Die Sonntagslesung: Zur Heiligkeit sind wir alle berufen

Zu den Lesungen des zweiten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Manfred Hauke

Jesaja 49, 3.5–6; 1 Korinther 1, 1–3; Joh 1, 29–34

Mit dem grünen Messgewand zeigt sich nun wiederum der liturgische „Normalfall“: die sogenannten Sonntage im Jahreskreis, im Unterschied zu den geprägten Zeiten, die sich auf Weihnachten und Ostern konzentrieren. Auch die Lesungen helfen uns, den normalen Alltag zu leben.

Das gilt bereits für die kürzeste Lesung, den Beginn des ersten Briefes an die Korinther. An acht Sonntagen hintereinander werden im laufenden Lesejahr Abschnitte aus diesem sehr lebendigen und bedeutsamen Brief vorgelesen. Häufig werden die Pauluslesungen weniger beachtet, nicht etwa, weil sie langweilig wären oder nichts Interessantes für unser christliches Leben böten, sondern aus einem anderen Grund: Die alttestamentlichen Lesungen sind so ausgesucht, dass sie stets einen Bezug haben zum Evangelium, während die Lesungen aus den Apostelbriefen als eigener Zyklus erscheinen. Da es im deutschen Sprachraum, im Unterschied zum „Rest“ der Weltkirche, bislang noch erlaubt ist, statt beider Lesungen vor dem Evangelium nur eine einzige vorzutragen, kommen die wertvollen Weisungen der Apostel häufig gleichsam „unter die Räder“.

Die Aufmerksamkeit auf die Worte des hl. Paulus (und der übrigen Apostel) zu richten – das lohnt sich. Bevor wir auf die Lesung selbst eingehen, sei Einiges vorausgestellt zur Vorbereitung. Korinth liegt in Griechenland auf der schmalen Landenge von ungefähr sechs Kilometern Breite, die Mazedonien und den Peloponnes miteinander verbindet. Zur Zeit des hl. Paulus hatte Korinth zwei Häfen: einen im Osten und einen anderen im Westen. Es war damit ein Knotenpunkt des internationalen Handels zwischen Orient und Okzident. Es gab eine Rollbahn, auf der kleinere Schiffe auf dem Landweg von einem Hafen zum anderen gezogen wurden (der schon von Julius Cäsar geplante Kanal wurde freilich erst am Ende des 19. Jahrhunderts gebaut). In der römischen Zeit war Korinth die Hauptstadt der Provinz Achaia und damit Sitz eines Statthalters. Es lebten dort Einwanderer aus vielen Ländern, darunter auch Juden. Die verschiedensten Religionen und Kulte fanden hier eine Heimat. Es war sozusagen eine multikulturelle und multireligiöse Metropole, ganz ähnlich wie viele Städte der heutigen westlichen Hemisphäre. Korinth war ein internationales Bank- und Finanzzentrum. Im industriellen Bereich finden wir eine reichhaltige keramische Industrie, aber auch Teppichwebereien und Metallverarbeitung. In Korinth gab es alle möglichen Attraktionen, so beispielsweise alle zwei Jahre ein großes Sportereignis, die sogenannten Isthmischen Spiele; dazu gehörten auch Wettbewerbe in Musik, Vorträgen und Malerei. Die Hafenstadt hatte bezüglich ihrer Sittenlosigkeit einen ähnlich schlechten Ruf wie beispielsweise der Stadtteil St. Pauli in Hamburg. „Korinthisieren“ war in der griechischen Sprache eine Umschreibung für Unzucht. Über die Wirksamkeit des heiligen Paulus in Korinth informiert uns die Apostelgeschichte. Der Apostel war gekommen vom Norden Griechenlands über Philippi, Thessalonich und Athen. Während er sich in Athen nur kurz aufhielt und wenig missionarischen Erfolg hatte, blieb er in Korinth besonders lange, nämlich anderthalb Jahre. Die Anfänge waren auch hier sehr schwierig, wie der Apostel selbst andeutet, wenn er von einem Beginn mit Furcht und Zaghaftigkeit spricht (1 Kor 2, 3). Natürlich haben wir keine statistischen Unterlagen, aber heutige Historiker schätzen die Gemeinde von Korinth auf ungefähr hundert Personen. Ihre Zusammensetzung war sehr gemischt. Es gab dort Menschen aus allen sozialen Schichten, aber die Mehrzahl kam aus den ärmeren Bevölkerungsgruppen: Hafen- und Lohnarbeiter, Matrosen und Handwerker. Paulus bekam keinen Lohn für seine seelsorgliche Arbeit (obwohl er dies hätte verlangen können), sondern lebte von seinem Handwerk als Zeltmacher. Die sonntäglichen Feiern der hl. Messe fanden in Privathäusern statt. Die Anwesenheit des heiligen Paulus in Korinth können wir genau datieren, denn der römische Prokonsul Gaius, den die Apostelgeschichte erwähnt, wird auf einer in Stein gemeißelten römischen Inschrift erwähnt: Danach war er ein Jahr lang Prokonsul, vom Jahr 51 bis 52. Den ersten Korintherbrief können wir dann etwa zwei bis drei Jahre später ansetzen.

