Lebensgefühl in der Liturgie

Was bedeutet Maria in der benediktinischen Tradition? Ein Streifzug durch geistliche Literatur und Musik. Von Barbara Stühlmeyer

Die Wertschätzung der Gottesmutter, ihre Verehrung in Wort und Ton, ist ein roter Faden, der sich durch die gesamte Kirchengeschichte zieht. Und auch in den im Laufe der Zeit entstandenen Ordensgemeinschaften kristallisiert sich die Marienverehrung immer wieder neu in poetisch verdichteter Reverenz und in vielstimmigen Klanggewändern.

In der benediktinischen Tradition hat die Marienverehrung ihre Wurzeln in dem Lied, das Maria selbst gesungen hat. Mit ihm muss sich der Ordensgründer, Kirchenvater und Patron Europas, Benedikt von Nursia, besonders identifiziert haben, denn er legt im 17. Kapitel seiner Regel für die Vesper das Magnifikat als den Gesang des Canticum aus dem Evangelium fest.

Auf die Frage, was Benedikt am Magnifikat so sehr fasziniert hat, dass er es zum Teil des täglichen Abendlobes machte, gibt es mehrere mögliche Antworten. Schaut man sich die Zeitläufte in der zweiten Hälfte des fünften und in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts, der Lebenszeit Benedikts, an, kann man einen grundlegenden Paradigmenwechsel konstatieren. Die Tatsache, dass die Schließung der platonischen Akademie in Athen mit der Gründung des Klosters auf dem Montecassino zusammenfiel, ist mehr als ein Zufall. Das zweckfreie, in der Muße vollzogene Philosophieren – Arbeit, zumal körperliche, galt in der Antike als eine Beschäftigung für Sklaven und die Angehörigen der Unterschicht – wich einem ausgeglichenen Modell, bei dem körperliche und geistige Arbeit, Gebet und Schlaf in gesundem Wechsel ineinander übergehen.

„Das Salve Regina

antwortet auf

eine Situation

gesellschaftlicher

Unsicherheit“

Diese stabilisierende Lebensweise, die Benedikt mitten in der Zeit der Völkerwanderung, der ständig wechselnden, oft grausamen Herrscher propagierte, braucht geistliche Vorfahren, Leuchttürme, an denen man sich orientieren kann. Maria ist eine solche ältere Schwester, eine Mutter im Glauben, und ihr Lied könnte genau deswegen zur Ermutigung für die die mühsame Arbeit des Tages im Gebet beendenden Mönche geworden sein. Den Benediktinern ging es bei ihrer Marienverehrung in Wort und Ton nicht selten um die Verheutigung der guten Nachricht, wie beispielsweise bei Otfrid von Weißenburg, der Maria in seinem um 860 entstandenen altdeutschen Evangelienbuch als lesende, mithin gebildete Frau in einem Palast wohnend darstellt, oder um die Bewältigung der jeweiligen gesellschaftspolitischen Situation.

Ein weiterer zentraler Text der Marienverehrung, das Salve Regina, das vor 1054 entstand, ist ebenfalls eng mit der benediktinischen Tradition verknüpft. Zum einen wird der Dichter und Historiograf Hermann von der Reichenau als einer der möglichen Autoren genannt, in dessen liturgischen Prosen sich auch das „Ave praeclara maris stella“ findet. Die anderen sind Petrus von Compostela, der zeitweise mit dem Benediktiner Petrus de Stagni identifiziert wurde, Ademar von Le Puy-en-Velay und Bernhard von Clairvaux, von dem zumindest der spätere, in den ersten quellenkundlich nachgewiesenen Versionen im Pontifikale von Aurillac noch nicht enthaltene Zusatz „o clemens, o pia, o dulcis virgo Maria“ stammt. Zum anderen wurde das Salve Regina im Wechsel mit den anderen, zur jeweiligen Kirchenjahreszeit passenden marianischen Antiphonen, ebenso wie das Magnifikat, in der benediktinischen Liturgie zu einem festen Bestandteil des abschließenden Stundengebets des Tages, der Komplet.

Spirituell antwortet das Salve Regina auf eine Situation großer gesellschaftlicher Unsicherheit. Der Jahrtausendwechsel hatte tiefsitzende Ängste wachgerufen. Ganz ähnlich wie am Übergang in das Jahr 2000 wurden auch damals der Weltuntergang und die Auflösung der bestehenden Ordnung vorhergesagt. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts wurde die gesellschaftliche Situation zunehmend unsicher, der öffentliche Raum war von Gewalt geprägt. Die von der Kirche angestoßene Gottesfriedensbewegung antwortete auf das aus dem Ruder gelaufene Fehdewesen mit einem effizienten, an die Fastenzeit anknüpfenden Trainingsprogramm und sorgte für Gewalteskalation. Gleichzeitig wurde in den Benediktinerklöstern mit dem Gebet des Salve Regina die Gottesmutter zu einem sicheren Hort, zu dem man allzeit kommen durfte. Von ihrem Mantel geschützt, konnte das zarte Pflänzchen der Freude an Gott sicher wachsen und in liturgischen Gesängen wie der Sequenz des St. Galler Benediktinermönchs Notker Balbulus, „Gaude Maria Virgo“, klingenden Ausdruck finden.

