Gott will die Befreiung des menschlichen Herzens“

Der Heilige Vater unterstreicht die Größe der christlichen Hoffnung – Generalaudienz vom 9. August 2017

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wir haben die Reaktion der Tischgäste des Pharisäers Simon gehört: „Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?“ (Lukas 7, 49). Jesus hat soeben eine skandalöse Geste getan. Eine Frau der Stadt, die alle als eine Sünderin kannten, kam in das Haus des Simon, sie beugte sich zu Füßen Jesu und goss wohlriechendes Öl über sie. Alle, die zu Tisch saßen, raunten: Wenn Jesus wirklich ein Prophet wäre, dann dürfte er derartige Gesten von einer Frau wie dieser nicht annehmen. Jene Frauen, diese armseligen, die nur dazu dienten, sie im Geheimen zu treffen, auch von den Anführern, oder um gesteinigt zu werden. Der Mentalität der Zeit entsprechend musste die Trennung zwischen dem Heiligen und dem Sünder, zwischen dem Reinen und dem Unreinen klar sein.

Doch die Haltung Jesu ist anders. Von Anfang seines Dienstes in Galiläa an nähert er sich den Aussätzigen, den Besessenen, allen Kranken und Ausgegrenzten. Ein Verhalten dieser Art war mitnichten gewöhnlich, was dazu führte, dass diese Sympathie Jesu gegenüber den Ausgeschlossenen, den „Unberührbaren“, etwas von dem sein wird, was seine Zeitgenossen am meisten fassungslos macht. Wo ein Mensch ist, der leidet, nimmt sich Jesus seiner an und jenes Leid wird zu seinem Leid. Jesus verkündet nicht, dass der Zustand des Leidens nach der Art der stoischen Philosophen heroisch zu ertragen ist. Jesus teilt den menschlichen Schmerz, und wenn er auf ihn trifft, bricht aus seinem Innersten jene Haltung hervor, die das Christentum auszeichnet: die Barmherzigkeit. Angesichts des menschlichen Schmerzes verspürt Jesus Barmherzigkeit; das Herz Jesu ist barmherzig. Jesus spürt Mitleid. Im wörtlichen Sinn: Jesus fühlt, wie seine Eingeweide beben. Wie oft begegnen wir in den Evangelien Reaktionen dieser Art. Das Herz Christi verkörpert und offenbart das Herz Gottes, der dort, wo ein Mann oder eine Frau ist, die leiden, ihre Heilung, ihre Befreiung, ihr volles Leben will.

Aus diesem Grund breitet Jesus seine Arme weit für die Sünder aus. Wie viele Leute verharren auch heute in einem verfehlten Leben, weil sie keinen Menschen finden, der bereit wäre, sie anders anzusehen, mit den Augen und dem Herzen Gottes, also mit Hoffnung. Jesus dagegen sieht eine Möglichkeit der Auferstehung sogar für den, der viele Fehltritte in seinem Leben angesammelt hat. Jesus ist immer da, offenen Herzens; er breitet jene Barmherzigkeit weit aus, die er in seinem Herzen hat; er vergibt, er umarmt, er nähert sich: So ist Jesus!

Bisweilen vergessen wir, dass es sich für Jesus um keine leichte Liebe gehandelt hat, die billig zu haben gewesen wäre. Die Evangelien verzeichnen die ersten negativen Reaktionen gegenüber Jesus gerade in dem Moment, als er die Sünden eines Mannes vergab (vgl. Markus 2, 1–2). Es war ein Mann, der doppelt litt: weil er nicht gehen konnte und weil er sich als einer fühlte, der „falsch“ war. Jesus versteht, dass der zweite Schmerz größer ist als der erste, so dass er ihn sofort mit einer Ankündigung der Befreiung empfing: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ (V. 5). Er befreit von jenem beklemmenden Gefühl, falsch zu sein. An diesem Punkt kommt es dazu, dass sich einige Schriftgelehrte – jene, die sich für vollkommen halten: ich denke an die vielen Katholiken, die sich für vollkommen halten und die anderen verachten... traurig ist das... – einige Schriftgelehrte, die dort waren, empörten sich über jene Worte Jesu, die wie eine Gotteslästerung klingen, da allein Gott die Sünden vergeben kann.

