"Die Dinge beim Namen nennen"

Mit ihrem Bekenntnis zur unveränderlichen Wahrheit der sakramentalen Ehe haben die kasachischen Bischöfe am Fest der heiligen Familie 2017 ein Zeichen für die Kontinuität der Lehre der Kirche gesetzt. Weihbischof Athanasius Schneider von Astana erläutert, warum er den Schritt für geboten hält. Von Regina Einig

Athanasius Schneider, Weihbischof von Astana. Foto: IN

Exzellenz, welche Reaktionen haben die kasachischen Bischöfe auf ihr Bekenntnis erhalten?

Die Zeit ist noch zu kurz, um einen realistischen Überblick über die verschiedenen Reaktionen geben zu können. Allerdings gab es innerhalb einer relativ kurzen Zeit viele positive und dankbare Reaktionen. Ebenso erschienen zahlreiche Kommentare auf verschiedenen Websites in verschiedenen Sprachen, aus welchen man Anerkennung, Dankbarkeit und Erleichterung herauslesen kann. Einige Bischöfe und Kardinäle haben uns in privater Form mitgeteilt, dass sie den Inhalt dieses Bekenntnisses voll teilen.

Das Amtsblatt des Heiligen Stuhls unterstreicht durch die Veröffentlichung des Papstbriefs an die argentinischen Bischöfe, dass wiederverheiratete Geschiedene zu sexueller Enthaltsamkeit oder zu einer Teilnahme am kirchlichen Leben ohne Sakramente ermutigt werden sollen. In Einzelfällen, nach einem "Weg der Unterscheidung" mit einem Geistlichen, soll es allerdings die Möglichkeit geben, die Hilfe der Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie zu suchen. Das ist authentisches Lehramt. Warum sehen die kasachischen Bischöfe hier Korrekturbedarf?

In den Anweisungen der Bischöfe der pastoralen Region von Buenos Aires heißt es in einem Punkt, dass in einigen Fällen für „wiederverheiratet Geschiedene“ ein Leben in Enthaltsamkeit nicht „durchführbar“ sei (im Original steht: „no factible“), wobei von Schuldminderung gesprochen wird und auf Amoris laetitia verwiesen wird, wo leider ein Zitat aus dem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (Gaudium et spes, 51) sinnentstellt zitiert wird. Im besagten Konzilstext steht: „Wo das intime eheliche Leben unterlassen wird, kann nicht selten die Treue als Ehegut in Gefahr geraten“. Das Konzil bezieht sich hier nur auf ein gültig verheiratetes Ehepaar, Amoris laetitia dagegen wendet dieses Zitat auf Paare an, die in irregulären, d.h. in nichtehelichen Verbindungen, leben. Die Norm der argentinischen Bischöfe erlaubt letztlich vermittels der Praxis der Kommunionzulassung – wenn auch in Einzelfällen – eheliche Beziehungen zwischen Personen, die nicht in einer gültigen Ehe leben. Dagegen steht aber das absolute Verbot Gottes, die Ehe zu brechen. Christus selbst hat es erneut im Evangelium unmissverständlich bekräftigt und das taten auch die Apostel. Das Allgemeine Ordentliche Lehramt der Kirche hat immer, überall und mit dem gesamten Episkopat ununterbrochen und unfehlbar gelehrt, dass keine Umstände oder vermeintlich guten Zwecke einen Ehebruch – auch nicht in Einzelfällen – rechtfertigen können. Diese Wahrheit wurde zuletzt von Johannes Paul II. in den Enzykliken Veritatis splendor, Evangelium vitae, in den Apostolischen Exhortationen Reconciliatio et paenitentia und Familiaris consortio als beständige Lehre der Kirche bekräftigt.

Und zuvor?

