Gottes unergründliche Wege

Er kam als Flüchtling aus Eritrea nach Deutschland – Seit kurzem ist Medhanie Uqbamichael ein Priester. Von Heinrich Wullhorst

In Deutschland reifte seine Berufung: Medhanie Uqbamichael (Mitte) bei seiner Priesterweihe vor einer Woche in Frankfurt... Foto: DV Limburg

Manchmal sind Gottes Wege wirklich unergründlich. Medhanie Uqbamichael führten sie aus einer Gefängniszelle, durch die Wüste Sahara, in ein Flüchtlingsboot nach Lampedusa bis zu seinem „Adsum“ in der Hedwigskirche in Frankfurt-Griesheim. Es ist ein langer und steiniger Weg, den der 35-Jährige, der aus dem ostafrikanischen Eritrea stammt, in den vergangenen Jahren hinter sich gebracht hat. Jetzt ist eines seiner Ziele erreicht. Vor einer Woche weihte Bischof Kidane Yebio aus dem eritreischen Bistum Keren den ehemaligen Flüchtling im Beisein des Limburger Weihbischofs Thomas Löhr zum Priester.

Eritrea wird seit seiner Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 von Isayas Afewerki regiert. Er war früher Generalsekretär der marxistischen Eritreischen Volksbefreiungsfront und herrscht als Staatspräsident und Regierungschef diktatorisch über das knapp sechs Millionen Einwohner zählende Land am Roten Meer, berichtet die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte. Nach Angaben von Amnesty International werden dort tausende Gewissensgefangene und politische Gefangene, darunter ehemalige Politiker, Journalisten und Praktizierende unerlaubter Religionszugehörigkeit, weiterhin ohne Gerichtsverfahren festgenommen. In den letzten Jahren hat gerade der Druck auf die Christen in dem ostafrikanischen Land zugenommen. 2007 setzte die Regierung Eritreas Abune Antonios, den Patriarchen der Eritreisch-Orthodoxen Kirche, unrechtmäßig ab und stellte ihn unter Hausarrest. Nach einem fehlgeschlagenen Putschversuch im Jahre 2013 nimmt die Verfolgung von Christen, die der Diktator Afewerki als „Agenten des Westens“ bezeichnet, weiter zu. Und sie hält bis heute an. Noch im Mai 2017 wurden hundert Christen in einer erneuten Verhaftungswelle festgenommen.

Als Student der Theologie gehörte Medhanie Uqbamichael zu einer Gruppe, die in ständiger Angst vor den Übergriffen der Staatspolizei leben musste. Nach seinem Studienabschluss 2013 gelingt es ihm nicht, Arbeit zu finden. Die ständige Bedrängnis durch die staatlichen Organe, die sich weigern, ihm Ausweispapiere auszustellen, und die dauernde Sorge vor weiteren Übergriffen lassen in ihm die Entscheidung reifen, seine Heimat zu verlassen. Und er begibt sich auf den Weg ins Ungewisse, den er heute als „sehr dunkle und schlimme Zeit“ bezeichnet.

Im Gefängnis im Sudan und durch die Sahara nach Libyen

Die Odyssee des jungen Mannes beginnt mit einem Fußmarsch über elf Tage von Eritrea bis in den Sudan. Eine so lange Strecke, vielfach ohne Nahrung und mit nur wenig Wasser, auf sich allein gestellt in der Hitze Ostafrikas, zermürbt. „An ein Aufgeben habe ich aber zu keinem Zeitpunkt gedacht“, erklärt Uqbamichael im Gespräch mit der Tagespost. Auch nicht, als er von Soldaten aufgegriffen und im Sudan ins Gefängnis geworfen wird. Nach einem längeren Aufenthalt hinter Gittern kommt er frei und landet in der Stadt Kassalla. Ein Auto bringt ihn von dort vierhundert Kilometer quer durch den Sudan. In der Landeshauptstadt Khartoum endet der Weg zunächst einmal für die Dauer von zwei Monaten. Dann begeben sich 46 Personen in einem kleinen Bus eine Woche lang auf das ungewisse Abenteuer durch die Wüste Sahara. Das Ziel der Gruppe: Ägypten. Auch dieser Weg wird bestimmt von Staub, Schmutz, Enge und weiterhin der Entbehrung von ausreichend Nahrung und Wasser. Weiter geht es dann über Libyen.

