03.02.2016 15:30

Die Sonntagslesung: Zwischen Alltag und Fest

Zu den Lesungen des fünften Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) von Klaus Berger

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Jesaja 6, 1–8; 1 Korinther 15, 1–11; Lukas 5, 1–11

Jetzt, kurz vor Beginn der Fastenzeit, ist es gut, sich an ein uraltes mariologisches Bild aus dem Protoevangelium nach Jakobus (um 120 nach Christus) zu erinnern: die Muttergottes als junge Frau, die im Tempel ein Altartuch stickt. Sticken ist ein kunstvolles, mühsames Geschäft, zehntausendmal derselbe Handgriff, zugleich hohe Kunst. Alltäglich und zugleich Abbild der Mystik, der Mutter der Wiederholung. Eine wahre Geduldsaufgabe, die auf Monate hin angelegt ist. Luther wird dann ein verwandtes Bild gebrauchen: Maria ist der Webstuhl Gottes. Auch beim Weben geht es um Wiederholung, Warten, Dauer, Treue zum Werk, damit es nicht halbvollendet liegenbleibt.

Paulus gebraucht dieses Bild des Angefangenen, aber Tag um Tag treu und neu Vollzogenen, um die Bedeutung der kleinen Schritte im christlichen Alltag darzustellen: Gott hat den Anfang in uns gelegt, aber Tag für Tag wird der Anfang erneuert, muss er sich erneuern, um dann eines Tages in die Auferstehung zu münden. So sagt es Paulus im zweiten Korintherbrief 4, 1b–18 „Eben deshalb lasse ich mich auch nicht kleinkriegen. Zwar wird mein irdisches Leben nach und nach aufgerieben und zerstört. Doch gleichzeitig wird das, was ich zukünftig sein werde, auf unsichtbare Weise jetzt schon ganz neu in mir begründet und wächst mit jedem neuen Tag. Denn obwohl die gegenwärtige Bedrängnis nur leicht wiegt, hat sie doch schwerwiegende Folgen: unfassbare Fülle ewiger Herrlichkeit. Und der Blick geht nicht auf das, was man sehen kann, denn das ist vergänglich, sondern auf das Unsichtbare, denn das ist ewig.“

Auferstehung ist das große Ziel, die große Umwandlung am Ende, die große Revolution, dass Tote lebendig werden. Aber bis dahin ist Alltag, Wiederholung, treues Dabeibleiben. Geduldsaufgaben wie Sticken, Stricken und Weben. Es ist von unschätzbarem Wert für das Christentum als Orientierung: Das Ziel ist die Auferstehung. Deswegen bin ich Christ. Sonst hätte ich keine Perspektive. Aber was ist bis zur Auferstehung? Was ist deren Bedeutung heute und für uns miteinander?

Typisch christlich ist die Spannung zwischen diesen beiden Terminen: dem unscheinbaren Alltag und dem herrlichen Ende. Wie wenn das mühsam gestickte Altartuch dann eines Tages im Hochamt leuchten darf und noch dazu an der Stelle, an die es gehört. Deshalb ist es gut, das Bild der Auferstehung aus dem ersten Korintherbrief an das Ende der Vorfastenzeit, wie man es früher nannte, zu stellen, damit es uns begleitet durch die alltäglichen Wochen hin. Denn das gewöhnliche Christentum ist so sehr Alltag, dass man fast das Fest am Ende vergessen könnte. Manchen meiner Freunde ist es so ergangen: Sie haben wegen des alltäglichen Drecks das Theologiestudium oder den Priesterberuf aufgegeben. Längst hat diese Krankheit auch auf Nicht-Theologen übergegriffen. Dabei liegt das wirksamste Medikament gegen Frust doch so nahe und wird in jeder Messe gefeiert „bis er kommt in Herrlichkeit“.

Denn in der grauen Fastenzeit unseres Lebens sind wir nicht wirklich allein, nicht wahrhaft ohne den himmlischen Trost. Denn strikt analog zum Ende in Herrlichkeit ist schon so manches unterwegs, das heißt auf dem Weg passiert: Der triste Alltag erfuhr dabei eine Öffnung der Grenzen über alles Sichtbare hinaus.