Für die Verteidigung dieser Wahrheit hat schon der heilige Johannes der Täufer sein Leben hingegeben, ebenso Kardinal John Fisher und Thomas Morus. Die selige Laura Vicuna zum Beispiel bot in Argentinien ihr Leben als Sühnopfer an, damit ihre Mutter eine ehebrecherische Beziehung aufhört. Die Lebenssituation ihrer Mutter war derart kompliziert, dass sie heute zur Kategorie jener gehören würde, von denen die argentinischen Bischöfen behaupten, dass für sie ein Leben in Enthaltsamkeit nicht „durchführbar“ sei („non factible“), und sie deshalb zur heiligen Kommunion zugelassen werden könnte. Wenn der Fall von Heinrich VIII. heute gegeben wäre, hätte man für ihn mit großer Wahrscheinlichkeit im Sinne von Amoris laetitia eine pastorale Ausführungsbestimmung gefunden, nämlich als einen sehr komplizierten Einzelfall betreffend. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen sowie wie sie sind. Die erwähnte Norm der argentinischen Bischöfe als konform mit der Überlieferung und dem Wort Gottes zu bezeichnen, wäre intellektuell unehrlich und würde die kirchlichen Verteidiger solch einer Pastoral in die Nähe einer Haltung bringen, die Georges Orwell folgendermaßen charakterisiert hat: „Politische Sprache ist darauf ausgerichtet, Lügen wahrheitsgemäß und Mord ehrbar klingen zu lassen und purem Wind den Anschein von Festigkeit zu geben“.

Die noch lebenden der "dubia"-Kardinäle haben bis heute keine Antwort auf Ihre Anfrage an den Heiligen Vater erhalten. Ist es legitim, dass sich Bischöfe auf das authentische Lehramt des Papstes berufen und die dubia mit dem Amtsblatt des Heiligen Stuhls als erledigt betrachten? Oder müssen sie in der Frage der Sakramentendisziplin auch gegen das authentische Lehramt öffentlich Position beziehen auf die Gefahr hin, dass das auch Verwirrung schafft?

Es wird allen guttun, zunächst einmal Klarheit über die Begriffe und deren Bedeutung zu schaffen. Gott hat das kirchliche Lehramt nur in folgenden Fällen mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattet, wobei es sich in diesen Fällen nur um einen vor Irrtum bewahrenden Beistand (assistentia) des Heiligen Geistes, nicht aber um eine Inspiration zur Schaffung einer neuen Wahrheit handelt. Diese Fälle sind: feierliche, definitive sogenannte „ex cathedra“ Entscheidungen des Papstes; feierliche, definitive dogmatische Urteile eines Allgemeinen (Ökumenischen) Konzils; eine unterunterbrochene Lehre über Glauben und Sitte und eine das Wesen der Sakramente berührende Praxis, die vom Allgemeinen und Ordentlichen Lehramt der Gesamtepiskopat mit dem Papst in demselben Sinn und in derselben Bedeutung über zweitausend Jahre hindurch bewahrt und weitergegeben wurden, also nicht neu eingeführt oder wesentlich uminterpretiert wurde. In allen anderen Fällen, wie auch im sogenannten authentischen (bzw. täglichen) Lehramt des Papstes oder der Bischöfe ist das Lehramt nicht mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattet und kann folglich auch irrtümliche – wenn auch nicht direkt häretische – Aussagen und Entscheidungen machen.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Solche glücklicherweise wenige Fälle gab es schon in der Kirchengeschichte: zum Beispiel Entscheidungen bzw. Approbationen des authentischen Lehramtes seitens der Päpste Liberius in der arianischen Krise, Honorius I. in der Krise des Monotheletismus, Johannes´ XXII. in der Frage der beseligenden Anschauung Gottes. Papst Franziskus hat jene erwähnte Norm der argentinischen Bischöfe der Region Buenos Aires bestätigt, welche nichteheliche Dauerbeziehungen im Fall der sogenannten „wiederverheiratet Geschiedenen“ durch die Kommunionzulassung indirekt legitimiert. Nichteheliche Geschlechtsbeziehungen, ob als Einzelakt oder dauerhaft, widersprechen immer dem Willen Gottes. Keine, nicht einmal die höchste Autorität in der Kirche hat die Befugnis, das zu erlauben oder zu bestätigen - auch nicht indirekt -, was Gott eindeutig verbietet und an dessen Befolgung Er das ewige Heil der Seelen bindet. Das Konzil von Trient lehrt (vgl. sess. 6, can. 18), dass es eine Häresie sei zu behaupten, Menschen können ein bestimmtes Gebot Gottes nicht einhalten oder durchführen - „non factible“, wie es die argentinischen Bischöfe sagen. Mit solch einer Behauptung würde man Gott letztlich für grausam und ungerecht halten. Jedoch ist jedes Gebot Gottes, auch das Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen“, weise, gut und von allen realisierbar (vgl. Ps. 19, 7-8). „Gott gebietet (1 Joh. 5,3) nicht Unmögliches; sondern ermahnt durch das Gebieten, zu tun, was du kannst, und zu bitten um das, was du nicht kannst; und er hilft dir, dass du es kannst. (1 Joh. 5,3). Seine Gebote sind nicht schwer, Sein Joch ist sanft und Seine Bürde ist leicht (Mt. 11,30). Denn die, welche Kinder Gottes sind, lieben Christus; welche aber (Joh. 14,15.21) ihn lieben, die halten, wie er selbst bezeugt, seine Worte (Joh. 14, 23); und das können sie allerdings mit Gottes Hilfe tun.“ (Konzil von Trient, sess. 6, cap. 11). Nun besitzt aber diese Lehre des Trienter Konzils einen zweifellos unfehlbaren Charakter, was man aber von der erwähnten Approbation der pastoralen Normen der argentinischen Bischöfe durch Papst Franziskus mit Sicherheit nicht sagen kann.

