01.07.2015 14:50

Die Sonntagslesung: Gott im Alltag entdecken

Zu den Lesungen des vierzehnten Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr B) VON MANFRED HAUKE

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Ez 1, 28b–2, 5; 2 Kor 12, 7–10; Mk 6, 1b–6

Das Evangelium des Sonntags führt uns nach Nazaret, in das Heimatdorf Jesu. Dabei werden wir Zeugen einer dramatischen Auseinandersetzung. Die Leute aus Nazaret haben von den Wundern Jesu gehört und von seiner überragenden Weisheit. Diese Nachricht passt aber nicht zu dem Bild, das sie sich von Jesus gemacht haben: Sie kennen ihn als Sohn Josefs, des Zimmermanns, und Marias; er gehört zu einem großen Familienclan, in dem gemäß semitischem Sprachgebrauch auch die Vettern und Cousinen als „Brüder und Schwestern“ bezeichnet werden. Aus diesem vertrauten Rahmen ist Jesus bislang nicht herausgefallen. Deshalb nehmen die Leute aus Nazaret Anstoß an ihm und lehnen ihn ab. Nach dem Evangelisten Lukas haben sie sogar versucht, ihn umzubringen.

Warum ist Jesus, gemäß dem ewigen Plan Gottes, eigentlich in Nazaret aufgewachsen? Es ist ein kleines, unscheinbares Dorf, das erst durch das Neue Testament in den geschichtlichen Quellen auftaucht. Als die ersten Jünger zu Jesus gelangen und Philippus den Natanael einlädt, Jesus aus Nazaret kennenzulernen als den, von dem Mose und die Propheten gesprochen haben, da fragt Natanael: „Kann denn aus Nazaret etwas Gutes kommen?“ (Joh 1, 46) Nazaret spielte keine Rolle im Kräftespiel der Großen, und die Geburt des Messias erwartete man in Betlehem, aber davon wusste Natanael damals noch nichts.

Mit Nazaret ist nicht nur ein unscheinbarer Ort genannt, sondern auch ein jahrzehntelanges Leben unter den gewöhnlichen Umständen der damaligen Zeit in Galiläa. Nach der Geburt Jesu in Betlehem anlässlich der vom Kaiser verordneten Volkszählung mussten Maria und Josef mit dem Neugeborenen vor den Nachstellungen des Königs Herodes nach Ägypten fliehen. Erst nach etwa drei Jahren konnte die Heilige Familie in ihre Heimat nach Nazaret ziehen. Wenn wir die Geburt Jesu um das Jahr sieben vor Christus ansetzen, war das ungefähr um 4 vor Christus. Der Tod Jesu ereignete sich hingegen mit größter Wahrscheinlichkeit am 7. April des Jahres 30, dem drei Jahre vorausgingen, während derer Jesus sich mit der Predigt und den Wundern an die Öffentlichkeit wandte. Mit anderen Worten: Über 30 Jahre lang lebte Jesus ein ganz normales, unscheinbares Leben in Nazaret, während er nur drei Jahre im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand.

Angesichts dieser Tatsache könnte man fragen: Ja, war das nicht eine unnütze Vergeudung von Energie? Wäre Jesus nicht besser in einem Königshaus geboren worden, inmitten der Großen und Mächtigen auf dieser Welt? Warum wächst er in Nazaret auf und nicht etwa in der Hauptstadt Jerusalem? Warum hat er nur drei Jahre gepredigt und nicht zwanzig Jahre? Hätte er mit zwanzig Jahren Verkündigung nicht viel mehr bewirken können?

In der Vorsehung Gottes gibt es freilich keine Zufälle. Auch der Lebensweg Jesu ist von der ewigen Weisheit des himmlischen Vaters umfangen. Jesus teilt ein ganz normales irdisches Leben als Zeichen für sein wahres Menschsein. Natürlich ist er kein gewöhnlicher Mensch, sondern der Mensch gewordene Sohn Gottes. Aber als wahrer Mensch wollte er teilnehmen an dem Alltag als ein Mensch unter vielen anderen, ohne besonderes Aufsehen zu erregen.

