Kunst, Katechese und Frömmigkeit

Eine Bonner Ausstellung lässt das mittelalterliche Europa der Klöster am Beispiel der Zisterzienser aufleuchten. Von Regina Einig

Auf der Marienstatter Tafel hält die thronende Muttergottes das Modell der Kirche mit geöffneten Portal in der Rechten. ... Foto: LVR Landesmuseum

Schlichte Kreuzgänge, ein sparsames Bildprogramm und filigrane Klosterbauten – die Kunst der Zisterzienser schwelgt nach landläufigen Vorstellungen weder in Farben noch in mehrstimmigen Gesängen. Ihre Architektur war stilbildend in Europa, insbesondere für die Gotik. Lichte Chorräume spiegeln monastische Kargheit in der Farbgestaltung und zugleich Fülle in der Raumplanung wider. Sie gaben dem gregorianischen Choralgesang der Mönche einen würdigen Sakralraum und vermitteln auch dem Besucher des 21. Jahrhunderts das Staunen des Menschen vor der Größe des Schöpfers. Das LVR-Museum in Bonn lässt in seiner Ausstellung „Die Zisterzienser – Das Europa der Klöster“ die mittelalterliche Blütezeit des Ordens vom späten 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts in Europa aufleuchten. Kunst diente den Zisterziensern als Katechese – auch in den Klöstern konnten nicht alle lesen und schreiben – und zur Verherrlichung Gottes in der Liturgie.

Fragmente des Fenstermaßwerks aus der Abteikirche Heisterbach geben dem Besucher zu Beginn eine plastische Einführung in das benediktinische Denken: Maßhalten und Sinn für Form sind Kernbestandteil der Benediktsregel, nach der auch die Zisterzienser leben. Didaktisch gelungen sind die Texttafeln, die den Besucher mit Grundbegriffen des Klosterlebens vertraut machen. Exponate aus den Klöstern Heisterbach, Marienstatt, Kamp und Altenberg geben Aufschluss über den kulturellen Aufschwung in der Region, der dank der Gründung der ersten Zisterzienserklöster auch außerhalb Frankreichs einsetzte. Der Hochaltar des ehemaligen Zisterzienserklosters Kamp ist in seiner ästhetischen Darstellung der Passion Christi schwer zu übertreffen. Auch das Antependium aus Kloster Logum beeindruckt durch ausdrucksstarke bildliche Darstellung.

Aus Kloster Eberbach stammt die im Pariser Louvre zu sehende „Schöne Deutsche“

Im Hauptsaal in der ersten Etage bezeugen mehrere Exponate die tief verwurzelte zisterziensische Marienverehrung. Glanz und Schlichtheit ergeben ein interessantes Kontrastprogramm: Aus Kloster Eberbach stammt die heute im Pariser Louvre zu sehende „Schöne Deutsche“, eine königlich gewandete Madonna auf der Mondsichel, die das Jesuskind anmutig in den Schleier gehüllt auf dem Arm trägt, während die etwas beschädigte Marienstatue „Sitz der Weisheit“ aus dem Kloster Olbok ohne besonderen Schmuck auskommt. Als früheste erhaltene christliche Skulptur Polens ist ihr ideeller Wert aber nicht zu unterschätzen. Auch die Konsole der lächelnden Madonna mit Kind aus Kloster Eberbach zeigt, dass die Darstellung Mariens als Mutter im Mittelalter verbreitet war und der Himmelskönigin an Ausdruck nicht nachstand.

Wie ein roter Faden zieht sich die sprichwörtliche zisterziensische Marienverehrung durch die Ausstellung: Seltenheitswert besitzen die kostbaren Marienstatter Tafeln, aufwändig gemalte Pergamente, die zur Kirchweihe 1324 geschaffen und auf Holz gezogen wurden. Ein frühes Beispiel multifunktionaler Sakralkunst, dienten die Tafeln als Urkunde, Bildkatechese und Ablasstafel zugleich.

Ein Meisterwerk zisterziensischen Kunsthandwerks ist das von den Nonnen des Skoklosters in Schweden gefertigte Grabtuch des Holmger Knutsson aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die lebensgroße Metallstickerei auf Seide und Leinen ist bemerkenswert gut erhalten und erstmals außerhalb Schwedens zu sehen. Nicht minder sehenswert ist das Antependium aus Kloster Logum – das älteste erhaltene Tafelbild Dänemarks. Man hätte dem von vier Evangelistensymbolen umgebenen Weltenrichter sowie den anderen Bildtafeln eine angemessene Erläuterung gewünscht, da das Bildprogramm des Antependiums nicht wenige Kenntnisse in Schrift und Legende voraussetzt.

Lehrreiches hat die Ausstellung für alle Generationen zu bieten: Vor allem das Skriptorium mit Handpresse und Vergolderkissen bietet sich für Familien mit Kindern an. Auch die Kaschmirmütze des heiligen Bernhard, das Hostieneisen, die Zellennachbauten und die fotografische Darstellung der Zeichensprache der Zisterzienser vermitteln den Klosteralltag.

„Originalhandschriften aus Citeaux, dem

Mutterkloster der

Zisterzienser“

Zeit mitbringen sollte der Besucher für die kostbaren Handschriften des Skriptoriums. Neben der Pracht der Kamper Bibel fallen vor allem die vier Originalhandschriften aus Citeaux, dem Mutterkloster der Zisterzienser, ins Auge. Sie werden heute in der Stadtbibliothek von Dijon aufbewahrt und tragen die geistliche Handschrift der ersten Zisterziensermönche. Das Liber correctorius legt Formen und Regeln für Gebet und Liturgie fest, die Carta Caritatis dokumentiert Gebräuche und Gewohnheiten im Kloster und regelt das Verhältnis der Abteien zum Mutterkloster. Die Handschrift mit Hieronymus-Briefen und der Ezechielkommentar des heiligen Hieronymus stehen der Buchmalerei der Benediktiner in nichts nach – hier scheuten auch die auf nüchterne Strenge bedachten Zisterzienser weder Zeit noch Aufwand, was auch die Zisterzienserbreviere aus einer Florentiner Werkstatt zeigen.

Dass die typisch zisterziensische Christusdarstellung – der sich mit offenen Armen zu Bernhard herabneigende gekreuzigte Christus – in der Ausstellung fehlt, ist umso schwerer nachzuvollziehen, als der Rundgang gegen Ende mit einem abrupt wirkenden Abstecher zum Lutherjahr vom eigentlichen Thema abweicht. Hier wäre etwas mehr Bernhard und weniger Luther stimmiger gewesen. Doch insgesamt gelingt es der Ausstellung auf knappem Raum, den Facettenreichtum der zisterziensischen Kloster- und Lebenskunst anschaulich einzufangen.

Bis 28. Januar 2018. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Konrad-Theiss-Verlag, Darmstadt erschienen (EUR 29,95 im Buchhandel, EUR 24,95 im Museum)