Ein deutscher Bischof kritisierte im Zusammenhang mit der Debatte um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener die "Fixierung auf das Sexuelle". Wie sehen Sie das? Warum ist die Vorgabe von Familiaris consortio, den Sakramentenempfang bei Paaren in irregulären Situationen an das Bemühen um sexuelle Enthaltsamkeit zu binden, aus Ihrer Sicht nicht aufgebbar?

Eine der weitverbreitetsten und verheerendsten sittlichen und sozialen Epidemien unserer Zeit ist ja gerade die Ehescheidung. Schon das Zweite Vatikanische Konzil nannte die Ehescheidung eine „Plage“ unserer Zeit (vgl. Gaudium et spes, 47). Ehescheidung wird in der Regel durch Akte des Ehebruchs verursacht oder dann durch eine uneheliche Dauerbeziehung verfestigt. Ehescheidung mit Wiederverheiratung - und das ist Ehebruch - zerstört die Familie, die wichtigste Keim- und Lebenszelle der menschlichen Gesellschaft sowie die Hauskirche (zur Familie als Hauskirche, vgl. II. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 11). Wenn Ärzte oder sonst auf das Gemeinwohl bedachten Menschen sich wegen der Ausbreitung einer Epidemie besorgt zeigen, wird doch wohl kein vernünftiger Mensch sagen, dass es sich hier um eine „Fixierung auf die Epidemie“ handelt. Ist aber die Familie und das ewige Heil der Seelen nicht wichtiger als die Sorge um die Gesundheit des zeitlichen Leibes? Wenn ein Bischof behauptet, dass die Debatte um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener die "Fixierung auf das Sexuelle" sei, so leugnet er die Wirklichkeit, denn die Epidemie der Ehescheidung existiert vor aller Augen, oder er ist sich seiner ihm von Gott gegebenen Aufgabe als geistlicher Arzt und als Lehrer und Prophet nicht mehr bewusst.

Sollen traditionell denkende Priester sich nun in der Seelsorge auf ihr Gewissen gegenüber jenen berufen, die den Weg der argentinischen Bischöfe bevorzugen? Schafft das nicht zusätzliche Verwirrung?

Bei der kompromisslosen Verteidigung der Unauflöslichkeit der Ehe (wie auch vergleichbar bei der Verteidigung der Ehe als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau, oder der Verteidigung des Lebens gegen Abtreibung und Euthanasie) geht es nicht um die Frage „traditionell“ oder „fortschrittlich“, „eng“ oder „offen“, sondern um die Verteidigung der geoffenbarten Wahrheit Gottes und des Naturrechts, welches seinerseits eine natürliche Offenbarung Gottes ist). Wie schon ausführlich begründet, handelt es sich beim sogenannten Weg der argentinischen Bischöfe um einen Weg, der in der Praxis dem ausdrücklichen Gebot Gottes, welches Ehescheidung und jeglichen Akt des Ehebruchs verbietet, widerspricht. Ein Priester, der seinen Glauben und das Wort Gottes noch ernst nimmt, kann konsequenterweise niemals den sogenannten Weg der argentinischen Bischöfe wählen oder bevorzugen. Er müsste bereit sein, lieber Zeitliches wie Amt, Rang und Freunde zu verlieren, als auch nur indirekt – durch die besagte Sakramentenpraxis - Ehescheidung oder Ehebruch gutzuheißen. In diesem Fall würde dieser Priester konkret den Grundsatz der Apostel verwirklichen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 4; 19: 5, 29). Nun aber ist das Verbot jeglicher Ehescheidung und jeglicher unehelicher Geschlechtsbeziehungen Gottes Wort, die Normen der argentinischen Bischöfe und deren Gutheißung durch den Papst aber bleiben Menschenworte, und zwar fehlbare Worte.

