10.02.2016 14:40

Die Sonntagslesung: Der neue Adam besiegt den Teufel

Zu den Lesungen des ersten Fastensonntags 2016

(Lesejahr C) von Manfred Hauke

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Dtn 26, 4–10; Röm 10, 8–13; Lk 4, 1–14

Mit dem Evangelium des ersten Fastensonntags führt die Liturgie die Gläubigen stets zur Begegnung mit Jesus, der in der Wüste die Versuchungen des Bösen überwindet. Es ist eine Szene, in der sich das Ganze der Sendung Jesu abspiegelt wie in einem Brennpunkt. Eine Szene, die sich zugleich öffnet für unser eigenes Leben.

Die Versuchung durch den Teufel erinnert an die bildhafte Erzählung des Alten Testamentes von der ersten Sünde im Paradies (vgl. Genesis 2–3). Verführt von der „Schlange“, essen die Stammeltern von der verbotenen Frucht des Baumes „der Erkenntnis von Gut und Böse“. Schon der Name des Baumes weist darauf hin, dass es hier nicht um eine harmlose Nascherei geht, sondern um eine Entscheidung gegen Gott: Autonom will der Mensch selbst bestimmen, was Gut und was Böse ist. Die „Schlange“ sät Misstrauen gegenüber dem gütigen Gott, der den Menschen geschaffen hat und es duldet, dass sein Geschöpf auf die Probe gestellt wird: „Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Gen 3, 4–6).

Der Genuss der verbotenen Frucht ist verbunden mit dem vermessenen Angebot an die Stammeltern, „wie Gott“ zu sein. Dabei versucht der Teufel, den Menschen in die Sünde hineinzustürzen, durch die er selbst gefallen ist. In der Offenbarung des Johannes lesen wir von dem „Kampf“ zwischen Michael und seinen Engeln gegen den „Drachen“, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden auch seine Engel hinabgeworfen“ (Offb 12, 9). Der Name „Michael“, der schon im Prophetenbuch Daniel auftaucht (Dan 10, 12–21; 12, 1), bedeutet „Wer ist wie Gott?“ Der Name spielt an auf die Macht Gottes, dem Bösen Einhalt zu gebieten, deutet aber auch auf die Sünde des Hochmutes, die den Teufel bewegte.

Der heilige Basilius, der Verfasser der bis heute gültigen Lebensregeln für die Klöster des byzantinischen Ostens, schreibt: „Das Fasten … ist so alt wie das Menschengeschlecht, schon im Paradiese wurde es befohlen“. Der Mensch führte eine den Engeln ähnliche Lebensweise und war (so meint es jedenfalls der kappadozische Kirchenvater) leiblicher Speise gar nicht bedürftig. Die Ursünde bestand nun darin, die Sinnenlust der Freude an Gott und der Liebe zu ihm vorzuziehen: Adam wurde der göttlichen Güter überdrüssig, und in seinem Übermut „stellte er das, was dem fleischlichen Auge verlockend schien, über die Schönheit der geistigen Welt und achtete die Sättigung des Bauches höher als die geistigen Genüsse“. Satan „konnte unser ungetrübtes Leben im Paradies nicht ertragen, hinterging den Menschen, … zeigte ihm den Baum und versprach ihm vom Genuss der Frucht Gottähnlichkeit“ (De Malo 7–8).

Hochmut und Fixierung auf die Sinnlichkeit sind demnach bei der Ursünde miteinander verbunden. Basilius erwähnt den Einfluss des Teufels, entschuldigt aber keineswegs die Verantwortung der Menschen: „Der Anfang und die Wurzel der Sünde liegt in unserem freien Willen. Es stand ja in unserer Macht, uns vom Bösen zu enthalten; wir aber ließen uns von der Lust zur Sünde verleiten“ (De malo 3). Der Satan kann „von sich aus nicht Urheber einer Sünde sein. Doch er bedient sich der verschiedenen natürlichen Regungen und der verbotenen Leidenschaften“ (Kürzere Regel 75).

