24.06.2015 14:40

Die Sonntagslesung: Reichtum bedeutet ewiges Leben

Zu den Lesungen des

13. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B) von Klaus Berger

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Weish 1, 13–15; 2, 23–24; 2 Kor 8, 7.9.13–15; Mk 5, 21–24. 35b–43

Seit seiner Wahl in Rom unterstreicht Papst Franziskus unaufhörlich die Bedeutung der sozialen Frage, das heißt der Nächstenliebe, für das Christentum in der Welt. Damit trifft er ein Kernanliegen, das Jesus und Paulus gemeinsam ist. Allerdings ist bei Paulus die Hinwendung zu den sozialen Nöten des Nächsten in der Welt kein Selbstzweck, sondern sie hat einen eindeutigen massiven christologischen Hintergrund.

Im zweiten Korintherbrief fordert Paulus seine Gemeinde zu einer reichlichen Kollekte auf. Für Paulus bedeutet diese Kollekte deshalb so viel, weil ihre Annahme durch die Judenchristen in Jerusalem besagen würde, dass die Heidenchristen von den Judenchristen als Mitchristen akzeptiert sind. Ganz ähnlich denken wir über die nötige Verbindung aller Christen mit Rom. Wer diese Verbindung nicht hat oder darauf verzichten möchte, „hängt in der Luft“. Denn für Christen gibt es seit Anbeginn nicht nur die senkrechte Bindung nach oben („mein Herrgott und ich“), sondern auch die Querbeziehung der Christen untereinander zu einem apostolischen Zentrum hin. Für Paulus ist dieses Zentrum die judenchristliche Gemeinde in Jerusalem. Gerade daran zeigt Paulus den Weg der Gnade auf.

Paulus spricht hier so von Gnade, dass Gnade sowohl die Zuwendung Gottes zu den Menschen bedeutet als auch die Umsetzung dieser Gnade in das finanzielle Liebeswerk der Gemeinde. Darüber hinaus erwähnt er auch den Dank (charis) an Gott als Antwort auf diese wunderbare Umsetzung und als Ziel des ganzen Prozesses. Paulus nützt daher den ganzen möglichen Bedeutungsspielraum des griechischen Wortes „Charis“ aus, den das deutsche Wort Gnade nicht kennt. Dadurch kann Paulus ganz organisch miteinander verbinden, was für uns oft weit auseinanderliegt und was insbesondere im Streit um die Rechtfertigung die Christenheit über Jahrhunderte in falsche Alternativen gelockt hat. Denn bei Paulus geht es um einen höchst organischen Prozess, der auf wunderbare Weise von Gott ausgeht und wieder bei Gott endet. Dieser Prozess hat folgende Stationen: Gott schenkt dem Menschen seine Gnade, also seine unverdiente und unverdienbare Zuwendung. Das geschieht durch Jesus Christus, und Paulus wird demgemäß diesen Prozess sogleich aus christologischer Perspektive darstellen. Diese Gnade Gottes verwandelt sich, wenn der Mensch ihrem Duktus folgt und ihr nichts entgegensetzt, wenn er sich auf diese Bewegung ganz in der Weise einlässt, dahin, dass er seine Hand öffnet zu einem Liebeswerk, das Paulus nun gleichermaßen Gnade nennt, aber in dem Sinne, dass jetzt der Mensch gibt. Dabei ist der Maßstab für dieses Liebeswerk des Menschen genau der Überfluss, die Grenzenlosigkeit, die ihm zuteil geworden ist. Wie bei dem unbarmherzigen Sklaven nach Matthäus 18: Der Sklave, der Barmherzigkeit empfangen hat, soll diese Barmherzigkeit weitergeben an seinen Mitsklaven. Tut er das nicht, so war alles umsonst. Alles liegt im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums wie im zweiten Korintherbrief daran, dass der Mensch diesen Fluss, der von Gott her kommt und von dem Gott will, dass er weiterfließt, nicht blockiert, dass er nicht einen Damm baut und die empfangene Zuwendung Gottes nicht in sich versickern lässt. Genau das wäre nämlich „Sünde“.

