Die Sonntagslesung: Der Geist ergreift Partei für uns

Zu den Lesungen des sechzehnten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Klaus Berger

Weisheit 12, 13.16–19; Römer 8,26–27; Matthäus 13,24–30

Das mit dem Stöhnen verstehe ich auf den ersten Blick nicht. Aber dass der Heilige Geist als Anwalt für uns bei Gott eintritt, ist für mich fast noch rätselhafter. Denn der Heilige Geist ist doch Gott, und wie muss er da bei Gott für uns eintreten? Ist denn Gott gespalten, so dass die Rechte nicht weiß, was die Linke tu?

Offenbar denkt Paulus an eine Erfahrung, die man als Jurist oft mit den sogenannten kleinen Leuten macht. Denn die kleinen Leute können oft weder lesen noch schreiben. Vor allem können sie keine Reden entwerfen, die vor dem hohen Gericht Eindruck machen. Oft haben diese Leute überhaupt Angst davor, sie könnten nicht verstanden werden. Deshalb gibt es den Pflichtverteidiger für solche Leute. Denn vor dem Richter sind sie oft völlig sprachlos, sie wissen nicht, wie sie reden sollen und was alles dazugehört. – Eben deshalb gibt es Anwälte, Verteidiger, die oft genug einfach Redenschreiber für die kleinen Leute sind und das, was die auf dem Herzen haben, aber nicht ausdrücken können, gut formulieren. Insofern sind Verteidiger und Anwälte oft eine Art Sozialarbeiter.

Aber was hat das mit Gott zu tun? Paulus denkt im zweiten Teil von Römer 8, besonders in Vers 33 und 34 (Klageerhebung, Freispruch, Verurteilung) in der Tat an ein himmlisches „Forum“, also eine Szene vor Gericht, in der Gott Vater die Welt regiert, was er auch dadurch tut, dass er verurteilt oder freispricht. Und genau darum geht es auch hier bei dem Anwalt, der für die Menschen vor Gottes Thron die Reden zur Verteidigung oder die Bittschriften vorträgt. So ist wohl die Grundsituation zu verstehen. Aber wieso formuliert Gott Vater unsere Verteidigung oder Klage nicht selbst? Wozu der Heilige Geist? Kommt das daher, dass einer nicht gleichzeitig Richter und Verteidiger sein kann? Und Gott tut doch beides für uns, übt beide Funktionen aus? Hier stehen wir an einer der Schlüsselstellen zur Begründung unseres Glaubens an den dreifaltigen Gott. Denn der Heilige Geist wird uns eben nicht nur als Gabe vom Himmel her geschenkt. Dann wäre er nur eine Kraft. Er stellt sich vielmehr selbst zu unseren Gunsten „auf die Hinterbeine“, ergreift Partei für uns. Und das übersteigt nun unsere Vorstellungskraft: Ein Gott, der gerecht richtet und der gleichzeitig „hoffnungslos“ für uns ist, als unser Anwalt auf unserer Seite steht. Das erste tut Gott, weil er gerecht ist. Das zweite tut er, weil er uns liebt.

Ich verstehe das so: Der Heilige Geist ist nicht nur zu uns gesandt, sondern als zu uns Gesandter liebt er uns, ergreift Partei. So wie es geschehen kann, dass ein Diplomat die Menschen, zu denen er geschickt wird, lieb gewinnt, sie eben nicht nur als „Bimbos“ bezeichnet, sondern sich für sie einsetzt. Und er tut das letztlich nicht gegen den Willen dessen, der ihn gesandt hat, sondern ganz nach dessen Willen.

Und da wir uns nicht vorstellen können, dass ein und derselbe Richter und Anwalt ist, sagen wir Gott über verschiedene Rollen aus, und das alte Wort für Rolle ist „Person“. Man könnte auch „Funktion“ oder „Adresse“ sagen in dem Sinne, dass der eine und einzige Gott unter drei Adressen anzutreffen ist. Alle diese Formulierungen haben ihre Schwächen, Person versteht man oft zu stark individuell (im Sinne unseres modernen Personbegriffs), Funktion achtet nicht genügend den unumkehrbaren Unterschied zwischen dem Sender und dem Gesandten, „Adresse“ ist zu statisch. Aber es wäre richtig, wenn man alle diese Versuche der Annäherung begreifen würde als Aussage darüber, dass der eine und einzige Gott uns so unterschiedlich, nicht-reduzierbar unterschiedlich begegnet.