Wir, die wir es gewohnt sind, vielleicht zu oft „zu billig“ in die Erfahrung der Vergebung der Sünden zu kommen, sollten uns manchmal entsinnen, wie viel wir die Liebe Gottes gekostet haben: das Leben Jesu! Er hätte es auch nur für einen einzigen von uns hingegeben. Jesus lässt sich nicht kreuzigen, um Kranke zu heilen, weil er die Nächstenliebe verkündigt, weil er die Seligpreisungen verkündigt. Der Sohn Gottes geht vor allem ans Kreuz, weil er die Sünden vergibt, weil er absolute, endgültige Befreiung des menschlichen Herzens will. Weil er es nicht hinnimmt, dass ein Mensch sein Leben lang mit dieser unauslöschlichen „Tätowierung“ herumläuft, mit dem Gedanken, nicht vom barmherzigen Herzen Gottes aufgenommen werden zu können. Und mit diesen Gefühlen geht Jesus den Sündern entgegen, die wir alle sind.

So wird den Sündern vergeben. Sie werden nicht nur auf einer psychologischen Ebene beruhigt und aufgeheitert, da sie vom Schuldgefühl befreit wurden. Jesus tut viel mehr: Er bietet den Menschen, die einen Fehler gemacht haben, die Hoffnung auf ein neues Leben. „Aber Herr, ich bin kaputt!“ – „Schau nach vorn und ich werde dir ein neues Herz machen“. Das ist die Hoffnung, die uns Jesus gibt. Ein Leben im Zeichen der Liebe. Matthäus, der Zöllner, wird Apostel Christi: Matthäus, der ein Vaterlandsverräter war, ein Ausbeuter der Leute. Der korrupte reiche Zachäus von Jericho – er hatte gewiss einen Studienabschluss für Schmiergelder – wandelt sich zum Wohltäter für die Armen. Die Frau aus Samarien, die fünf Ehemänner hatte und nun mit einem anderen zusammenlebt, hört, wie ihr ein „lebendiges Wasser“ verheißen wird, das für immer in ihr sprudeln können wird (vgl. Johannes 4, 14). So ändert Jesus das Herz; so tut er es mit uns allen.

Es tut uns gut zu denken, dass Gott als den ersten Teig, um aus ihm seine Kirche zu bilden, nicht die Menschen wählte, die nie einen Fehler machten. Die Kirche ist ein Volk der Sünder, die Gottes Barmherzigkeit und Vergebung erfahren. Petrus erkannte mehr Wahrheit über sich selbst beim Schrei des Hahns, als in seinen Anwandlungen von Großmut mit geschwellter Brust, die ihn sich für über die anderen erhaben fühlen ließen.

Brüder und Schwestern, wir alle sind arme Sünder, die der Barmherzigkeit Gottes bedürfen, welche die Kraft besitzt, uns zu verwandeln und wieder Hoffnung zu geben, und das alle Tage. Und sie tut dies! Und den Menschen, die diese Grundwahrheit verstanden haben, schenkt Gott die schönste Sendung der Welt, das heißt: die Liebe zu den Brüdern und Schwestern, und die Verkündigung einer Barmherzigkeit, die er keinem leugnet. Und das ist unsere Hoffnung. Wir wollen mit diesem Vertrauen auf die Vergebung, auf die barmherzige Liebe Jesu vorangehen.

Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Ein herzliches Willkommen allen Pilgern deutscher Sprache. Diese Ferienzeit schenkt uns schöne Gelegenheiten, die Liebe Christi intensiver in unseren Familien und unter Freunden zu leben. Jesus lehrt uns zu lieben, zu verzeihen und uns den anderen zu verschenken. Schönen Urlaub!

Übersetzung aus dem Italienischen von Armin Schwibach