Im 12. Jahrhundert ist es Hildegard von Bingen, die in ihren Visionswerken und in ihren Kompositionen Maria immer wieder neu thematisiert. Tatsächlich sind es zwei Frauen, denen Hildegard die meisten ihrer Gesänge widmet: Maria und Ursula. Letztere erlebte durch die bei den Ausgrabungsarbeiten auf einem Kölner Friedhof angenommene Auffindung der Gebeine eine breite Teile der Bevölkerung umfassende Verehrung, die noch zusätzlich durch die Visionen der mit Hildegard in Briefkontakt stehenden Benediktinerin Elisabeth von Schönau gefördert wurde. Die Geschichte von Ursula und ihren Gefährtinnen antwortet zugleich auf die aktuelle demographische Situation im 12. Jahrhundert, die durch einen Frauenüberschuss gekennzeichnet war. Ein spirituelles und zugleich relativ ungebundenes Leben zu führen war, wie die Bewegung der Beginen zeigt, eine anziehende Alternative zu einem Leben in der Ehe oder hinter Klostermauern. Die Ursula-Legende, die eine ausgedehnte Wallfahrt der jungen Frauen schildert, trifft hier also auf eine durch die Kreuzzüge und ein ausgedehntes Pilgerwesen geprägte, im buchstäblichen Sinne bewegte Gesellschaft und bringt ihr Lebensgefühl in der Liturgie vor Gott zum Klingen.

In den Mariengesängen, die den thematisch größten Block innerhalb der Kompositionen bilden und von Hildegards eigener, marianisch geprägter Spiritualität Zeugnis ablegen, entfaltet sich Hildegards menschenfreundliche Theologie. Entgegen dem theologischen Mainstream, in dem die Sünde Evas allen Frauen angerechnet wurde, ließ Hildegard ihre Schwestern singen: „Den Tod, den eine Frau gebracht, hat eine lichte Jungfrau überwunden. Darum ruht höchster Segen auf der Gestalt der Frau vor aller Kreatur“, und distanzierte sich so von einer Theologie, die Frauen wegen ihres Geschlechtes schuldig sprach. Maria hat durch ihre Offenheit für das Wirken Gottes das Handeln Evas nicht nur ausgeglichen, sondern mehr als gutgemacht. Interessant ist, dass sowohl Maria als auch Eva in den Mariengesängen stets als handelnde, mithin als frei auf den Willen Gottes antwortende Menschen dargestellt sind. Maria werden dabei Begriffe zugeordnet, die ein hohes Maß an Kreativität, an aufbauenden, heilenden Kräften zum Ausdruck bringen. Offenkundig war es Hildegard wichtig, gerade diese Kräfte zu geistlichen Grundhaltungen werden und das geistliche Leben in ihren Konventen sich entfalten zu lassen. Leibfeindlicher Askese gab sie keinen Raum und ließ ihre Schwestern die Eucharistie an den Festtagen in weißen Seidengewändern und festlichem Schmuck feiern. Elisabeth von Schönau sah in einer Vision gar die Jungfrau Maria im Messgewand am Altar stehen. Der Benediktiner Petrus Abaelard bezeichnete Maria als Apostolin der Apostel, weil sie es war, der sich Jesus am Grab zuerst offenbart hatte, der Benediktinerabt Rupert von Deutz pries sie als Magistra magistrorum, als Lehrerin aller Lehrer und der bei den Benediktinern in Durham erzogene und dort unterrichtete Aelred von Rievaulx, der sich später der ersten Mönchsgeneration des im zwölften Jahrhundert neu entstandenen Zisterzienserordens anschloss, interpretierte die tüchtige Frau aus dem Buch der Sprüche, die alle Perlen an Wert übertrifft, mit Maria.

Während sich in der Renaissance eine große Anzahl geistlicher und weltlicher Komponisten der Vertonung von Mariengebeten zuwendet und sich in der Gegenreformation vor allem der Jesuitenorden des Themas annimmt, werden Maria gewidmete Texte und Kompositionen in der Barockzeit wieder zu einem Hauptthema für benediktinische Autoren und Komponisten. Dies ist aus zwei Gründen naheliegend. Zum einen wurde Maria als Ordenspatronin im Benediktiner- und Zisterzienserorden besonders verehrt, zum anderen setzte man vor allem im Benediktinerorden auf Qualität in der Liturgie.

