„Einer, der nie umgefallen ist“

Bewegender Abschied von Kardinal Meisner – Große Anteilnahme der Bevölkerung – Benedikt XVI. würdigt Verstorbenen als „leidenschaftlichen Hirten“. Von Regina Einig

Bestattung von Kardinal Meisner im Kölner Dom
Ende einer Ära: Der Sarg mit der sterblichen Hülle Kardinal Joachim Meisners wird in die Bischofsgruft des Kölner Doms g... Foto: dpa

Köln (DT) Sage niemand, der gebürtige Schlesier Joachim Meisner sei den Rheinländern innerlich fremd geblieben: Auf Knien und unter Tränen verabschieden sich zahlreiche Gläubige am Freitag abend nach der Totenvesper in der Basilika Sankt Gereon von ihrem verstorbenen Erzbischof. Meisners Nachfolger Rainer Maria Woelki erinnert in seiner Predigt an die auffallend starke Anteilnahme der jungen Gläubigen während der Totenwache an den Tagen zuvor. Auch zur Begräbnisfeier am Samstag sind viele junge Priester und Ordensleute sowohl aus dem Erzbistum Köln als auch aus anderen Diözesen angereist. Unter den Klängen der Petersglocke wird Kardinal Meisners sterbliche Hülle in einem imposanten Trauerzug in den gesteckt vollen Kölner Dom geleitet. Gut fünfzig Kardinäle und Bischöfe aus zwanzig Ländern sowie zahlreiche Priester, Diakone und Ordensleute geben ihm das letzte Geleit, darunter der Apostolische Nuntius Nikola Eteroviæ und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx. Aus Rom sind Kardinal Gerhard Müller und Erzbischof Georg Gänswein angereist. Auch Bischof Walter Mixa und Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft geben dem Kölner Alterzbischof die letzte Ehre.

Erzbischof Eteroviæ verliest im Dom eine kurze Botschaft des Papstes. Franziskus würdigt „den unerschrockenen Einsatz“ des verstorbenen Kölner Kardinals für Glauben und Kirche. Meisner habe sich für die Kirche in Ost und West gleichermaßen eingesetzt.

Die tiefe Verbundenheit alter Weggefährten spricht aus der Predigt von Kardinal Peter Erdö: Dankbar erwähnt der ungarische Primas, wie viel der Verstorbene für die Länder Mittel- und Osteuropas getan habe. Als Erzbischof der seinerzeit geteilten Diözese Berlin übernahm Joachim Meisner eine heikle Aufgabe. In seiner verantwortungsvollen Stellung als Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz habe er „einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet“. Meisners pastorale Einstellung sei durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder, Jugendliche, Arme und Fremde gekennzeichnet gewesen. „Er war ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn“, unterstrich Kardinal Erdö. Leidenschaftlich habe er die christliche Lehre und die Wahrheit gesucht und geliebt. „Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war“, so der ungarische Primas. Als wegweisend hebt er die tiefe Marienverehrung Meisners hervor: „Aus seiner marianischen Frömmigkeit bewahren wir das Vertrauen zur göttlichen Vorsehung und auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, die trotz Schwierigkeiten und Sünden den Weg der Menschheit begleitet.“ Insbesondere Beichte und Anbetung spielten für den Hirten Joachim Meisner eine zentrale Rolle. In einem von Erzbischof Georg Gänswein verlesenen Grußwort Benedikts XVI. erinnert der emeritierte Papst an zwei Dinge, die den verstorbenen Kardinal in den letzten Jahren froh stimmten: junge Menschen, die das Bußsakrament als Geschenk entdeckten und das „leise Wachsen der eucharistischen Anbetung“. Dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger Meisner sei es schwergefallen, sein Amt zu lassen „und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken“, so Papst Benedikt. Als Gänswein endet, brandet zum ersten und einzigen Mal während des Requiems Applaus im Dom auf.

Ehe der Sarg in die Bischofsgruft herabgesenkt wird, um gegenüber von Kardinal Josef Frings seine letzte Ruhestätte zu finden, geht ein persönlicher Wunsch des am Weihnachtsfest 1933 geborenen Kölner Alterzbischofs in Erfüllung: Der Chor stimmt das Lied „Adeste Fideles“ an. Etliche Trauergäste haben Tränen in den Augen. Nach dem Begräbnis äußert Erzbischof Georg Gänswein gegenüber der „Tagespost“: „Kardinal Meisner behalte ich in Erinnerung als einen großartigen, mutigen Zeugen des Glaubens, der, mit dem heiligen Paulus gesprochen, nie umgefallen ist, sondern ob gelegen oder ungelegen das sagte, was aus dem Glauben zu sagen war – gegen alle Anfeindungen, aber auch mit Humor.“

Der Kölner Diözesanpriester Monsignore Winfried König äußert sich im Gespräch mit dieser Zeitung beeindruckt über die Art und Weise, in der Kardinal Meisner persönliche Erlebnisse in das Heilsgeschehen einordnete. Sein ganzes Leben hindurch sei der Verstorbene bereit gewesen, als Mensch und Priester zu leiden, sich einzusetzen und zu beten. Doch habe er sich durch das Leiden nicht unterkriegen lassen, sondern den guten Kampf gekämpft.

Auch langjährige Weggefährten Kardinal Meisners, die wegen ihrer seelsorglichen Verpflichtungen nicht zum Begräbnis kommen konnten, sind in Gedanken bei dem Verstorbenen. Der Madrider Kardinal Antonio María Rouco Varela, Gastgeber der Weltjugendtage von 1989 und 2006, erklärt gegenüber dieser Zeitung: „Kardinal Meisner war ein tiefgläubiger Bischof, immer bereit, ein offenes und eindeutiges Zeugnis für die Wahrheit des unverkürzten Evangeliums zu geben. Er war von einer ergreifenden eucharistischen Frömmigkeit und zugleich von einer liebenden pastoralen Zuwendung zu den Menschen in all ihren geistigen und materiellen Nöten.“ Dass das Begräbnis des Kardinals auf den Tag des traditionellen Sommerfeuerwerk der Stadt, die so genannten „Kölner Lichter“ fällt, lässt den rheinischen Humor unter den Trauergästen wieder aufblitzen. Von oben habe der Kardinal die besten Sicht, schmunzeln die Passanten abends am Rheinufer, als die ersten Leuchtkugeln in den Nachthimmel aufsteigen.