In den Kreisen der Tradition wächst das Befremden über die Amtsführung von Papst Franziskus. Geschieht dem Heiligen Vater damit Unrecht? Ist die gegenwärtige Verwirrung die unausweichliche Folge einer Entwicklung, die von Änderung des Ehezwecks durch das Zweite Vatikanische Konzil über die Mariatroster und die Königsteiner Erklärungen und den jahrzehntelang von Bischöfen tolerierten und teilweise aktiv geförderten Zusammenbruchs der kirchlichen Disziplin ins die Verwirrung führen musste, an dem wir heute stehen?

Eines der eigentümlichsten Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils bestand darin, die Laien zu ermutigen, mitzudenken und durch Wort und Tat ihren Beitrag im täglichen Leben der Kirche zu leisten. Sie sollten ferner freimütig – und selbstverständlich respektvoll – ihre Anliegen und Sorgen den Hirten der Kirche gegenüber zum Ausdruck bringen. Das Befremden seitens mancher Gläubigen über die Amtsführung der Hirten und selbst des Obersten Hirten der Kirche ist ja nicht immer eine Kritikasterei, sondern eine auf Fakten begründete ehrliche Sorge um das Wohl der Kirche, und geschieht aus Liebe zur Kirche, welche ihre Mutter ist. In solchen Fällen müssten ein Bischof und ein Papst so viel Bereitschaft zur Demut und zur Selbstkritik haben, dass er über diese Stimmen dankbar sein sollte, weil sie ihn zum Nachdenken und evtl. zu einer heilsamen Korrektur verhelfen könnten. Wir haben berühmte Fälle von Äußerungen des Befremdens und der Kritik über die Amtsführung von Päpsten im Beispiel der hl. Katharina von Siena und der hl. Birgitta von Schweden. Das erste Beispiel eines Befremdens über die Amtsführung eines Papstes, in diesem Fall des Apostels Petrus, gab der heilige Paulus (vgl. Gal. 2, 11), und der Heilige Geist wollte es, dass dieser Vorfall in der Heiligen Schrift als Lehre für alle christlichen Generationen (und auch für alle Päpste und Bischöfe) festgehalten werden sollte.
Auf die Frage: „Ist die gegenwärtige Verwirrung nicht die unausweichliche Folge einer Entwicklung, die von Änderung des Ehezwecks durch das Zweite Vatikanische Konzil über die Mariatroster und die Königsteiner Erklärungen und den jahrzehntelang von Bischöfen tolerierten und teilweise aktiv geförderten Zusammenbruchs der kirchlichen Disziplin ins die Verwirrung führen musste, an dem wir heute stehen?“ ist nur mit Ja zu antworten. In der hier geschilderten tatsächlichen Situation erleben wir die Wahrheit des logischen Grundsatzes verwirklicht, den der hl. Thomas von Aquin formuliert hat: „Ein kleiner Irrtum am Anfang ist am Ende ein großer“ (De ente et essentia, 1).

 

Im Wortlaut das Bekenntnis zu den unveränderlichen Wahrheiten über die sakramentale Ehe


Nach der Veröffentlichung der Apostolischen Exhortation “Amoris laetitia” (2016) haben verschiedene Bischöfe auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene Ausführungsnormen erlassen bezüglich der sakramentalen Disziplin jener Gläubigen - “Wiederverheirate Geschiedene” genannt -, welche, obwohl deren Ehegatte, mit welchem sie durch das sakramentale Eheband verbunden sind, noch lebt, dennoch eine dauerhafte Lebensgemeinschaft more uxorio mit einer Person eingegangen sind, welche nicht deren rechtmäßiger Gatte ist.