Wenn man ein paar Zeilen weiterliest, kann man sehen, dass der Sohn dort auch vorkommt, und zwar in einer Rolle, die der des heiligen Geistes sehr ähnlich ist. Denn in 8, 34 heißt es, dass Jesus Christus „zur Rechten Gottes (steht) und für uns eintritt“.

Demnach haben wir zwei Anwälte bei Gott Vater. Einen auf Erden, der hier unsere Gebete und Klagen in eine Form bringt, die Gott versteht. Und einen im Himmel, der erwiesenermaßen – ich denke an das Kreuz – für uns ist.

Man kann das leichter verstehen, wenn man bedenkt: Nach biblisch-alttestamentlichem Recht gehören mindestens zwei Anwälte in jedes Verfahren („zwei oder drei Zeugen“). Der heilige Geist ist unser Anwalt, der direkt bei uns ist und über uns wacht, der unsere Gebete, besser gesagt: unser Stöhnen, vor Gott trägt, und der Sohn, der unser Anwalt „im Himmel“ ist, der bei Gott steht und darauf hinweist, wie er für uns gelebt und gelitten hat.

Paulus will uns so in unserer Glaubensgewissheit stärken: Von zwei Anwälten beschützt, brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Dabei weckt Paulus bei den Menschen in Rom, an die er schreibt, ganz absichtlich Assoziationen an ein Forum, an eine richterliche oder herrscherliche Szene. Er redet nicht von der privaten Geborgenheit im kleinbürgerlichen Gartenhaus. Sondern er gebraucht ein öffentliches, fast politisches Bild. Er tut das genau in dem Sinne, in dem auch christliche Liturgie öffentlich ist.

Dennoch finde ich es gut, dass neben dieser forensisch-liturgischen Linie, die Paulus in Römer 8 bevorzugt, spätestens seit Bernhard von Clairvaux das Bild des amplexus steht, in dem der Gekreuzigte sich dem Beter liebevoll, ihn umarmend zuneigt. Das ist etwas anderes als das Forum in Römer 8, das ist eine notwendige Ergänzung.

Noch ein Wort zum „Stöhnen“ in 8, 22.26: Übersetzt man mit „seufzen“ (so fast alle von Luther bis zur revidierten Einheitsübersetzung), dann liegt der Ton auf einem knappen Ausdruck in recht aussichtsloser Lage, eher ein Selbstgespräch, in dem man Resümee zieht. Stöhnen ist dauerhafter und steht in der Nähe von Schmerz und Klagen. Hier ist alles wie leises Schreien (zum lauten Schreien fehlt die Kraft), eben Stöhnen. Erst der Heilige Geist übernimmt und verwandelt diese letzten, tiefsten, äußersten Schmerzensrufe von Mensch und Tier in etwas, das vor Gott dringen kann. Mensch und Tier sind darin bei sich selbst, darin wirklich jeder er selbst, dass sie fast ohnmächtig nur noch stöhnen. Das ist paulinischer Realismus. Der Geist verwandelt ihn liebevoll, schließt ihn liebevoll in die Arme.

Wir waren ausgegangen von der Frage, wie Gott bei sich selbst für uns – gewissermaßen gegen sich selbst – als Anwalt auftreten kann. Wir sahen, dass wir sogar zwei Anwälte bei Gott haben. Unsere mittelalterlichen geistlichen Väter haben das so formuliert: In seiner Heiligkeit müsste Gott uns verurteilen, da wir Sünder sind. Aber Römer 8 schildert, wie Gottes Barmherzigkeit über seine Heiligkeit sozusagen „siegt“. Man kann das ein innergöttliches Drama nennen. Für mich ist einleuchtender, wenn wir von einem Nacheinander ausgehen: Am Anfang nehmen wir unsere Schwäche und Sünde wahr. Unsere Schwäche reicht noch nicht einmal für ein ordentliches Gebet, wie es sich gehören würde. Aber je mehr wir von uns selbst verstehen, umso tiefer und herzlicher neigt Gott sich zu uns. Und am Ende danken wir dafür, dass seine Barmherzigkeit siegt. Immer wieder und bis zur Stunde unseres Todes. So hat uns Gott durch die Sendung von Sohn und Geist befreit von aller Angst.