Nicht anders, so sagt uns Jesus gemeinsam mit den Propheten und Evangelisten, wird es auch am Ende sein: die Plötzlichkeit nach langem Warten und großer Not, das unüberbietbare Leuchten, die umfassende Sympathie Gottes mit der Welt. Und diese drei Dinge, die Plötzlichkeit, das Leuchten und die Sympathie Gottes kennen wir auch von den Wundern, der Verklärung, den Erscheinungen des Auferstandenen, dem Pfingstereignis, der Berufung des Paulus, den Visionen des Sehers Johannes. Und die Fastenzeit wird uns zusätzlich die Wahrheit über uns selbst beibringen, ob wir sie hören wollen oder nicht. Der Blick auf den Gekreuzigten lehrt uns, wie arm wir in Wirklichkeit sind. Sehen geht nämlich über das Hören, heißt es in einer alten orientalischen Liturgie.

Das Grundmuster des Handelns Gottes haben wir oft spätestens mit dem ersten Religionsunterricht in uns aufgenommen. Denn aller Unterricht im Glauben, alle Lehre geschieht zum Zweck des Erinnerns. Dass wir uns im Ernstfall stets erinnern, wie Gott Ernstfälle zu lösen pflegt. Und die Erinnerung allein kann trösten.

Und was die Christenheit und ihr Verhältnis zur Fastenzeit betrifft: Seit mehr als tausend Jahren sprechen alle halbwegs wachen Christen von Kirchenreform „an Haupt und Gliedern“: Fast alles soll durch Reform grundlegend geändert werden, vom Generalvikar bis zur Tanzstunde, von den Öffnungszeiten der Pfarrbibliothek bis zur Erstkommunion. Ich kann es oft nicht mehr hören. Dass wir alles um uns herum stets und baldigst reformieren wollen, ist sicher einer der Gründe für das Absterben der Beichte. Wenn sich alles um uns herum, besonders alles Geistliche, stets nichts wie ändern soll, bleibt für uns persönlich kaum noch etwas übrig. Wenn sich alles ändern soll, bleibt für den Betrachter in der Mitte nur wenig. Er hat sich als König Kunde daran gewöhnt, Änderungs-Anforderungen an alle anderen und alles andere zu stellen.

Für den einzelnen Christen gehört auch jedes Jahr die Summe der Vorsätze zur Fastenzeit hinzu, nach dem Motto: Ab morgen, besser ab übermorgen höre ich auf, bin ich ein neuer Mensch. Nein, der große Vorsatz mit der totalen Veränderung klappt nie. Statt dessen: Veränderung durch kleine Schritte mit gläsernen Bausteinen.

Die gläsernen Bausteine gleichen einer dem anderen, aber ihr Weltbezug entsteht, weil sie für Licht gut durchlässig sind, ohne dass man von den Einzelheiten erschlage wird. Glasbausteine sind Quader aus Glas. Das Wichtigste ist, dass sie gut auf- und nebeneinander gesetzt werden, so sorgfältig, wie man es vordem vom Ofensetzer erwartete. Das wäre, wenn man das Bild fortführen darf, die Rolle der christlichen Alltagsphantasie.

Statt dessen das Bild der Mutter Gottes, die ein schönes Muster auf Seidentuch stickt; die schier endlose Menge der notwendigen kleinen Schritte. Darüber hinaus aber die Ausmaße des großen Ganzen nicht verlieren, wie es uns schon vor allem Anfang vor Augen steht. Auch bei starken negativen Ereignissen ergeht es mir so, wegen derer ich nicht einschlafen kann: Ich denke mir, sie seien aus durchsichtigen Glasbausteinen errichtet, die ich langsam, Stück für Stück abräumen und abbauen kann. Das ist offenbar Menschenmaß. So habe ich mir stets das Menschenmaß vorgestellt, nach dem und mit dem Le Corbusier (1887–1965), der große französische Architekt, Kathedralen wie die von Ronchamps und wohl auch ein Kloster gebaut hat. Steine, keiner größer und schwerer als wie ihn ein Mensch in die Hand nehmen kann, also eben handlich. Wenn man sich die Steine wie gläserne Backsteine vorstellt, dann wird es ein Bau nach Menschenmaß, der aber auf eine Kathedrale des Lichts hinführt. Auch die Offenbarung des Johannes spricht vom Menschenmaß.



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