Die Sonntagslesung: Mit Verstand und Herz glauben

Zu den Lesungen des zweiten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr A) von Martin Grichting

Apostelgeschichte 2,42–47; 1 Petrus 1,3–9 Johannes 20,19–31

Das Evangelium des heutigen Sonntags ist uns gut bekannt. Es berichtet vom ungläubigen beziehungsweise dann vom gläubigen Thomas (Joh 20,19–31). So leicht verständlich ist, worum es in diesem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium geht, so schwer zugänglich ist für uns heutige, von der Naturwissenschaft geprägte Menschen die Sache, um die es darin geht: das Glauben.

Thomas, der kritische Apostel, kommt zum Glauben, nachdem er zuerst gezweifelt hatte. Durch die persönliche Begegnung mit Jesus Christus ist für ihn die Auferstehung des Herrn nun eine Tatsache. Doch Jesus sagt zu ihm: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). Und das sagt Jesus auch zu uns. Wir sehen nicht. Und wir heißen „Gläubige“, weil wir Glaubende sind. Es gilt von uns das, was in der zweiten Lesung aus dem Petrusbrief gesagt ist: „Ihr habt ihn [Christus] nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn“ (1 Petr 1,8).

Mit dem Glauben ist das nun aber bekanntlich so eine Sache. Denn das Wort „Glauben“ hat mehrere Bedeutungen. In der Umgangssprache bedeutet Glaube oft das Gegenteil von Wissen im naturwissenschaftlichen Sinn. Wenn man zum Beispiel jemanden fragt: „Regnet es heute?“ – und die Person antwortet: „Ich glaube schon“, dann heißt Glaube hier: „vermuten“, also gerade: „nicht wissen“.

Wenn wir auf unseren Alltag schauen, sehen wir eine andere Bedeutung von „Glauben“, die immer wieder vorkommt. Auch im Alltag ist Glauben etwas anderes als ein Wissen im naturwissenschaftlichen Sinn. Alle zwischenmenschlichen Beziehungen beruhen letztlich auf Glauben. Dass ein Mann seine Frau liebt und umgekehrt, dass eine Mutter ihr Kind liebt und umgekehrt, das kann man zwar im Allgemeinen an äußeren Zeichen ablesen. Aber man kann es nicht mit dem Litermaß, dem Maßstab oder der Uhr naturwissenschaftlich korrekt nachprüfen. Im Grunde muss man alle wirklich wichtigen Dinge im Leben letztlich glauben. Man kann sie nicht in wissenschaftlichem Sinn nachprüfen, um dann zu wissen und nicht mehr glauben zu müssen. Ohne das glaubende Vertrauen in die anderen Menschen könnten wir nichts unternehmen. Ich muss glauben und vertrauen, dass die anderen sich an die Regeln des Straßenverkehrs halten, wenn ich ins Auto steige. Ich muss glauben und vertrauen, dass der, welcher mir ein Essen serviert, es gut mit mir meint und mir nicht Gift daruntermischt. Ständig sind wir dabei zu vertrauen, den anderen zu glauben, und zwar in existenziell wichtigen Fragen. Wenn wir alles zuerst naturwissenschaftlich nachprüfen wollten, worauf wir uns tagtäglich verlassen, dann würden wir krank. Wir könnten nicht einmal mehr vor die Tür unseres Hauses treten.

Man sieht daran: Glauben, das ist mehr als nur ein Meinen und Vermuten. Glauben ist fundamental, schon im alltäglichen Leben. Ohne das Grundvertrauen in die Gutheit der Welt und der Mitmenschen, ohne den Glauben daran, dass man sich auf die anderen verlassen kann, ist kein normales Leben möglich. Aber das heißt: Glaube in diesem Sinn ist nicht einfach ein Nicht-Wissen. Sondern Glaube ist eine andere Form von Wissen. Es ist nicht so sehr Wissen mit den Gründen der Vernunft, sondern ein Wissen mit dem Herzen. Ohne dieses Wissen mit dem Herzen können wir weder leben noch den Alltag bestehen.

