Die Marienweihe als Heilsweg

Sie ist das Zentrum der Botschaft von Fatima: Bedeutung und Geschichte der Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. Von Manfred Hauke

Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort – hier dargestellt am Petersdom – machte die Weihe an die Gottesmutter mit... Foto: KNA

Gegrüßet seist du Königin, selige Jungfrau von Fatima, Unsere Liebe Frau vom Unbefleckten Herzen als Zuflucht und Weg, der uns zu Gott führt“, mit diesen Worten begann das Weihegebet von Papst Franziskus am 12. Mai in der Kapelle, die an die Erscheinungen der Gottesmutter in Fatima erinnert. Gemeinsam mit den Gläubigen empfahl er dann die ganze Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens: „Zeige uns die Kraft Deines Schutzmantels. In Deinem Unbefleckten Herzen bist Du die Zuflucht der Sünder und der Weg, der zu Gott führt. Verbunden mit meinen Geschwistern [im Glauben] weihe ich mich Gott durch Dich (por Ti, a Deus me consagro), o Jungfrau des Rosenkranzes von Fatima. Eingehüllt in das Licht, das uns von Deinen Händen zukommt, werde ich dem Herrn die Ehre geben für alle Zeit.“

Das Stichwort der „Weihe“ (consagraçao) führt uns zum Zentrum der Botschaft von Fatima. In dem am 13. Juli 1917 offenbarten „Geheimnis“ zeigt Maria den Hirtenkindern die Seelen, die sich im Feuer der ewigen Verdammnis befinden. „Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen.“ Um den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, „werde ich kommen und um die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen bitten. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren, und es wird Friede sein.“

Das deutsche Wort „Weihe“, das dem lateinischen „consecratio“ entspricht, meint im liturgischen und kirchenrechtlichen Bereich einen Ritus, der eine Sache oder eine Person in besonderer Weise für Gott aussondert und in seinen Dienst stellt. Das Verb „consecrare“ bedeutet wörtlich „heilig machen“. Es geht darum, eine Wirklichkeit ganz und für immer in den Dienst Gottes zu stellen. „Weihe“ bezieht sich also letztlich immer auf Gott. Dies zeigt sich auch im Weihegebet von Papst Franziskus, der sich durch Maria Gott weiht.

Die Botschaft von Fatima spricht freilich auch von einer Weihe an die Gottesmutter oder, genauer gesagt, an das „Unbefleckte Herz Mariens“. Ist das theologisch überhaupt möglich?

„Der Lieblingsjünger

erscheint im

Johannesevangelium als Urbild für alle an den Sohn Gottes Glaubenden“

Eine besonders prägnante Kennzeichnung der Marienweihe findet sich in einer Ansprache Papst Pius XII. an die Marianischen Kongregationen aus dem Jahre 1945: die Weihe an Maria ist „eine Ganzhingabe seiner selbst (un dono intero di sé) für das ganze Leben und die Ewigkeit“.

Die verschiedenen Gesichtspunkte der Weihe an Maria zeigen sich deutlich im Lehramt des hl. Johannes Pauls II. In seiner Marienenzyklika hebt er die „besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi“ hervor, die auf die Worte des Erlösers am Kreuze zurückgeht und „dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist“ (Redemptoris Mater 45). In seinen vielfachen Äußerungen spricht er sowohl von „Weihe“ (consacrazione) als auch von „Sich anvertrauen“ oder „vertrauensvoller Hingabe“ (affidamento).

Für die biblische Grundlage weist Johannes Paul II. auf die universale geistliche Mutterschaft Mariens: Der Lieblingsjünger erscheint im Johannesevangelium als Urbild für alle an den Sohn Gottes Glaubenden. Indem Jesus seinen Lieblingsjünger Johannes seiner Mutter anvertraut, schenkt er allen Menschen Maria als Mutter. Die vertrauensvolle Hingabe an Maria ist darum die Antwort auf ihre geistliche Mutterschaft, welche die ganze Menschheit umspannt und auf die Lebenshingabe an Christus zielt.

Ein weiterer biblischer Gesichtspunkt ist die Inkarnation. Gott selbst hat sich hier „dem freien und tätigen Dienst einer Frau anvertraut“ (Redemptoris Mater 46). Bei der Menschwerdung Gottes hat gleichzeitig Maria sich ganz Gott hingegeben: „Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lukas 1, 38). Die Ganzhingabe Mariens, der Jungfrau, erscheint dabei als Urbild für die bräutliche Antwort der Kirche auf die zuvorkommende Liebe Gottes, des „Bräutigams“. Das Maßnehmen an Maria erscheint so als Weg zu Christus.

Eine bündige Zusammenfassung für die Zeugnisse der Kirchenväter findet sich beim hl. Johannes von Damaskus († 749), der sich auf folgende Weise an Maria wendet: Wir kommen „zu Dir, o Herrscherin, Mutter Gottes und Jungfrau. Wir (…) weihen dir unseren Geist, unsere Seele, unseren Leib, unser ganzes Sein“ (Hom. in Dormitionem I, 14).

