„Die Dinge beim Namen nennen“

Weihbischof Athanasius Schneider aus Astana erläutert, warum das Bekenntnis der kasachischen Bischöfe zur sakramentalen Ehe notwendig ist. Von Regina Einig

Unterscheidet zwischen täglichem und unfehlbarem Lehramt des Nachfolgers Petri: Weihbischof Athanasius Schneider. Foto: IN

Exzellenz, welche Reaktionen haben die kasachischen Bischöfe auf ihr Bekenntnis erhalten?

Die Zeit ist noch zu kurz, um einen realistischen Überblick über die verschiedenen Reaktionen geben zu können. Allerdings gab es innerhalb einer relativ kurzen Zeit viele positive und dankbare Reaktionen. Ebenso erschienen zahlreiche Kommentare auf verschiedenen Websites in verschiedenen Sprachen, aus welchen man Anerkennung, Dankbarkeit und Erleichterung herauslesen kann. Einige Bischöfe und Kardinäle haben uns in privater Form mitgeteilt, dass sie den Inhalt dieses Bekenntnisses voll teilen.

Das Amtsblatt des Heiligen Stuhls unterstreicht durch die Veröffentlichung des Papstbriefs an die argentinischen Bischöfe, dass wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen nach einem „Weg der Unterscheidung“ mit einem Geistlichen die Hilfe der Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie suchen können. Das ist authentisches Lehramt. Warum sehen die kasachischen Bischöfe hier Korrekturbedarf?

In den Anweisungen der Bischöfe der pastoralen Region von Buenos Aires heißt es in einem Punkt, dass in einigen Fällen für „wiederverheiratet Geschiedene“ ein Leben in Enthaltsamkeit nicht „durchführbar“ sei (im Original steht: „no factible“), wobei von Schuldminderung gesprochen wird und auf Amoris laetitia verwiesen wird, wo leider ein Zitat aus dem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (Gaudium et spes, 51) sinnentstellt zitiert wird. Im besagten Konzilstext steht: „Wo das intime eheliche Leben unterlassen wird, kann nicht selten die Treue als Ehegut in Gefahr geraten.“ Das Konzil bezieht sich hier nur auf ein gültig verheiratetes Ehepaar, Amoris laetitia dagegen wendet dieses Zitat auf Paare an, die in irregulären, das heißt in nichtehelichen Verbindungen leben. Die Norm der argentinischen Bischöfe erlaubt letztlich vermittels der Praxis der Kommunionzulassung – wenn auch in Einzelfällen – eheliche Beziehungen zwischen Personen, die nicht in einer gültigen Ehe leben. Dagegen steht aber das absolute Verbot Gottes, die Ehe zu brechen. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen. Die erwähnte Norm der argentinischen Bischöfe als konform mit der Überlieferung und dem Wort Gottes zu bezeichnen, wäre intellektuell unehrlich und würde die kirchlichen Verteidiger solch einer Pastoral in die Nähe einer Haltung bringen, die Georges Orwell folgendermaßen charakterisiert hat: „Politische Sprache ist darauf ausgerichtet, Lügen wahrheitsgemäß und Mord ehrbar klingen zu lassen und purem Wind den Anschein von Festigkeit zu geben.“

Ist es legitim, dass sich Bischöfe auf das authentische Lehramt des Papstes berufen und die dubia mit dem Amtsblatt des Heiligen Stuhls als erledigt betrachten?

Gott hat das kirchliche Lehramt nur in folgenden Fällen mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattet: Die feierliche, definitive sogenannte „ex cathedra“-Entscheidungen des Papstes; feierliche, definitive dogmatische Urteile eines Allgemeinen (Ökumenischen) Konzils; eine ununterbrochene Lehre über Glauben und Sitte und eine das Wesen der Sakramente berührende Praxis, die vom Allgemeinen und Ordentlichen Lehramt – der Gesamtepiskopat mit dem Papst – in demselben Sinn und in derselben Bedeutung über zweitausend Jahre hindurch bewahrt und weitergegeben wurden, also nicht neu eingeführt oder wesentlich uminterpretiert wurde. In allen anderen Fällen, wie auch im sogenannten authentischen – beziehungsweise täglichen – Lehramt des Papstes oder der Bischöfe ist das Lehramt nicht mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattet und kann folglich auch irrtümliche – wenn auch nicht direkt häretische – Aussagen und Entscheidungen machen. Papst Franziskus hat jene erwähnte Norm der argentinischen Bischöfe bestätigt, welche nichteheliche Dauerbeziehungen im Fall der „wiederverheiratet Geschiedenen“ durch die Kommunionzulassung indirekt legitimiert. Nichteheliche Geschlechtsbeziehungen, ob als Einzelakt oder dauerhaft, widersprechen immer dem Willen Gottes. Keine, nicht einmal die höchste Autorität in der Kirche hat die Befugnis, das zu erlauben oder zu bestätigen – auch nicht indirekt –, was Gott eindeutig verbietet und an dessen Befolgung er das ewige Heil der Seelen bindet. Das Konzil von Trient lehrt, dass es eine Häresie sei zu behaupten, Menschen können ein bestimmtes Gebot Gottes nicht einhalten oder durchführen. Diese Lehre des Trienter Konzils besitzt einen zweifellos unfehlbaren Charakter, was man aber von der Approbation der pastoralen Normen der argentinischen Bischöfe durch Papst Franziskus mit Sicherheit nicht sagen kann.

Sollen traditionell denkende Priester sich nun in der Seelsorge auf ihr Gewissen gegenüber jenen berufen, die den Weg der argentinischen Bischöfe bevorzugen? Schafft das zusätzliche Verwirrung?

Beim sogenannten Weg der argentinischen Bischöfe handelt es sich um einen Weg, der in der Praxis dem ausdrücklichen Gebot Gottes, welches Ehescheidung und jeglichen Akt des Ehebruchs verbietet, widerspricht. Ein Priester, der seinen Glauben und das Wort Gottes noch ernst nimmt, kann konsequenterweise niemals den sogenannten Weg der argentinischen Bischöfe wählen oder bevorzugen.

Erleben wir derzeit die Folgen einer Entwicklung, die seit der Mariatroster und die Königsteiner Erklärung und dem Zusammenbruch der kirchlichen Disziplin Verwirrung hervorrief?

Diese Frage ist nur mit Ja zu beantworten. In der hier geschilderten tatsächlichen Situation erleben wir die Wahrheit des logischen Grundsatzes verwirklicht, den der heilige Thomas von Aquin formuliert hat: „Ein kleiner Irrtum am Anfang ist am Ende ein großer“ (De ente et essentia, 1).