Kommentar: Mehr Kant als Luther

Die reine Vernunftreligion des Kirchentags. Von Josef Bordat

Natürlich war er der King: Martin Luther. Die Einschätzung der Rolle Luthers, die Erzbischof Thabo Makgoba (Kapstadt) in seiner Predigt beim Abschlussgottesdienst vor den Toren der Lutherstadt Wittenberg vornahm, als Vater der „demokratischen Freiheit“, mit deren Hilfe die Welt das längst zur stehenden Wendung gewordene „dunkle Mittelalter“ hinter sich gelassen habe, geht wohl – ganz nüchtern betrachtet – über die historische Wahrheit weit hinaus, wenn man etwa an Johanna Rahners Einschätzung denkt („Der Freiheitsbegriff des 16. Jahrhunderts hat mit dem der Moderne nichts zu tun“). Dennoch ist sie symptomatisch. Der Versuch, die Moderne bei Luther beginnen zu lassen, gebiert Überzeichnungen und konstruiert Kontinuitäten. Nicht hinein ins fromme Mittelalter, in dem der skrupulöse Reformator theologisch verankert ist, sondern hinaus in die aufgeklärte Moderne. Für diese Orientierung steht ein berühmter protestantischer Denker Pate: Immanuel Kant. Als es auf der Bilanzpressekonferenz am Samstag Mittag um die „Botschaft“ geht, die „von diesem Kirchentag ausgeht“, wird Kant zitiert: „Habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen“. Sich den Irrungen und Wirrungen der Zeit zu versagen, die Angst zu überwinden und dennoch gesprächsbereit zu bleiben, also auch mit denen zu sprechen, die offensichtlich unvernünftig sind, nicht willens oder fähig zum rationalen Diskurs unter der Herrschaft der Freiheit, darin sei sich der Kirchentag treu geblieben.

Dialogorientierung. Das ist vielleicht das auffälligste Moment dieses Kirchentags. Gut so. Gerade heute. Denn es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben mit den Juden, wegen allem, was war, ins Gespräch zu kommen mit Muslimen, trotz allem, was ist. Das schließt die Selbstkritik im Blick auf Luthers Antijudaismus ebenso ein wie kritische Fragen an den Islam. Beides gab es auf dem Kirchentag. Ferner gab es ein „Zentrum Regenbogen“, die Frage, wieviel Religion Mensch und Staat vertragen, Standortbestimmungen zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen (Migration und Sexualität, aber auch das sukzessive „Älter werden“ der Bevölkerung wurde thematisiert), Umwelt und Klima satt. Eine große Bühne für die Obamas dieser Welt. Und deutsche Parteipolitiker im Vorwahlkampf. Mission, Evangelisierung, Innerlichkeit? Das kommt nicht oder nur in kritischer Distanzierung vor. Das ist nicht a priori (um auch mal Kant zu zitieren) a-christlich. Im Glaubensbekenntnis kommen Petrus und Paulus ja auch nicht vor. Pontius Pilatus hingegen schon.

Doch auch die zentralen politischen Themen der Christenheit heute haben auf dem Kirchentag nur wenig Platz. Etwa die Verfolgung der christlichen Gemeinschaften im arabischen Raum. Sie kommen nur am Rande vor, man muss sie suchen. Gut versteckt auf einer Kleinstbühne darf ein hochkarätiges Podium (unter anderen mit Heiner Bielefeldt) auf Einladung der Hanns Seidel Stiftung über das brisante Thema „Christliche Minderheiten in islamisch geprägten Ländern“ sprechen. Eine hochinteressante Veranstaltung, der man mehr als die zwanzig, dreißig Zuhörer gewünscht hätte. Und theologisch? Schon beim Eröffnungsgottesdienst wird klar, wohin die Reise geht. Gott ist die „Mutter“. Im Abschlussgottesdienst wird dann die „Heilige Geistkraft“ angerufen. Der gegenderte Gott. Man kann den Veranstaltern wirklich nicht vorwerfen, sie seien nicht konsequent bei ihrer Suche nach Nähe zur Gegenwartsgesellschaft in Luthers Heimat, wenn die Zeitgeistkraft selbst in christliche Kernkonzepte eiligst eingepflegt wird. Dass Impulse zur Ökumene in dieser Atmosphäre auf großes Gehör stoßen, zeigt die enorme Nachfrage. Im Grunde ein gutes Zeichen, wenn eine Veranstaltung „Reformation und Katholizität“ auf dem Evangelischen Kirchentag bereits zwei Stunden vor Beginn überfüllt ist. Überhaupt: Zeichen setzen ist eine weitere Stärke dieser Tage. In einer Schweigeminute wird der in den letzten Jahren über 10 000 im Mittelmeer verstorbenen Flüchtlinge gedacht. Auch ein gutes Zeichen. Die Veranstaltung stand äußerlich unter dem Eindruck des Terrors. Die Erinnerung an den Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, auf dem auch eine Kirchentagsbühne stand, erfuhr durch den Anschlag von Manchester eine grausame Aktualisierung. Freilich nervt es, dass vor jeder Halle, vor jedem Veranstaltungsgebäude und vor jeder Kirche erst einmal der Rucksack kontrolliert wird, gerade dann, wenn man – was auf Kirchentagen vorkommen soll – etwas knapp in der Zeit ist, aber dennoch ist das ein notwendiges Übel, das man gerne in Kauf nimmt, für ein bisschen Sicherheit. Zumindest dem Gefühl nach. Wir werden uns vielleicht daran gewöhnen müssen, öffentliche Einrichtungen nur noch durch Sicherheitsschleusen zu betreten, nicht nur bei Großveranstaltungen. Einmal auf dem Messegelände, bot sich die ganze Zeit über ein farbenfrohes, sonniges Bild. Wer sich eine Pause auf der Wiese unter dem Funkturm gönnt, kann über Außenlautsprecher einige Veranstaltungen mithören. Im Vorbeigehen lassen sich dann Sätze aufschnappen wie dieser: „Streng religiöse Menschen haben Angst davor, dass ihr Glaube von den Werten einer offenen Gesellschaft aufgeweicht wird“. Das Zittern folgt umgehend, bei so viel Symbolgehalt.

Die Kirchentagsteilnehmenden haben nach dem Willen der Veranstalter nichts zu befürchten. Denn wir erinnern uns: Luther und Kant – Vernunft und Autonomie. Was das für die Religion bedeutet, ist auch ohne Berieselung klar: Sie findet „innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ statt. Auch das ist Kant. Was übrig bleibt, das ist eine entblößte Religion, die nicht mehr das „Wagnis“ (Peter Wust) einschließt, die Reflexion durch Devotion zu übersteigen, zu groß das Risiko, die eng gefasste Vernunft durch Irrationalität zu unterlaufen. Oder zu klein der Glaube? Jedenfalls wäre ein solcher wohl nicht mehr legitimer Teil der Vernunftreligion, die dieser Kirchentag gepredigt hat. Auch darin blieb sich die Evangelische Kirche treu.