Eine besonders gehaltvolle Darlegung der Marienweihe findet sich beim heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort, dessen Lehre Johannes Paul II. in seiner Marienenzyklika empfiehlt. Dabei geht es um die vollkommene Hingabe an Christus durch die Hände Mariens als Verlebendigung des Bundes mit Gott in der Taufe. Maria ist der schnellste Weg, der zu Christus führt. Von daher kann Grignion sowohl von einer Weihe an Christus durch Maria sprechen als auch von einer Weihe an Maria, die uns zu ihrem Sohn führt. Gott selbst hat von dem Jawort Mariens seine Menschwerdung abhängig gemacht. In ähnlicher Weise will der Sohn Gottes in den Menschen Gestalt annehmen durch die mütterliche Formung Mariens. Der Ritus der Kindertaufe erinnert an den empfehlenswerten Brauch, die Neugetauften nach der Taufe vor ein Marienbild zu bringen, um sie dort der Gottesmutter anzuvertrauen. Die Ganzhingabe an Maria, die Weihe, ist der Höhepunkt der Marienverehrung.

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens wird vorbereitet durch die Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu im Jahre 1899 durch Papst Leo XIII. Dies geschah auf Anregung der in Portugal wirkenden westfälischen Ordensfrau Maria zu Droste-Vischering, die von der Spiritualität des heiligen Johannes Eudes geprägt wurde, dem Autor des wohl gehaltvollsten Werkes der Theologiegeschichte über die Verehrung des Herzens Mariens (1681). Schon seit dem Jahre 1807 fördern kirchlich approbierte Gebete die Weihe an das Herz Mariens. Die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens ist eine logische Fortsetzung der Weltweihe an das Herz Jesu; sie wird betont in den geistlichen Erfahrungen der seligen Alexandrina da Costa. Deren Seelenführer bewegte die portugiesischen Bischöfe, dem Papst die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens zu empfehlen. Diese Einladung fließt dann gemeinsam mit der Botschaft von Fatima ein in die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens durch Papst Pius XII. am 31. Oktober und 8. Dezember 1942.

Bei der Weihe der „Welt“ geht es auch und vor allem um Menschen, die nicht an Christus glauben und darum auch gar nicht „geweiht“ werden wollen. „Weihe“ ist in diesem Fall keine Ganzhingabe an Christus und Maria durch die betroffenen Menschen, sondern eine feierliche Empfehlung an Gott, alle Menschen zu Christus und zu Maria zu führen. Bejaht wird dabei die Bedeutung des Reiches Gottes, in dem Christus, der König, einen Anspruch darauf hat, dass sich alle Menschen Ihm in Glaube und Liebe zuwenden. Eng verbunden damit ist die Stellung Mariens als Königin, aufgrund ihrer Aufgabe als Gottesmutter und ihrer Mitwirkung bei der Erlösung für alle Menschen.

„Wichtig ist, die

verschiedenen

Dimensionen der

,Weihe‘ in der Botschaft von Fatima zu erkennen“

Die Botschaft von Fatima erwähnt nur die Weihe Russlands, die Schwester Lucia seit dem 13. Juni 1929 als Anliegen der Gottesmutter von Fatima in Tuy ihren Oberen vorbrachte, in dem genannten Sinne. Am 29. August 1931 wandte sie sich auf Bitte ihres Beichtvaters an ihren Heimatbischof: Christus selbst habe – bei ihrem Ferienaufenthalt in Rianjo bei Pontevedra – die Bedeutung der Weihe Russlands durch Papst und Bischöfe betont. Daraufhin wandte sich der Bischof an Papst Pius XI., der zwar die Anerkennung der Marienerscheinungen von Fatima am 13. Oktober begrüßt hatte, aber sich bezüglich Russlands nicht mit einer speziellen Weihe profilieren wollte.

1940 empfahl Weihbischof Manuel Ferreira da Silva, ehemaliger Seelenführer von Schwester Lucia und persönlicher Bekannter von Papst Pius XII., man möge dem Papst eine Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens vorschlagen mit einer besonderen Erwähnung Russlands. Daraufhin erbat Schwester Lucia von Christus eine Antwort, die sie am 22. Oktober 1940 erhielt: eine solche Weihe werde den Krieg verkürzen. Nach der von Pius XII. vorgenommenen Weihe (1942) schrieb die Seherin am 28. Februar 1943 an Weihbischof da Silva: „Der liebe Gott hat mir seine Zufriedenheit mit der freilich unvollständigen Handlung des Heiligen Vaters und vieler Bischöfe gezeigt. Er verspricht daraufhin, bald das Ende des Krieges herbeizuführen. Die Bekehrung Russlands geschieht freilich jetzt noch nicht.“

Wichtig ist, die verschiedenen Dimensionen der „Weihe“ in der Botschaft von Fatima zu erkennen. Die Gottesmutter ermuntert uns in Fatima, uns selbst Gott ganz hinzuschenken durch die vertrauensvolle Hingabe an ihr Unbeflecktes Herz, das uns zur Liebe Gottes im Heiligsten Herzen Jesu führt. Kraft dieser Hingabe gilt es, auch alle anderen Menschen zum lebendigen Glauben an Christus in der Kirche zu führen. Dass die in Deutschland fabrizierte und in Russland zum Zuge gekommene Ideologie des marxistischen Kommunismus die gefährlichste Herausforderung des 20. Jahrhunderts war und deren Nachwirkungen auch im Westen, beispielsweise in der Gender-Theorie, bis heute spürbar sind, gehört zur prophetischen Konkretisierung der Marienweihe.