Wenn wir verstehen, dass wir ohne Glauben und Vertrauen in dieser Welt nicht leben können, dann können wir erahnen, dass es auch bei unserem Umgang mit Gott nicht anders sein kann. Der Schriftsteller Chesterton hat dazu einmal gesagt: „Es gibt in Wahrheit nur zwei Arten von Menschen: solche, die Dogmen anerkennen und sich dessen bewusst sind, und solche, die Dogmen anerkennen, und sich dessen nicht bewusst sind.“ Das heißt: Wenn es um die letzte Bestimmung des Menschen geht, muss er glauben und vertrauen. Nur sind sich nicht alle dessen bewusst.

Wir Christen gehören zur ersten Gruppe. Wir glauben an Jesus Christus und sein Evangelium. Wir glauben an die Lehre der Kirche, die das Evangelium in Christi Namen verkündigt und auslegt. Und wir sind uns dessen bewusst, dass wir auf das Zeugnis anderer hin glauben. Am Ostermontag haben wir es in der zweiten Lesung gehört. Paulus hat den Christen von Korinth die Botschaft vom Tod und von der Auferstehung Christi übermittelt. Und er hat vorangestellt: „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe“ (1 Kor 15,3). Auch in der heutigen ersten Lesung ist davon die Rede, wenn es heißt, dass alle, die gläubig geworden waren, eine Gemeinschaft bildeten. In der Tat: Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden überliefert, was sie empfangen hat. Der Glaube wird weitergegeben von Zeugen, die selbst Gläubige sind. Und von ihrer Glaubwürdigkeit hängt es ab, dass das Zeugnis des Glaubens weitergegeben wird an alle weiteren Generationen.

Die andere Gruppe sind diejenigen, die nicht an Gott glauben können. Nun könnte man denken: Diese Menschen glauben nicht. Aber das stimmt nicht. Sie glauben auch. Nur sind sie sich dessen manchmal nicht bewusst. Sie wissen nicht, dass es Gott nicht gibt. Nein, sie glauben, dass er nicht existiert. Oder zumindest glauben sie, dass der Mensch Gott nicht finden kann und dass er deshalb irrelevant ist. Für solche Menschen gibt es aber dennoch Glaubenssätze, Dogmen. Vielleicht haben sie auch nur ein einziges Dogma: dass es keine Dogmen gibt. Das ist dann zwar ein paradoxes Dogma, aber eben auch eines. Statt an Gott zu glauben, glauben solche Menschen dann vielleicht an den Zufall, an die Sterne, an die Reinkarnation oder an was auch immer. Oder sie erheben Diesseitiges wie die Nation, den Humanismus, die Kultur oder den Sport zu Ersatzgottheiten. Man kann hier noch einmal Chesterton zitieren, der einmal sagte: „Das Wort ,Heide‘ wird in Romanen und leichter Literatur dauernd gebraucht in der Bedeutung: ,ein Mensch, der keine Religion hat‘. Im Allgemeinen aber war ein Heide ein Mensch, der etwa ein halbes Dutzend Religionen hatte.“ Solches kann man heute auch wieder beobachten. Manche Menschen verlassen zwar den Boden des christlichen Glaubens. Aber dadurch werden sie nicht zu Wissenden, sondern sie geraten in die Gefahr, plötzlich ganz sonderbaren Dingen Glauben zu schenken.

Solange wir auf dieser Welt leben, ist es unsere Berufung als Christen, Glaubende zu sein. Glauben gilt in unserer naturwissenschaftlich geprägten Zeit weniger als Wissen. Aber eben, denken wir daran: Glauben heißt: Wissen mit dem Herzen. Glaube ist eine andere Form von Wissen. Nur mit Hilfe dieser anderen Form von Wissen können wir unseren Alltag bestehen. Und nur mit dieser anderen Form von Wissen können wir den Sinn unseres Daseins erkennen. Und dieser Sinn ist: Wir sind von Gott geschaffen und berufen, in seiner Gemeinschaft zu leben – vorläufig auf dieser Welt als Glaubende und dann einmal für immer in Gottes Gegenwart: als Schauende (1 Petr 1,9). Das ist nicht nur eine Sache des Verstandes, sondern auch des Herzens. Denn der Mensch ist mehr als sein rechnender Verstand. Er hat auch ein Herz. Dieses ist unruhig, bis es ruht in Gott, wie der Hl. Augustinus zu sagen pflegte. Und dieses Herz hat, wie Blaise Pascal (Pensées IV,277) später ergänzt hat, seine Gründe, welche der Verstand nicht kennt.