Das Leuchten des Heiligen Grabes

Andreas Knapp erzählt Geschichten gegen den Tod und fasst die Kraft der Auferstehung Jesu neu ins Wort. Von Kordula Kranzdorf

Anderen ein Licht aufzustecken über das Geheimnis von Tod und Auferstehung gelingt Andreas Knapp in seinen Texten ebenso... Foto: KNA

Niemand war dabei gewesen, als es passierte. Allein das leere Grab und der weggewälzte Stein gaben Zeugnis davon, dass etwas anders sein musste, dass es ein davor und ein danach gab – Tod und Auferstehung. Während aber der Tod Jesu fassbar war, so unfassbar war seine Auferstehung. Frauen stehen vor dem leeren Grab, Jünger machen einen Wettlauf dorthin und zwei andere wiederum treten angesichts der Ereignisse betrübt den Rückzug nach Hause an. Eindrücke der Auferstehung versuchen die Evangelisten einzufangen, um uns einen Eindruck zu geben, was Jesu Auferstehung bedeutet. Seit Jesu Auferstehung haben immer wieder Christen versucht zu verstehen und anderen verständlich zu machen, was dieses Ereignis bedeutet. Die Auferstehung Jesu lässt sich nicht einfach festhalten, immer wieder muss sie übersetzt werden.

Wie das heute aussehen kann, zeigt Andreas Knapp in seinem neuen Buch „Das Ende vom Ende. Geschichten gegen den Tod“. Andreas Knapp ist Priester, Poet und Saisonarbeiter zugleich, ein kleiner Bruder Jesu und Arbeiter mit Hand und Herz. Sprachgewandt knüpfen die in diesem Band vereinten Kurzgeschichten und Gedichte an die biblischen Berichte der Auferstehung Jesu an. So begegnet der Leser den Soldaten, die am Grab Wache halten, Johannes und Maria in den Stunden nach der Kreuzigung oder Maria Magdalena und einem Gärtner.

Der Autor nimmt die biblischen Bereiche als Anknüpfungspunkt für seine Erzählungen, wie zum Beispiel die der trauernden Maria Magdalena am leeren Grab, die von einem Gärtner gefragt wird „Warum weinst du?“. Aber anders als in der biblischen Auferstehungserzählung ist es nicht Jesus, dem sie begegnet, sondern ein Fremder, der sie wiedererkennt, weil auch er einst in der Nacht bei ihr eingekehrt war. Ein Gespräch entwickelt sich zwischen den beiden, der Tonfall ist zuerst rau, doch dann beginnt der Fremde ihr sein Leid zu klagen – bis er das geöffnete Grab sieht. Nun erzählt Maria Magdalena von ihrem Leben und der Veränderung durch Jesus. Der Fremde fühlt mit ihr, will ihr tröstend beistehen, was Maria Magdalena mit einem „Fass mich nicht an!“ entgegnet. Zunächst irritiert ihr Ausruf, aber dann wird dem Leser klar, dass hier ein Rollentausch stattgefunden hat. Maria Magdalena ist es, die von ihrer Auferstehung Zeugnis gibt: „Ich war wie tot. Aber dann lebte ich neu auf. Ich spürte in seiner Nähe eine Würde, die ich vorher nicht gekannt hatte: Ich war angenommen und anerkannt.“ Auch der Fremde fasst angesichts ihrer Worte neuen Mut für sein Leben. Bevor er Maria Magdalena zu den anderen Jüngern Jesu folgt, fällt ein letzter Blick von ihm auf das leere Grab, das wie von innen zu leuchten scheint. Etwas Neues hat begonnen. So ist es der Fremde, der sich zu Maria umdreht und ihr mit der Stimme eines Auferstandenen „Maria!“ zuruft.

