Das Sakrament der Ehe wirkt

„Gott selber ist Autor der Theologie des Leibes“ – Zu einem vielseitigen und spannenden Kongress an der Katholischen Universität in Eichstätt. Von Jürgen Liminski

Sprach das Schlusswort am Sonntagmittag: Ortsbischof Gregor Maria Hanke OSB.

Eichstätt (DT) Es ist eine Erfolgstory. Zunächst wegen der wachsenden Attraktivität bei jung und alt. 2011, beim ersten internationalen Kongress über die Theologie des Leibes an der Katholischen Universität Eichstätt, waren es gut 200 Teilnehmer; beim zweiten Kongress 2014 waren es mehr als 300 und jetzt, bei der dritten internationalen Tagung kamen 470 Personen: Studenten, Ehepaare, Wissenschaftler, Geistliche – unter ihnen die drei Bischöfe aus Eichstätt, Regensburg, Passau sowie ein Weihbischof aus Köln – oder einfach Interessierte aus vielerlei Berufen.

Qualität spricht sich rum. Die Mehrheit waren junge Leute unter 30 bis 35 Jahren. Manche brachten ihre Kinder mit, die von einigen der insgesamt 40 ehrenamtlichen Helfer betreut wurden. Es war an alles gedacht, so dass die Teilnehmer sich voll den Ausführungen der Referenten aus Deutschland, Italien, Spanien und den Vereinigten Staaten widmen konnten. Die Übersetzung funktionierte gut, der Büchertisch war reichlich und zielgerichtet gedeckt, das Catering sorgte bestens für leibliches Wohl, es gab Zeit für Diskussionen – die Organisation war gelungen und das Publikum dankte der Hauptorganisatorin Maria Groos am Ende mit anhaltendem Applaus.

Der Reigen begann organisch mit einer Einführung des Kanzlers und Dekans des John Paul II. Institute an der Katholischen Universität von Amerika in Washington, Professor Antonio Lopez, über die katholische Lehre von der Familie als Lebens- und Liebesgemeinschaft. Die notgedrungen theoretische Abhandlung wurde gleich ergänzt von praktischen Ausführungen der Paar- und Psychotherapeutin Teresa Suarez del Villar aus Madrid. Sie stellte aus ihrer Praxis einige Irrtümer vor und löste sie auch gleich auf, zum Beispiel: „Alle haben diese große Sehnsucht nach Liebe. Die Sehnsucht gehört mir, ihre Erfüllung nicht. Die Erfüllung ist ein Geschenk. Darum kann man nur bitten – und bereit sein, es zu empfangen.“ Wer da mit Ansprüchen komme habe es schwieriger mit der Erfüllung. Exklusivität, Bedingungslosigkeit, Hingabe, Endgültigkeit – ohne diese Ingredienzen gebe es keine Erfüllung der großen Sehnsucht nach Liebe.

Die Ausführungen der Therapeutin führten zu einem der Höhepunkte der Tagung, dem persönlichen Zeugnis des Ehepaares Carla und Pio. Höhepunkt deshalb, weil dieses Zeugnis vom Scheitern der ersten Liebe in der Routine und im Gestrüpp des stressigen Lebens zur zentralen Frage der Vergebung führte. Pio hatte sich nach 23 Jahren Ehe von Carla getrennt, um mit einer jüngeren Frau zusammenzuziehen. Er war damals Mitte vierzig, Carla Anfang vierzig. Für Carla brach eine Welt zusammen, sie suchte nach Erklärungen, wandte sich an Heilige um Hilfe: „Man lebt das Sakrament der Ehe auch mit der Sünde.“ Der gemeinsame Sohn gab ihr Hoffnung: „Papa wird zurückkommen“ – „Und wenn er dann krank ist?“ – „Das wäre besser als gar nicht.“ Auch Pio fand keinen wirklichen Frieden. „Das Herz kann nicht vergessen.“ Für ihn war es „eine dramatische Erfahrung“, nicht mehr zur Kommunion gehen zu können. „Es war die Folge der Trennung. Das machte mir mein Handeln bewusst.“ Die Gnade des Sakramentes wirkte, er kehrte zurück, bat um Vergebung. „Zur Vergebung gehören immer zwei, eigentlich drei. Aber der dritte, Gott selbst, ist immer dabei“, sagt Pio heute und dann fügt er leise ins Mikrofon murmelnd hinzu: „Vergebung ist eigentlich nicht menschlich. Aber Vergebung ist das Wesen der Liebe Gottes. Daraus muss man lernen, darum muss man bitten.“ Carla ergänzt mit einem Zitat von Chestertons Pater Brown: „Das Schöne an Wundern ist, dass sie tatsächlich geschehen“.