Die erwähnten Normen sehen unter anderem vor, dass solche Personen - “Wiederverheirate Geschiedene” genannt - in Einzelfällen das Sakrament der Buße und die Heilige Kommunion empfangen können, ungeachtet dessen, dass sie dauerhaft und mit Absicht mit einer Person more uxorio zusammenleben, welche nicht deren rechtmäßiger Ehegatte ist. Solche Normen haben eine Bestätigung seitens verschiedener hierarchischer Autoritäten erhalten. Einige unter diesen Normen haben sogar die Bestätigung seitens der höchsten Autorität der Kirche erhalten.

Die Verbreitung dieser kirchlich bestätigten pastoralen Normen hat eine erhebliche und ständig wachsende Verwirrung unter den Gläubigen und dem Klerus verursacht. Es handelt sich um eine Verwirrung, welche die zentralen Lebensäußerungen der Kirche berührt, welche da sind: Die sakramentale Ehe mit der Familie, der Hauskirche, und das Sakrament der Heiligsten Eucharistie.

Gemäß der Lehre der Kirche bildet nur das sakramentale Eheband eine Hauskirche (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 11). Die Zulassung der “wiederverheiratet Geschiedenen” Gläubigen zur heiligen Kommunion, welche ja am höchsten die Einheit Christi, des Bräutigams mit Seiner Kirche ausdrückt, bedeutet in der Praxis eine Art Bestätigung oder Legitimierung des Ehebruchs, und in diesem Sinn eine Art Einführung des Ehebruchs im Leben der Kirche.

Die erwähnten pastoralen Normen offenbaren sich tatsächlich und mit der Zeit als ein Mittel der Verbreitung der “Geißel des Ehebruchs” (diesen Ausdruck gebrauchte das Zweite Vatikanische Konzil, vgl. Gaudium et spes, 47). Es handelt sich um die Verbreitung der “Geißel des Ehebruchs” sogar im Leben der Kirche, wobei doch die Kirche, im Gegenteil, auf Grund ihrer bedingungslosen Treue zur Lehre Christi ein Bollwerk und eine untrügliches Zeichen des Widerspruchs sein sollte gegen die sich täglich immer mehr ausbreitenden Geißel des Ehebruchs in der zivilen Gesellschaft.    

Unser Herr und Heiland Jesus Christus hat in unzweideutiger Weise und keine Ausnahme zulassend den Willen Gottes bezüglich des absoluten Verbots des Ehebruchs feierlich bestätigt. Eine Bestätigung oder Legitimierung der Verletzung der Heiligkeit des Ehebandes, wenn auch nur in indirekter Weise durch die erwähnte sakramentale Praxis, widerspricht schwerwiegend dem ausdrücklichen Willen Gottes und Seinem Gebot. Solch eine Praxis stellt folglich eine wesentliche Veränderung der zweitausendjährigen sakramentalen Disziplin der Kirche dar. Zudem bringt eine wesentlich veränderte Disziplin mit der Zeit auch eine Veränderung der entsprechenden Lehre mit sich.  

Das beständige Lehramt der Kirche, angefangen von den Lehren der Apostel und aller Päpste, hat die kristallklare Lehre Christi bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe, sowohl in der Lehre (in der Theorie), als auch in der sakramentalen Disziplin (in der Praxis) unzweideutig, ohne einen Schatten des Zweifels und immer in demselben Sinn und in derselben Bedeutung bewahrt und weitergegeben.

Wegen ihres göttlich begründeten Wesens darf die sakramentale Disziplin niemals dem geoffenbarten Wort Gottes und dem Glauben der Kirche an die absolute Unauflöslichkeit einer gültigen und vollzogenen Ehe widersprechen. “Die Sakramente setzen den Glauben nicht nur voraus, sondern nähren ihn auch durch Worte und Riten, stärken ihn und zeigen ihn an; deshalb heißen sie Sakramente des Glaubens“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium, 59). “Selbst die höchste Autorität in der Kirche kann die Liturgie nicht nach Belieben ändern, sondern nur im Glaubensgehorsam und in Ehrfurcht vor dem Mysterium der Liturgie” (Katechismus der Katholischen Kirche, 1125). Der katholische Glaube verbietet von seinem Wesen her einen formalen Widerspruch zwischen dem bekannten Glauben einerseits und der Lebens- und Sakramentenpraxis anderseits. In diesem Sinn kann man auch die folgende Aussage des Lehramtes verstehen: “Die Spaltung bei vielen zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben gehört zu den schweren Verirrungen unserer Zeit” (Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes, 43) und “die konkrete pastorale Begleitung der Kirche muss stets mit ihrer Lehre verbunden sein und darf niemals von ihr getrennt werden” (Johannes Paul II., Apostolische Exhortation Familiaris consortio, 33).