Paulus erwähnt in seinen Briefen an die Korinther, wie sich seine Christen in dem multireligiösen und sittlich verdorbenen Umfeld schwer taten. Es gab viele Mischehen mit ungläubigen Ehegatten. Manche Gemeindemitglieder begingen schwere Sünden und wurden, wenn sie sich nicht ändern wollten, exkommuniziert (vgl. 1 Kor 5). Trotzdem schreibt Paulus in der Sonntagslesung „an die Kirche Gottes, die in Korinth ist, an die Geheiligten in Christus Jesus, berufen als Heilige …“. Die hier erwähnte Heiligkeit ist begründet in der Taufe, die uns eingliedert in den geheimnisvollen Leib Christi, die Kirche.

Die Taufe als Kraftquelle der Heiligkeit lässt sich auch vom Evangelium des Sonntags her beleuchten. Johannes spricht von der Taufe mit Wasser, die er am Jordan vornimmt. Das Eintauchen in die Fluten des Flusses ist ein Zeichen für den Willen, sich vom Schmutz der Sünde zu reinigen und einen neuen Anfang zu machen. Diese Bereitschaft braucht es auch Tag für Tag für unser Leben als in Christus Getaufte. Die Taufe des Johannes war freilich nur eine Vorbereitung für das Wirken desjenigen, der – wie der Täufer betont – „mit dem Heiligen Geist tauft“ (Joh 1, 33). Die Taufe Jesu ist eine neue Geburt „aus Wasser und Geist“, wie der Erlöser selbst in seinem Gespräch mit Nikodemus betont (Joh 3, 5). Sie vermittelt ein Leben, das nicht „von unten“ kommt, sondern „von oben“, aus dem Sakrament, das im Wirken des menschlichen Spenders der Taufe Christus selbst wirkt. Auf ihm „bleibt“ der Heilige Geist (Joh 1, 33), weil er der Messias ist, der Christus, der vom Geist Gottes Gesalbte. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, Jesus Christus nachzufolgen.

Wir alle sind also berufen, heilig zu leben. Diese allgemeine Berufung zur Heiligkeit können wir umschreiben mit dem Bild des Lichtes. Der Gottesknecht, von dem die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja spricht, ist das „Licht für die Völker“. Christus, der Knecht Gottes und Sohn Gottes, ist das Licht der Welt, der auch uns die Kraft gibt, sein Licht hell leuchten zu lassen. Das mag oft schwer sein, wie damals in Korinth, aber dieses Licht strahlt schon seit 2000 Jahren und wird nach der Verheißung Jesu weiter leuchten bis zur Vollendung der Welt.

Christen sind wir nie für uns allein, sondern stets als Mitglied der Kirche, die an konkreten Orten angesiedelt ist, wie in der Sonntagslesung „die Kirche Gottes in Korinth“. Absender des Briefes ist zunächst Paulus, der dabei seine eigene Sendung in Erinnerung ruft: „durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu“. Wie die Korinther den Grund ihres Christseins nicht in sich selbst finden, sondern im Sakrament der Taufe, so gründet die Sendung des Apostels in der unmittelbaren Berufung durch Jesus Christus. Wie wir in paulinischen Briefen und in der Apostelgeschichte lesen, haben die Apostel durch Handauflegung und Gebet Bischöfe, Priester und Diakone geweiht, um die Gemeinden zu leiten. Dies ist die Nachfolge der Apostel, die entscheidend ist für die Kontinuität mit der Kirche des Anfangs, die von Christus selbst begründet wurde. Wir dürfen stolz sein, zu dieser apostolischen Kirche zu gehören, die vom Nachfolger des hl. Petrus und der mit ihm verbundenen Bischöfe geleitet wird. Wenn sich die Nachfolger der Apostel öffnen für ihre von Christus herkommende Sendung, dann finden wir in ihnen das Licht, um unser Licht immer wieder zu nähren und jegliche Finsternis zu erleuchten.