Dennoch gebe es auch so etwas wie eine menschliche Mechanik der Vergebung. Das Bitten um die Gnade der Vergebung führe zunächst zur Selbsterkenntnis – Pio: „Ich konnte mir zuerst selbst nicht vergeben“ – und dann zur Annahme der Person, so wie sie ist, mit allen Fehlern und Talenten. Gewiss, die Liebe bewähre sich in der Treue, aber sie vollende sich in der Vergebung. Das gelte auch für die kleinen Verfehlungen jeden Tages. Carla: „Nicht nur das Eingeständnis der Schuld oder der Fehler schaffen die Voraussetzung zur Vergebung, sondern auch das Akzeptieren des Anders-Seins der geliebten Person, und dieses Akzeptieren wurzelt in der Anerkennung der radikalen Freiheit des Anderen.“ Das mache den Neubeginn möglich im Sinn einer „Auferstehung der Beziehung“. Nur so entstehe eine Ebenbürtigkeit, nur so werde das Schuldgefühl getilgt, ohne das Fehlverhalten gutzuheißen. Papst Franziskus bringe es auf die Formel: „Schafft keine Mauern, sondern Brücken“.

Einen weiteren Höhepunkt erlebten die Teilnehmer am Samstag mit dem Vortrag der in Heiligenkreuz bei Wien lehrenden Philosophin Hanna-Barbara Gerl Falkovitz über das Spannungsfeld von Mann und Frau. Sie bezeichnete es als „lockenden Unterschied“ und stellte ihre Ausführungen sozusagen unter ein Wort von Romano Guardini: „Haben wir denn den richtigen Begriff von der Liebe? Er ist bei uns oft sentimental, weichlich geworden. (...) Die Moderne muss die Liebe als etwas viel Weiträumigeres, Furchtbareres und Gewaltigeres denken, als sie es tut.“ Diese Weiträumigkeit und Gewaltigkeit der Liebe hat mit ihrem Ursprung, dem Schöpfer zu tun. Religiös und kultisch werde die Ehe bildlich fast immer in Verbindung gesetzt zu Weltschöpfung und Welterhaltung. Dabei spiele die persönliche Liebe erst spät, auf der Ebene reflektierter und individualistischer Kulturen, eine gewichtige Rolle; zumeist aber sei die Ehe eine menschliche Ausführung und Bestätigung dessen, was die Götter oder der Weltengrund bei der Weltschöpfung vollzogen. In den monotheistischen Traditionen werde diese Sicht bestätigt und zugleich transformiert – insbesondere im Christentum „aufgehoben“ und in eine besondere Heiligkeit gestellt.

Meisterhaft stellte die Religionsphilosophin Sagen und Mythen aus Indien, China, den alten Griechen, Römern und Germanen vor, verflocht die Traditionen von Völkern und Religionen mit Zeugnissen der Literatur und Dichtkunst, um zu zeigen, wie die Menschheit den geschlechtlichen Akt aus dem rein Lustvoll-Triebhaften des Geschlechts überleitete „in eine tiefe sakrale Bedeutung: in das „Bauprinzip des Universums“. Nur ein Beispiel, die „klassische Formulierung von Lao tse im Tao Te King: ,Das Männliche liebt das Weibliche. Yin umarmt Yang, und zehntausend Dinge leben in Harmonie durch die Verbindung dieser Kräfte.‘“ Ihre Ausführungen bestätigen die sozio-anthropologischen Forschungen von Claude Levi-Strauß über das konjugale Prinzip aller Gesellschaftsformen, was, das sei nur nebenbei bemerkt, eine Anregung für einen der hoffentlich weiteren Kongresse sein könnte.

Der lockende Unterschied oder die in der Natur des Menschen grundgelegte Komplementarität von Mann und Frau wurde in den Workshops vertieft. Hanns-Gregor Nissing erklärte die Grundlagen und Quellen, aus denen der heilige Papst Johannes Paul II. schöpfte, um die Theologie des Leibes und des Wesens des Menschen zu entwickeln. Die Bedeutung dieses Werkes ist noch nicht zu ermessen, man steht hier am Anfang einer neu vertieften Sicht des Menschen, ähnlich wie Entdecker eines Kontinents, die gerade den Fuß an Land setzen.

Das wurde deutlich in dem Workshop „Leib als Evangelium – Sexualität als Liturgie: Ein Blick in das Herz der Theologie des Leibes“. Referent Ralf Reißel führte ebenso schlicht wie einprägsam und dennoch tiefschürfend aus, wie die Ehe und der eheliche Akt, um mit Johannes Paul II zu sprechen, „jene Liebesgemeinschaft widerspiegeln, die in Gott besteht und durch die sich die drei göttlichen Personen lieben“. Der eheliche Akt sei eine Art Verkündigung der Dreifaltigkeit, „die sexuelle Vereinigung der spezifische Gottesdienst der Ehepaare“ (Romano Guardini).