Mit seinem Leben in Nazaret hat Jesus auch unseren ganz normalen Alltag geheiligt. Er hat gezeigt, dass wir Gott in den alltäglichen Ereignissen unseres Lebens begegnen können. Dazu gehört unter anderem die tägliche Arbeit. Jesus hat als Zimmermann gearbeitet und dieses Handwerk von seinem Pflegevater Josef gelernt. Ein Zimmermann musste damals (wie heute) mit Holz arbeiten. Im Unterschied zu heute hatten die Zimmerleute nicht nur die Aufgabe der Holzbearbeitung, sondern mussten sich auch als Architekten um den Plan für den Hausbau kümmern. Es war ein normaler, aber ein durchaus anspruchsvoller Beruf. Auch bei uns kann es gelegentlich geschehen, dass wir uns (wie die Leute von Nazaret) über Jesus ärgern. Mitunter verhält sich Gott in seinem geschichtlichen Handeln anders, als wir das von ihm erwarten. Nicht alle Ereignisse der göttlichen Vorsehung werden von uns mit Freude aufgenommen. Wichtig ist freilich, dass wir in allen Wechselfällen an Jesus glauben und an den liebenden Heilswillen des himmlischen Vaters. Die Lehre Jesu, seine Wunder, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung bezeugen uns eine Wirklichkeit, die über das gewöhnliche menschliche Leben unendlich hinausragt. Dieses Hinausragen ist aber ein Hinweis darauf, dass wir auch das verborgene Leben Jesu in Nazaret ernst zu nehmen haben und ebenfalls die unscheinbaren Ereignisse in unserem eigenen Leben.

Im Leben Jesu, wie in jeder frommen jüdischen Familie von damals, wurde der Ablauf des Tages durch das Gebet geheiligt. Jeder Tag wurde gleichsam mit Gebet eingerahmt. Die jüdischen Jungen lernten das gesamte Buch der Psalmen auswendig. Daneben gab es intensive Zeiten des Gebetes, zum Beispiel während der Wallfahrt zum Tempel nach Jerusalem, wobei sich die Heilige Familie über eine Woche lang dem widmete, was wir heute Exerzitien nennen würden, Tage inniger geistlicher Verbindung mit Gott im Gebet. An jedem Sabbat war Arbeitsruhe, und die Bevölkerung besuchte den Gottesdienst in der Synagoge. Dabei wurden sie vertraut mit den Heiligen Schriften und der Überlieferung des Volkes Israel.

Über diesen Alltag Jesu lohnt es sich nachzudenken auch im Blick auf die Außerordentliche Bischofssynode über die Familie im Oktober dieses Jahres. Die Wunden der heutigen Familien können Heilung finden, wenn sich Eheleute und Kinder ausrichten am Beispiel der Heiligen Familie: die mindestens wöchentliche Teilnahme am Gottesdienst (was heute der Sonntagsmesse entspricht), gemeinsames Gebet, tätige Teilnahme an der erprobten Volksfrömmigkeit (mit Wallfahrten, Prozessionen, Andachten …), Sich vertraut machen mit den Schätzen der göttlichen Offenbarung, die von den Zeugnissen des Glaubens eingerahmte Praxis des familiären Alltags.

In der Bergpredigt betont Jesus, dass er nicht gekommen ist, um das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern um sie erfüllen. Auch heute finden wir, gleichsam auf einer höheren Ebene, das Leben der Heiligen Familie von Nazaret. Auch wir sind eingeladen, Gebet und Arbeit miteinander zu verbinden. Auch wir wollen den Tag des Herrn heiligen, den Sonntag, in dem der Gottesdienst der Synagoge und der Opferkult des Tempels zur Erfüllung gelangen: Wir hören das Wort Gottes und feiern die Vergegenwärtigung des Opfers Jesu am Kreuz. So sind auch wir gerüstet, in allen Ereignissen unseres Alltags Gott zu begegnen.



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