Johann Valentin Rathgeber, der aus der Rhön stammende Banzer Benediktiner, Kammerdiener des Abtes und Klosterkomponist, verweist bereits mit seinem Opus II, den Cornus-Copiae Vesperarum diversarum – Bernardisch-Benediktinisch musikalisches Banzer Füllhorn, sechs vollständigen Vespern für den Sonntag, für Apostel- und Marienfeste, die er seinem Abt Benedikt Lurz widmete, auf die intensive Marienverehrung in seinem Konvent. In Kloster Banz gab es, wie an vielen Orten in der Barockzeit, eine Rosenkranzbruderschaft, also schrieb Rathgeber auch für dieses, damals noch relativ neue, am 7. Oktober gefeierte Fest, das Papst Pius V. als Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Sieg zum Dank für den Triumph seiner christlichen Flotte über das osmanische Reich in der Seeschlacht von Lepanto 1571 überregional eingeführt hatte, und das Papst Gregor VIII. 1573 in Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz umbenannt hatte, zahlreiche Werke. Rathgebers marianische Antiphonen, seine Vertonung der lauretanischen und weiterer marianischer Litaneien, die in seinem Opus V, der Mariano Musica, zusammengefasst sind oder sein Opus VII, die Decas Mariano-Musica, eine Sammlung von zehn feierlichen Messen zum Gebrauch für die Marienfeste des Kirchenjahres, wurden nicht nur in Banz musiziert. Rathgeber empfahl sie auch zisterziensischen Konventen und verbreitete sie auf seiner neunjährigen Reise, auf der der Komponist zum einen musikalische Erfahrungen in anderen Klöster sammelte, aber auch zahlreiche seiner Kompositionen verkaufte und so zum Einkommen seines Heimatklosters beitrug, in Konventen und Gemeinden. Rathgebers Konzeption seiner Kompositionen im Modulsystem vom vierstimmigen Chor mit großem Orchester bis zur Kleinstbesetzung für Orgel und Sologesang machte alle seine Werke sowohl in Klöstern als auch in Gemeinden leicht aufführbar und sorgte so für die auch damals schon notwendige kirchenmusikalisch basierte Liturgiereform, die Rathgeber als Komponist so wirksam unterstützte. Bemerkenswert ist, dass seine marianischen Werke sich nicht nur in den Notenschränken katholischer Kirchen fanden, sondern auch in evangelischen Gemeinden rezipiert wurden. Johann Valentin Rathgeber war beileibe nicht der einzige Benediktiner der Barockzeit, der seiner Verehrung der Gottesmutter in Wort und Ton Ausdruck verschaffte. Neben ihm sind Peregrin Pögel, Placidus Metsch, Johannes Werlin oder Marianus Königsperger zu nennen.

So tief die Marienverehrung in der benediktinischen Tradition im Barock verankert war, so schwer hatte sie es in der Zeit der Aufklärung. Die Predigt über die Gottesmutter und das Mariengebet mussten, so war man auch unter Benediktinertheologen überzeugt, lehrhaften Charakter haben und zur Bildung der Moral beitragen. Der erhobene Zeigefinger stand deutlich über dem liebevoll geöffneten Herz, wenn man nicht, wie der Benediktiner und dogmatische Theologe Benedikt Maria Werkmeister es an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert tat, die Marienverehrung ebenso wie die der Heiligen gänzlich ablehnte. Mariologie wurde nicht nur im Benediktinerorden zu einem Teilgebet der Christologie und spirituelle Praktiken wie das Rosenkranzgebet wurden nicht mehr unterstützt, sodass es nicht Wunder nimmt, dass angesichts der Abschaffung von Wallfahrten und der Einschränkung von Marienfesten die Anzahl der nennenswerten Kompositionen zu Ehren der Gottesmutter sehr überschaubar ist.

Dass man sich in Komponistenkreisen dem Thema Maria im 20. und 21. Jahrhundert erneut zuwendet, zeigen Vertonungen beispielsweise des Salve Regina durch Leos Janacek, Francis Poulenc, Hermann Schroeder, Jean Langlais, Arvo Pärt, Andrew Lloyd Webber oder Enjott Scheider. Innerhalb des Benediktinerordens setzen Komponisten wie der Einsiedler Stiftsorganist Theo Fleury beispielsweise mit seiner Vertonung der deutschsprachigen Version der marianischen Antiphonen der Benediktinerin Hedwig Silja Walter die Tradition der Marienverehrung fort – und schaffen damit Zugänge zur Marienverehrung über Wort und Bild hinaus.