Die Liste der theologischen Zeugnisse und Schriften zur Untermauerung dieser Thesen ist beeindruckend. Mancher Teilnehmer aber hegte gewisse Zweifel, ob man die Analogie zwischen Feier der Eucharistie und ehelichem Akt nicht etwas zu weit treibe. Bei vielen Parallelen kann man sicher zustimmen, etwa dem Vollzug der Liebe und den Gnaden, die dadurch bewirkt würden. Allerdings fehlt dem ehelichen Akt naturgemäß der Opfercharakter. Er ist kein Golgotha. Und er bringt zwar die Liebe ins Leben, bleibt aber in seiner unmittelbaren (Gnaden-)Wirkung auf das Paar, allenfalls auf die Familie begrenzt, während das Eucharistie-Opfer die Menschheit erlöst. Auch dies ein Thema, das der Vertiefung bedarf.

Immerhin zeigen diese Aspekte aber einen grundlegenden Unterschied zur Bedeutung der Ehe im Vergleich zur muslimischen Ehe auf. In wortreichen Vorträgen versuchten die muslimischen Gelehrten Professor Wael Farouq und Suzy Ismail Analogien zwischen muslimischen und christlichen Ehen aufzuzeigen. Beide bemühten linguistische Methoden und illustrierten auch mit historischen Einordnungen („Das religiöse Gebot, höchstens vier Frauen zu heiraten, war eine Einschränkung einer vorher unbegrenzten Praxis, die zum Schutz der Rechte der Frau in einem Ehevertrag dienen sollte.“)

Das aktuelle Dilemma muslimischer Theorie und Praxis: Diese Thesen werden von einer kleinen Minderheit geteilt und das in nicht-islamischen Ländern. Farouq lehrt in Mailand, Ismail in New Jersey. Beim Thema Gleichwertigkeit zwischen Mann und Frau kommt zudem die Ambivalenz des Koran zum Vorschein. Und von einer Analogie der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau zu der Liebe in Gott kann schon deshalb keine Rede sein, weil die Dreifaltigkeit für Muslime an Götzentum grenzt. Dennoch ist der Beziehungsansatz für einen Dialog brauchbar. Über ihn könnte man Gemeinsamkeiten, die in der Natur des Menschen liegen, herausarbeiten.

Sympathisch war das leidenschaftliche Plädoyer Farouqs gegen die Diktatur des Relativismus im Westen. Man erkenne keine Wahrheiten mehr an. Das Problem seien nicht die unterschiedlichen Interpretationen des Koran, sondern, dass man überhaupt keine Deutungen mehr anerkenne. Das entspricht durchaus dem Wort von Benedikt XVI., das er als Kardinal ausgesprochen hatte: Der Verzicht auf die Suche nach der Wahrheit ist der Kern der heutigen Krise. Nur ist auch hier der Unterschied zum Islam deutlich: Die Christen sind auf der Suche nach der Wahrheit in der Gewissheit, dass es sie gibt. Der Islam glaubt sich im Besitz der Wahrheit und beurteilt von diesem Gesichtspunkt aus Menschen und Welt.

Einen letzten Höhepunkt erlebten die Teilnehmer im Pontifikalamt. Abgesehen davon, dass ein Pontifikalamt immer ein Höhepunkt ist, erläuterte Bischof Gregor Maria Hanke den katholischen Standpunkt angesichts der derzeitigen Verwirrung und „Haltlosigkeit“ im Bereich von Ehe, Person und Geschlecht. Hanke fragte geradezu prophetisch: Was wird aus der christlichen Liebe, wenn es nur fließende Identitäten gibt? Wie kann ich den anderen annehmen, wenn ich nicht einmal mich selbst annehme und definieren kann? In der Suche auf Antworten im Sinne der „Schönheit des Schöpfungsplans“ sei dieser Kongress „keine Kampfveranstaltung“. Gott selber sei der „Autor der Theologie des Leibes“ und auch sein Verwirklicher, denn „das Wort ist Fleisch geworden“. Und „wo Gott gegenwärtig wird, wird es leiblich und sakramental“. Deshalb sei die „christliche Hoffnung auch keine Projektion, sondern getränkt von Erfahrung“. Und zwar nicht nur als individuelle Erfahrung, „Liebe ist keine Privatangelegenheit“. Auch hier wieder: Viel Stoff für einen weiteren Kongress, den sich alle Teilnehmer ausnahmslos wünschen.