Angesichts der lebenswichtigen Bedeutung, welche die Lehre und die Disziplin der Ehe und der Eucharistie darstellen, ist die Kirche verpflichtet mit ein und derselben Stimme zu sprechen. Die pastoralen Normen bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe dürfen folglich weder zwischen Diözesen noch zwischen unterschiedlichen Ländern einander widersprechen. Von den Zeiten der Apostel an hat die Kirche diesen Grundsatz beobachtet, wie ihn der heilige Irenäus bezeugt: “Diese Botschaft und diesen Glauben bewahrt die Kirche, wie sie ihn empfangen hat, obwohl sie, wie gesagt, über die ganze Welt zerstreut ist, sorgfältig, als ob sie in einem Hause wohnte, glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund besäße” (Adversus haereses, I, 10, 2). Der heilige Thomas von Aquin überliefert uns denselben beständigen Grundsatz der Kirche: “Es gibt nur ein und denselben Glauben der Alten und der Modernen, andernfalls hätten wir nicht ein und dieselbe Kirche” (Questiones Disputatae de Veritate, q. 14, a. 12c).

Die folgende Warnung von Papst Johannes Paul II. bleibt aktuell und gültig: “Die Verwirrung, die in den Gewissen vieler Gläubigen durch unterschiedliche Meinungen und Lehren in Theologie, Verkündigung, Katechese und geistlicher Führung zu schwerwiegenden und heiklen Fragen der christlichen Moral geschaffen worden ist, führt auch dazu, das echte Sündenbewusstsein zu mindern und nahezu auszulöschen” (Apostolische Exhortation Reconciliatio et paenitenia, 18).

Den Sinn der folgenden Äußerungen des Lehramtes der Kirche kann man durchaus auch auf die Lehre und die sakramentale Disziplin bezüglich der Unauflöslichkeit der geschlossenen und vollzogen Ehe anwenden:

  • „Die Kirche Christi als sorgfältige Wächterin und Verteidigerin der ihr anvertrauten Glaubenswahrheiten ändert nichts an ihnen, macht an ihnen keine Abstriche und fügt ihnen nichts hinzu. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten, dass jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben Sinn und in ein- und demselben Gehalt, ein Wachstum aufzuweisen haben“ (Pius IX., Dogmatische Bulle Ineffabilis Deus).
  • “Bezüglich dem Wesen der Wahrheit selbst hat die Kirche vor Gott und vor den Menschen die heilige Pflicht, sie zu verkünden, sie ohne jegliche Abschwächung zu lehren so wie Christus sie ihr geoffenbart hat. Es gibt keinen einzigen Zeitumstand, welcher es erlauben würde, den Ernst dieser Pflicht zu schmälern. Das bindet im Gewissen jeden Priester, dem die Sorge anvertraut ist, die Gläubigen zu lehren, zu ermahnen und zu führen” (Pius XII., Ansprache an die Pfarrer und Fastenprediger, 23. März 1949).
  • “Die Kirche historisiert nicht, sie relativiert nicht das Wesen der Kirche, sich den Umwandlungen der profanen Kultur anpassend. Das Wesen der Kirche ist immer dasselbe und sie bleibt sich selbst treu, so wie Christus sie wollte und die authentische Tradition sie vervollkommnete” (Paul VI, Homilie vom 28. Oktober 1965).
  • “In keinem Punkte Abstriche an der Heilslehre Christi zu machen, ist hohe Form seelsorglicher Liebe” (Paul VI., Enzyklika Humanae Vitae, 29).
  • “Die Kirche hört niemals auf, aufzurufen und zu ermutigen, die eventuellen ehelichen Schwierigkeiten zu lösen, ohne je die Wahrheit zu verfälschen oder zu beeinträchtigen” (Johannes Paul II., Apostolische Exhortation Familiaris consortio, 33).
  • “Diese sittliche Norm ist nicht von der Kirche geschaffen und nicht ihrem Gutdünken überlassen. In Gehorsam gegen die Wahrheit, die Christus ist, dessen Bild sich in der Natur und der Würde der menschlichen Person spiegelt, interpretiert die Kirche die sittliche Norm und legt sie allen Menschen guten Willens vor, ohne ihren Anspruch auf Radikalität und Vollkommenheit zu verbergen” (Johannes Paul II., Apostolische Exhortation Familiaris consortio, 33).
  • "Wegen dem Grundsatz der Wahrheit und Folgerichtigkeit duldet es die Kirche nicht, gut zu nennen, was böse ist, und böse, was gut ist. Die Kirche, welche sich auf diese beiden sich ergänzenden Grundsätze stützt, kann ihre Söhne und Töchter, die sich in jener schmerzlichen Lage befinden, nur dazu einladen, sich auf anderen Wegen der Barmherzigkeit Gottes zu nähern, jedoch nicht auf dem Weg der Sakramente der Buße und der Eucharistie, solange sie nicht die erforderliche seelische Verfassung erreicht haben" (Johannes Paul II., Apostolische Exhortation Reconciliatio et paenitentia, 34).
  • “Die Festigkeit der Kirche bei der Verteidigung der universalen und unveränderlichen sittlichen Normen hat nichts Unterdrückendes an sich. Sie dient einzig und allein der wahren Freiheit des Menschen: Da es außerhalb der Wahrheit oder gegen sie keine Freiheit gibt” (Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor, 96).
  • “Im Hinblick auf die sittlichen Normen, die das in sich Schlechte verbieten, gibt es für niemanden Privilegien oder Ausnahmen. Ob einer der Herr der Welt oder der Letzte, »Elendeste« auf Erden ist, macht keinen Unterschied: Vor den sittlichen Ansprüchen sind wir alle absolut gleich” (Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor, 96).
  • “Die Pflicht, die Unmöglichkeit der Zulassung [der „wiederverheirateten Geschiedenen“] zum Empfang der Eucharistie zu unterstreichen, ist vielmehr Bedingung wirklicher pastoraler Sorge, echter Sorge um das Wohl dieser Gläubigen und der ganzen Kirche, insofern sie die notwendigen Bedingungen für den wahren Vollzug jener Umkehr anzeigt, zu der alle immer vom Herrn eingeladen sind“ (Päpstlicher Rat für die Gesetzestexte, Erklärung über die Zulassung der widerverheirateten Geschiedenen zur Heiligen Kommunion, 24. Juni 2000, n. 5).

Gemäß der Lehre des Zweites Vatikanischen Konzils sollen die Bischöfe die Einheit des Glaubens und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen, und alle Bestrebungen fördern, dass der Glaube wachse und das Licht der vollen Wahrheit allen Menschen aufgehe (vgl. Lumen gentium, 23). Deshalb sind wir als katholische Bischöfe im Gewissen dazu gedrängt angesichts der augenblicklich sich ausbreitenden Verwirrung, die unveränderliche Wahrheit und die gleichfalls unveränderliche sakramentale Disziplin bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe gemäß dem zweitausendjährigen und unveränderten Lehramt der Kirche zu bekennen. In diesem Sinne bekräftigen wir:

  • Geschlechtsbeziehungen zwischen Personen, welche nicht durch ein gültiges Eheband miteinander verbunden sind - was für sogenannte „Wiederverheiratete Geschiedenen“ zutrifft - , widersprechen immer dem Willen Gottes und stellen eine schwere Beleidigung Gottes dar.
  • Kein Umstand oder Zweck, nicht einmal eine mögliche Nicht-Zurechenbarkeit oder Schuldminderung, können solche sexuelle Beziehungen zu einer positiven sittlichen Wirklichkeit und Gott wohlgefällig machen. Dasselbe gilt auch für die anderen negativen Vorschriften der Zehn Gebote Gottes. Denn “es gibt Handlungen, die durch sich selbst und in sich, unabhängig von den Umständen, immer schwerwiegend unerlaubt sind wegen ihres objektiven Inhaltes” (Johannes Paul II., Apostolische Exhortation Reconciliatio et paenitentia, 17).
  • Die Kirche besitzt nicht das unfehlbare Charisma, über den inneren Stand der Gnade eines Gläubigen zu richten (vgl. Konzil von Trient, sess. 24, cap. 1). Die Nichtzulassung zur Heiligen Kommunion von sogenannten “wiederverheirateten Geschiedenen” bedeutet kein Urteil über die Tatsache, ob sie sich vor Gott im Stand der Gnade befinden, sondern ein Urteil über den sichtbaren, öffentlichen und objektiven Charakter ihrer Situation. Aufgrund der sichtbaren Natur der Sakramente und der Kirche, hängt der Empfang der Sakramente notwendigerweise von der entsprechenden sichtbaren und objektiven Situation der Gläubigen ab.
  • Es ist sittlich nicht erlaubt, sexuelle Beziehungen mit einer Person zu unterhalten, welche nicht der eigene Ehegatte ist, um angeblich eine andere Sünde zu vermeiden. Das Wort Gottes lehrt uns nämlich, dass es nicht erlaubt ist „Böses zu tun, damit Gutes entsteht“ (Röm. 3, 8).
  • Die Zulassung solcher Personen zur heiligen Kommunion kann nur dann gestattet sein, wenn sie mit der Hilfe der Gnade Gottes und durch eine geduldige und individuelle seelsorgliche Begleitung sich ernsthaft vornehmen, künftig auf diese Gewohnheit zu verzichten und kein Ärgernis zu geben. Darin hat sich in der Kirche immer die wahre geistliche Unterscheidung und die authentische seelsorgliche Begleitung ausgedrückt.
  • Personen mit gewohnheitsmäßigen nichtehelichen Geschlechtsbeziehungen verletzen durch solch eine Lebensweise ihr unauflösliches bräutliches Eheband ihrem rechtmäßigen Ehegatten gegenüber. Deshalb sind sie nicht fähig, im „Geist und in der Wahrheit“ (vgl. Joh. 4, 23) am eucharistischen Hochzeitsmahl Christi teilzunehmen, in Anbetracht auch der Worte des Kommunionritus: “Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind!” (Offb. 19, 9).
  • Die Erfüllung des Willens Gottes, welcher in Seinen Zehn Geboten und in Seinem ausdrücklichen und absoluten Verbot der Ehescheidung geoffenbart ist, stellt das wahre geistige Gut der Menschen hier auf Erden dar und wird sie zur wahren Freude der Liebe im ewigen Leben führen.

Da die Bischöfe in ihrem pastoralen Amt “Förderer des katholischen und apostolischen Glaubens” sind (vgl. Missale Romanum, Canon Romanus), sind wir uns dieser schweren Verantwortung bewusst und ebenso unserer Pflicht unseren Gläubigen gegenüber, die von uns ein öffentliches und unzweideutiges Bekenntnis zu der unveränderlichen Wahrheit und Disziplin der Kirche bezüglich der Unauflöslichkeit der Ehe erwarten. Aus diesem Grund ist es uns nicht erlaubt zu schweigen.

Im Geist des heiligen Johannes des Täufers, des heiligen John Fisher, des heiligen Thomas Morus, der Seligen Laura Vicuña und zahlreicher bekannter und unbekannter Bekenner und Märtyrer der Unauflöslichkeit der Ehe bekräftigen wir:

Es ist nicht erlaubt (non licet), eine dauerhafte nichteheliche sexuelle Beziehung mittels der sakramentalen Disziplin der Zulassung zur heiligen Kommunion von sogenannten “wiederverheiratet Geschiedenen” weder direkt noch indirekt zu rechtfertigen, gutzuheißen oder zu legitimieren, weil es sich in diesem Fall um eine der gesamten Überlieferung des katholischen und apostolischen Glaubens wesensfremden Disziplin handelt.

Während wir dieses öffentliche Bekenntnis vor unserem Gewissen und vor Gott, der uns richten wird, ablegen, sind wir aufrichtig davon überzeugt, dadurch einen Dienst der Liebe in der Wahrheit für die Kirche unserer Tage und für den Papst getan zu haben, den Nachfolger des heiligen Petrus, und Stellvertreter Christi auf Erden.

31. Dezember 2017, Fest der Heiligen Familie, im Jahr der Hundertjahrfeier der Erscheinungen der Gottesmutter in Fatima.


+ Tomash Peta, Erzbischof Metropolit der Erzdiözese der Heiligen Maria in Astana
+ Jan Pawel Lenga, Erzbischof-Bischof von Karaganda
+ Athanasius Schneider, Weihbischof der Erzdiözese der Heiligen Maria in Astana