Eines der Erlebnisse, die ganz besonders nachdrücklich auf den Eritreer wirken, geschieht dort: In dieser Situation, in einer Unterkunft mit mehr als 150 Leuten, bekommt eine Frau aus der Gruppe ein Kind. „Das ist ganz schlimm, ohne jede medizinische Versorgung“, erzählt der Geflüchtete. „Und das in einer Lage, in der wir uns auf jeder Fluchtetappe verstecken mussten. Da kann man nicht mal eben einen Arzt rufen.“

Von Libyen aus werden etwa sechshundert Flüchtlinge auf einem Boot durch das Mittelmeer gebracht. „Das war sehr schlimm“, beschreibt Uqbamichael. „Das kleine Schiff war völlig überladen und hatte einen besorgniserregenden Tiefgang.“ Die Angst, dass das Boot untergehen könne, habe ihn die ganze Zeit über begleitet, weil er natürlich auch die Schicksale der Vielen kenne, die im Mittelmeer ihr Leben gelassen hätten. „Beten hilft in einem solchen Moment“, beschreibt der Neupriester, der sich bei aller Angst vertrauensvoll in Gottes Hand begibt. „Dabei nutzt das Wissen darum, dass Gott in der ganzen Welt lebt und er immer und überall bei uns ist“, berichtet der Eritreer.

„Der Glaube spielt für die Christen in meinem Heimatland eine ganz besondere Rolle“, betont der Neupriester aus dem kleinen Dorf Guba im Landesinneren. Und auch die Vermittlung von Glaubensinhalten läuft anders als wir es in Deutschland gewohnt sind. „Mit sieben oder acht Jahren beginnt für jedes christliche Kind in meiner Heimat der Katechismusunterricht. Der nimmt an jedem Tag eine bis zwei Unterrichtsstunden in Anspruch.“ So werde bereits früh ein tiefes religiöses Fundament gelegt, das das Leben der Menschen begleite.

Nach vielen unsicheren Stunden auf See entdeckt die italienische Küstenwache das Boot und bringt es zur Insel Lampedusa. Über Sizilien geht es dann ins zentrale Aufnahmelager ins hessische Gießen. Während er für etwas mehr als ein Jahr in einer Flüchtlingswohnung in Frankfurt untergebracht ist, kommt er in Kontakt zu Mitarbeitern aus dem Bistum Limburg und der großen eritreisch-katholischen Gemeinde in der Mainmetropole. Das hilft ihm dabei, sich an das ungewohnte Leben in Deutschland zu gewöhnen. „Am Anfang war es vor allem kalt hier. Ich hatte ja überhaupt nicht die passende Kleidung für die klimatischen Verhältnisse in Deutschland“, berichtet Uqbamichael.

So erhielt der junge Theologe dann die Perspektive, in Deutschland zum Priester geweiht zu werden. „Das ist schließlich meine Berufung“, berichtet er. Im Missionshaus der Pallottiner in Limburg vermittelte man ihm in den letzten Monaten vor seiner Priesterweihe eine Vertiefung seiner Kenntnisse der deutschen Sprache. Jetzt nach dem großen Ereignis will er weiter Deutsch lernen und denkt darüber nach, an der Hochschule in Sankt Georgen zu promovieren.

Er kann sich aber auch gut vorstellen, in der Gemeindeseelsorge für seine Landsleute, die nach Deutschland geflohen sind, tätig zu werden. Und die werden froh sein, auf einen Priester zu treffen, mit dem sie im Ritus ihrer Kirche die heilige Messe feiern können. Und das ist schon deutlich anders, als wir das hier in Deutschland kennen. „Unsere Liturgie dauert manchmal bis zu drei Stunden und länger. Das hängt auch damit zusammen, dass der Gottesdienst von lautem Gesang, Trommeln und Tanz geprägt wird. Das ist etwas, was die Menschen schon sehr stark berührt.“ In seinem Heimatland werden die Gottesdienste nach dem „Ge'ez Ritus“ gefeiert. Und nach diesem liturgischen Muster lief auch die Weihe des Kandidaten in altäthiopischer Sprache ab.

Die Menschen einladen, zum Glauben zu kommen

Ob er als Flüchtling jemals in seine Heimat zurückkehren kann, weiß Uqbamichael nicht: „Unter den jetzigen politischen Verhältnissen ist das sicher nicht möglich.“ Jedoch hat er sich als Wahlspruch für seine Priesterweihe ein Bibelwort ausgesucht, das auf die politischen Verhältnisse in seinem Heimatland und auf den Diktator Afewerki zu passen scheint: „Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9).

Als Seelsorger sieht der Neupriester seine Aufgabe darin, den Menschen Orientierung zu geben. Seine Lebensgeschichte hat ihm aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, auf seinem Weg immer wieder auf Menschen zu treffen, die als Hörende und Handelnde ein offenes Ohr für ihr Gegenüber haben. Sein Engagement wird sich deshalb auch nicht nur auf die Christen beschränken: „Ich will alle Menschen einladen, zum Glauben zu kommen“, ist seine Idee für sein priesterliches Wirken.