Der Autor greift Vertrautes auf, spielt mit unerwarteten Wendungen und komponiert auf diese Weise eine weitere Auferstehungsgeschichte mit den bekannten Personen. Ihm sind die biblischen Texte zutiefst vertraut und er schöpft aus diesem reichen Schatz. Immer wieder legt er Sätze aus dem Neuen Testament in den Mund seiner Figuren. Dem bibelkundigen Leser fällt dies natürlich auf und Verbindungen entstehen, denn Knapps Kurzgeschichten spielen nicht nur in der biblischen Zeit. Er verlegt sie in unsere Tage und trotzdem denkt der Leser fast unwillkürlich an das Ende des Johannesevangeliums, wenn von den zwei Fischern Pit und Jan erzählt wird, die das Netz noch einmal auswerfen, damit der Fischfang gelingt und ebenso, wenn die magersüchtige Nadine am Ende der Erzählung nach Hause zurückkehrt und ihre Eltern fragt: „Habt ihr etwas zu essen?“. Die biblischen Anklänge sind für den kundigen Leser offensichtlich und dennoch hat es etwas Faszinierendes, diese in Erzählungen zu entdecken, die in unseren Tagen spielen, vielleicht direkt neben unserer Haustüre. Andreas Knapp möchte genau darauf in seinem Buch hinweisen: Auferstehung ist nicht ein für allemal erzählt. Sie geschieht heute und kann heute erzählt werden.

Es ist ein Verdienst des Autors, dass sowohl seine Erzählungen als auch die Gedichte in heutiger Sprache anschaulich und ansprechend verfasst sind. Der begnadete Geschichtenerzähler braucht sich nicht leerer Worthülsen oder frommer Formulierungen zu bedienen, sondern wagt es, mit der heutigen Sprache zu spielen und den Leser damit zu konfrontieren. Er belässt das Glaubensbekenntnis zum Tod und der Auferstehung Jesu nicht in vagen Formulierungen, sondern arbeitet jeweils ein klares Bekenntnis seiner Figuren heraus. Dennoch ist es auch für sie ein Weg zu dieser Erkenntnis und zum Bekenntnis. Zweifel auf diesem Weg haben daher ebenso ihren Platz in den Erzählungen, wie das Vertrauen auf die Kraft der Auferstehung Jesu und die Verheißung, die dahintersteckt. Seine Erzählungen beleuchten auf diese Weise authentisch verschiedene Aspekte von Auferstehung und der Blick richtet sich nicht nur in die Vergangenheit, sondern er stellt die Frage nach dem Weiterwirken Jesu bis hinein in unsere Tage, unsere alltägliche Lebenswelt. Dies gelingt Andreas Knapp in den Auferstehungsgeschichten, die kurzweilig, spannend und einfühlsam entwickelt werden, ebenso wie in den jeweils darauffolgenden Gedichten, die wie eine Blickverdichtung die Erzählungen vertiefen. Dieses Wechselspiel von Prosa und Lyrik ermöglicht es, die Erzählungen nachklingen zu lassen und noch einmal einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Durchaus kritische Töne finden darin auch ihren Platz, wie im Gedicht „Helena“. Diesem vorausgegangen ist die Erzählung, wie die Kaisermutter Helena die Grabstätte und das Kreuz Jesu hat suchen lassen, um an jenem Ort eine Kirche zu erbauen. Es ist ihr gelungen, ihr Plan ist in Erfüllung gegangen und das ist der Anlass auch für ein ernstes Wort, was auch uns heute zu denken geben kann: „du ließest für das wahre Kreuz eine Kirche mächtig groß errichten/ die wahre Kirche aber konstruiert man nicht/ sie wird erbaut durch den Gekreuzigten allein“.

Insgesamt bieten die Kurzgeschichten und Gedichte eine weite Spannbreite, um vom Ende des Endes zu erzählen. Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas gelingt es Andreas Knapp auf erfrischend einfache und einfühlsame Art und Weise von Auferstehung zu erzählen. Das Buch ist so eine Einladung, sich auf biblische Erzählungen, auf Stationen von Kirchengeschichte und theologische Aussagen einzulassen. Die Geschichten und Gedichte machen Mut, die Kraft der Auferstehung Jesu für das eigene Leben neu zu entdecken und den Glauben daran in der Gegenwart zu verankern.

Andreas Knapp: Das Ende vom Ende. Geschichten gegen den Tod. Echter, Würzburg, 2016, xxx Seiten, ISBN 978-3-42903918-9, EUR 14,90