Schon die Kirchenväter vergleichen die erste Sünde mit deren Heilung durch das Heilswerk Jesu, der als neuer Adam die Versuchungen des Teufels überwindet. Der heilige Irenäus betont: Durch die siegreich bestandene Versuchung Jesu in der Wüste „ist aufgehoben die in Adam geschehene Übertretung des Gebotes Gottes“. Wie der Teufel „am Anfang durch die Speise den nicht hungernden Menschen verführte, das Gebot Gottes zu übertreten, so konnte er am Ende den hungernden nicht verleiten, die von Gott kommende Speise zu sich zu nehmen“. Der Hochmut der Schlange, von der sich die Stammeltern anstecken ließen, wird besiegt durch Christi Demut (Adversus haereses V, 21, 2). Der heilige Gregor von Nazianz schildert die Versuchung Jesu als erste „Hauptstation“ für die Wiederherstellung des Paradieses: Der Teufel „macht sich mit einer Versuchung an den, der keiner Versuchung zugänglich ist (da er einen zweiten Adam sah in der äußeren Erscheinung des Gottes), um auch diesen zu besiegen. Denn er wusste nicht, dass er auf die Gottheit stoßen würde, wenn er die Menschheit angriffe“ (Oratio 24, 9).

Die erste Versuchung Jesu in der Wüste geht aus, wie im Paradies, von einer Speise: Nachdem der Herr vierzig Tage gefastet hat, ohne etwas zu sich zu nehmen, hungert ihn. Daraufhin lädt ihn der Teufel ein: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot“ (Lk 4, 3–4). Der Evangelist Lukas zitiert nur den ersten Teil des Satzes aus dem Deuteronomium, den Matthäus hingegen vollständig ausführt: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4, 4; vgl. Dtn 8, 3). Der biblische Text stellt nicht in Frage, dass der Mensch in dieser Welt auch vom Brot lebt, aber er betont die vorrangige Bedeutung der geistigen Speise des Wortes Gottes.

In der Fastenzeit antworten wir besonders intensiv auf den Ruf Jesu zur Umkehr und Buße, der seine Predigt kennzeichnete: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15) Den Ruf zur Buße setzt der hl. Basilius an den Beginn seiner Lebensregeln aus der Heiligen Schrift (Regulae morales 1). „Anfang“ der Buße aber ist das Fasten, das schon im Paradies praktiziert wurde und wieder dorthin zurückführen soll (De ieunio 1, 3–4; 2, 7). Wir sollen „nicht an der Seele verzweifeln, als könne sie nicht aus den Sünden durch die Buße zur ursprünglichen Unversehrtheit zurückkehren“ (Kürzere Regel 55, 4). Durch die Zähmung der Leidenschaften, wie sie die Mönche vorbildlich betreiben sollen, werden die innere Harmonie und Gottverbundenheit des Ursprungs wieder erreicht. Heilmittel gegen den Stolz sind der Gehorsam (gegenüber den Oberen) und die damit eng verbundene Demut, die das „Hauptrettungsmittel“ ist, um „zum ursprünglichen Zustand zurückzukehren“. Hatte sich doch der Mensch im Paradies eine „erdichtete Erhabenheit“ zugeeignet, die seiner wahren Würde widersprach (De humilitate 1).

Das Zitat aus dem Deuteronomium (dem fünften Buch Mose), mit dem Jesus die Versuchung des Teufels zurückweist, können wir verbinden mit der ersten Sonntagslesung aus dem gleichen biblischen Buch. Darin geht es um die ersten Erträge von den Früchten des Landes, die Gott als Opfer des Dankes dargebracht werden. Gott gebührt die erste Stelle in unserem Leben. Als Begründung für das Dankopfer schildert die Lesung die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei Ägyptens und den Einzug in das verheißene Land, „in dem Milch und Honig fließen“ (Dtn 26, 10). Die Kirchenväter, etwa die berühmte Osterpredigt Melitos von Sardes im zweiten Jahrhundert, sehen in dieser Erinnerung an den Auszug aus Ägypten eine Vorausahnung des Heilswerkes Jesu: Die Befreiung aus der tyrannischen Macht des Pharao entspricht der Erlösung von der geistigen Versklavung durch den Teufel; der Durchzug durch das Rote Meer lässt die Bedeutung der Taufe ahnen, in der wir die Sklaverei verlassen und dem verheißenen Land der neuen Schöpfung entgegengehen. Christus hat den „Pharao“ besiegt. Bevor sie das verheißene Land erreichten, brauchten die Israeliten freilich vierzig Jahre, weil die allermeisten von ihnen auf die Prüfung nicht sehr gut reagierten. Damit wir, in der Kraft Christi, eine bessere Antwort geben auf die Herausforderungen des irdischen Lebens, stellt uns die Kirche Jahr für Jahr in die vierzigtägige Fastenzeit hinein, damit wir durch Gebet, Buße und gute Werke Christus nachfolgen auf seinem Weg, der nach Golgota führt, aber dann in die Herrlichkeit des Ostermorgens einmündet.



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