Eine polnische Antwort auf Yad Vashem

Katholiken und Juden gedachten in Thorn der Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur. Von Anna Meetschen

Die Kapelle in Thorn ehrt jene Polen, die zur Zeit des Holocaust Juden schützten. Foto: am

Thorn (DT) Im polnischen Toruñ (Thorn), haben sich kürzlich Katholiken und Juden unter dem Motto „Erinnerung und Hoffnung“ im Rahmen einer polnisch-israelischen Tagung getroffen. Veranstalter waren das in diesem Jahr von dem Redemptoristen Tadeusz Rydzyk gegründete Institut „Erinnerung und Identität“ und Jonny Daniels, Vorsitzender der Stiftung „From The Depths“.

Im „Heiligtum der Gottesmutter Stern der Neuevangelisierung und des heiligen Johannes Paul II.“ war zuvor eine Gedenkkapelle in Erinnerung an die Polen eingeweiht worden, die sich im Zweiten Weltkrieg für die Rettung der Juden einsetzten und dafür von den Nazis ermordet wurden. Das Heiligtum ist auf Initiative des Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk entstanden, der als Gründer von „Radio Maryja“ über die Grenzen Polens hinaus bekannt geworden ist.

In seinem Grußwort betonte Pater Rydzyk, dass mit dieser Gedenkkapelle die Absicht verbunden sei, sowohl die Erinnerung an die Helden zu bewahren, wie auch „etwas Gutes aus der Geschichte zu lernen, denn Historia Magistra Vitae ist“. Die Geschichte sei ein Lehrer des Lebens. Der Direktor von „Radio Maryja“ unterstrich, dass es noch viel mehr Menschen gäbe, deren Namen in die Gedenkkapelle gemeißelt sein sollten. Dies bestätigte der Sprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Pawel Rytel-Andrianik, der von weiteren tausenden Polen sprach, deren Akten derzeit für Yad Vashem bearbeitet und geprüft würden.

Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szyd³o hob in ihrer Ansprache hervor, dass Polen ein gemeinsamer Staat für polnische Christen und polnische Juden gewesen sei und dass die Nazis beide Gruppen zu vernichten geplant hätten. „Wir müssen uns an die 1 000 Jahre der gemeinsamen Geschichte erinnern und daran, dass die polnische Landschaft von den Kathedralen und Kirchen, Synagogen und jüdischen Friedhöfen geprägt ist“, unterstrich der Provinzial der Redemptoristen, Pater Janusz Sok.

Der stellvertretende Vorsitzende der Knesset, Yehiel Hilik Bar, sowie der israelische Minister für Kommunikation, Ayoob Kara, drückten gegenüber Pater Rydzyk und der polnischen Regierung ihren Dank für die Gedenkkapelle und die damit verbundenen Initiativen aus. Jonny Daniels sagte mit Blick auf die eingemeißelten Namen: „Als Juden bedanken wir uns herzlich bei den Polen, die ihr Leben gegeben haben. Ich bedauere, dass ich nicht vor diesen Menschen, deren Namen an den Wänden zu lesen sind, stehen kann, um mich bei ihnen zu bedanken.“

Der Rabbiner Dov Lipman, ein ehemaliges Mitglied der Knesset, sagte, dass die Juden, die nach Polen kommen, nicht nur die KZ-Gedenkstätte besuchen sollten, sondern auch nach Thorn kommen müssten, um die Gedenkkapelle zu sehen. „Wir, Menschen des Glaubens, sollen das Licht der Nationen sein. Wir, Christen und Juden, sollen die Welt erleuchten. Wir sind alle Kinder Gottes und deshalb darf es nie mehr Rassismus, nie mehr Diskriminierung geben“, erklärte Lipman.

Ähnlich äußerte sich auch Anna Henrietta Kretz-Daniszewski, eine Holocaust-Überlebende, die heute in Antwerpen lebt. Sie wurde als kleines Mädchen von der Ordensschwester Celina Kêdzierska von der Kongregation der Franziskanerinnen der Familie Mariens versteckt, die im Jahr 2016 mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet worden ist. Kretz-Daniszewski erzählte, wie ihre Eltern im Jahr 1944 von der Gestapo erschossen wurden und sie selbst sich im Garten verbergen musste. Nach einiger Zeit, völlig erschöpft und entkräftet, habe sie sich an Schwester Kêdzierska erinnert, die vor dem Krieg eine Patientin ihres Vaters, eines Arztes, gewesen sei. Sie ging zum Waisenhaus der Franziskanerinnen und klopfte an die Pforte. Es öffnete Schwester Kêdzierska, zu welcher die kleine Henrietta sagte: „Schwester, sei meine Mutter, ich habe meine Eltern nicht mehr“. Die Schwester antwortete ihr: „Hab keine Angst. Hier bist du sicher“. Auf diese Weise habe, wie Anna Henrietta Kretz-Daniszewski während der Tagung betonte, „die Schwester nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch den Glauben an Menschen, sodass es nie wieder Vorurteile und Ausgrenzung gibt“. Die Franziskanerinnen der Familie Mariens retteten während des 2. Weltkrieges das Leben von mehr als 500 Kindern und Jugendlichen, dazu ungefähr 250 älteren Leuten. In Warschau wurden viele Kinder aus dem Ghetto von der damaligen Provinzmutter Matylda Getter gerettet, die im Laufe der Zeit als „Mutti der jüdischen Kinder aus dem Warschauer Ghetto“ berühmt wurde.

Die Gedenkkapelle, deren Gestaltung und Atmosphäre der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ähnelt, machte einen großen Eindruck auf die geladenen israelischen Politiker und Rabbiner sowie auf die jüdischen Überlebenden des Holocaust, die aus Polen und aus Belgien gekommen waren. Auf die schwarzen Wände der Kapelle sind die 1 170 Namen der polnischen Opfer eingemeißelt, die sich während der Zeit des Nationalsozialismus für ihre jüdischen Freunde, Nachbarn und fremde Menschen in Not einsetzten. Vier goldene Engel mit Trompeten sollen daran erinnern, dass „ihre Namen nie vergessen werden“, wie Jerzy Bander, ein von polnischen Nonnen Geretteter sagte.

Zum Schluss der Tagung wurde ein gemeinsames Gebet auf Hebräisch und Polnisch von Rabbiner Moshe Itsik aus der jüdischen Gemeinde in Georgien und Pater Janusz Sok gebetet. Sie wählten den Psalm 130, „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“. Es war ein beeindruckendes Gebet, dem sich die jüdischen und christlichen Teilnehmer anschlossen. Auch heute ist es wichtig, dass Israelis und Polen, Juden und Katholiken eng zusammenstehen und sich gemeinsam für die Freiheit des Glaubens einsetzen.