Ivo in seiner Ansprache am Ende der Seligsprechungsmesse hervorhebt. Sein Leben sei geprägt gewesen von einer tiefen Gottes- und Nächstenliebe – von einer Liebe zu dem Gott, der (vgl. Weisheit 11, 26) ein „Freund und Liebhaber des Lebens“ ist. Er sei seinem Taufversprechen treu geblieben und hat seine christliche Identität in der Welt sichtbar gemacht in Zeiten der Grausamkeit, als ein Licht in Zeiten der finstersten Nacht der Welt, so Kardinal Amato in seiner Predigt. „Vom seligen Josef können wir den Mut lernen, Zeugen Christi und seines Evangeliums sein, Liebe zur Wahrheit und Respekt für das persönliche Gewissen zu zeigen und das Ideal der Familie hochzuschätzen, in der Kinder angenommen und erzogen werden.“ Angesichts der weltweiten Christenverfolgung unterstrich der Kurienkardinal die Aktualität des neuen Seligen, der sich den „Götzen seiner Zeit“ entgegengestellt habe.

Und Bischof Ivo mahnt in den Schlussworten am Ende der Messe, dass bei aller Diesseitigkeit eines nie vergessen werden dürfe, was auch im Denken von Josef Mayr-Nusser zentral war: „Nichts und niemand darf mit Gott verwechselt oder an seinen Platz gestellt werden: keine Ideologie, kein Volk, keine Sprache, kein Land, keine Kultur, kein politischer oder religiöser Führer.“

Ab Herbst diesen Jahres wird die Kirche des neuen Seligen am 3. Oktober gedenken. An diesem Tag hat er in Konitz den Eid auf die Waffen-SS verweigert. Am Tag darauf wurde er in Danzig wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Auf dem Weg nach Dachau ist Josef Mayr-Nusser am 24. Februar 1945, auf den Tag genau 25 Jahre nach Gründung der NSDAP, in Erlangen in einem Viehwaggon an Erschöpfung gestorben – und hat damit dem triumphalen Lärmen der Nationalsozialisten einen Edelstein der Ewigkeit entgegengesetzt. Wie Bischof Ivo Muser es auf den Punkt bringt: „In der Logik eines Menschen verachtenden und Menschen vernichtenden Systems hat er verloren, in den Augen Gottes aber hat er gewonnen!“ Auch Josef Mayr-Nusser selbst hat in seinen Vorträgen und Briefen immer wieder an die Wirklichkeit des Übernatürlichen und des Glaubens erinnert: „Der Glaube ist Wirklichkeit, er hat eine gewaltige Lebens- und Formkraft.“ Und er zeigte, dass der Unterschied zwischen Gläubigen und Hoffnungslosen in ihrer Haltung zur geschaffenen Welt und zum Tod liegt: „Wo für den natürlichen Menschen alles verloren ist, da leuchtet für den übernatürlichen Menschen das Ziel seiner Hoffnung auf.“ Das Ziel des Himmels, um dessentwillen er letztlich alles erstrebt und das letztlich hinter jeder Hoffnung stehe. Der Selige empfiehlt: „Nehmen wir den Herrgott ernst, als unseren besten Freund.“