Das dritte Stadium dieses Prozesses besteht darin, dass dieser Kreislauf sich bei Gott wieder schließt: Die durch die Gabe der Gemeinde in Korinth bedachten Judenchristen in Jerusalem werden Gott danken. Auch hier wieder dasselbe Wort „charis“, das hier bedeutet: Dank gegenüber Gott.

Im zweiten Korintherbrief wird nun dieser Vorgang „christologisch“ begründet, also aus der Perspektive der Vermittlung des Heils durch Jesus Christus: „Jesus Christus ist uns auf diesem Weg des Gnadenwerkes vorangegangen: Er war reich an unzerstörbarem göttlichen Leben und ist um euretwillen arm, nämlich ein sterblicher Mensch, geworden. So solltet ihr dadurch, dass er arm geworden ist, reich werden, das heißt: ewiges Leben erlangen.“

Er hat die „Gestalt Gottes“, ist „Gott gleich“, kennt „die Sünde nicht“, ist „reich“, ist der „Sohn (Gottes)“. In einer zweiten Stufe verzichtet Jesus auf diesen Status und wendet sich dem genauen Gegenteil zu, nämlich dem Bereich, in dem die Menschen wohnen. Das heißt: er nimmt die Gestalt eines Sklaven an, wird sterblicher Mensch und gehorsam oder lernt Gehorsam, wird arm.

In einem dritten Schritt wird nun entweder Jesus wegen dieser Selbsterniedrigung erhöht und verherrlicht, oder – und das interessiert uns hier – Menschen werden nun gerade des Gutes teilhaftig, auf das Jesus bei der Menschwerdung oder als der gehorsame Gesandte verzichtet hatte. Das geschieht offenbar so: Genau das, auf das Jesus verzichtet hatte, steht nun für die Menschen zur generellen Verteilung zur Verfügung. Wir fragen: Was ist denn der Reichtum, auf den Jesus verzichtet hat und der nun allen Christen zuteil werden kann? Worin können hier Reichtum und Armut bestanden haben? Der Reichtum, der hier genannt ist, bedeutet offensichtlich die Fülle des göttlichen Lebens.

Die Armut ist gegenüber der Fülle die Begrenztheit, also Sterblichkeit. Jesus gab die Fülle auf, er wurde sterblich zugunsten der anderen Sterblichen. Dadurch können jetzt die anderen reich werden, die zuvor arm waren. Reichtum ist demnach die Fülle unzerstörbaren Lebens, Armut die Begrenztheit sterblichen Lebens. Jesus hat seinen Reichtum zur Verteilung zur Verfügung gestellt. Wir kennen das von der alten Präfation zum Fest der Erscheinung des Herrn (6.1.) „Weil dein Eingeborener in der Gestalt unseres sterblichen Fleisches erschienen ist, hat er uns so in seiner neuen, lichtvollen Unsterblichkeit wiederhergestellt.“ In dieser Präfation steht daher die „Gestalt des sterblichen Fleisches“ dem „Licht seiner Unsterblichkeit“ gegenüber. Hier stehen also Sterblichkeit und Unsterblichkeit an der Stelle des paulinischen Gegensatzes von Armut und Reichtum.

Aber wie können dadurch, dass Jesus auf etwas verzichtet, andere in den Genuss dieses von ihm aufgegebenen Gutes gelangen? In der Patristik und im Mittelalter hat man an das Bild des Tausches gedacht: Jesus Christus erscheint in der Welt und sagt: Tausche Unsterblichkeit gegen Sterblichkeit. Und die Menschen sagen: Tausche Sterblichkeit gegen Unsterblichkeit. Diesen Tausch hat man „glücklichen Tausch“ genannt. Was war die Motivation? Sie kann nur Liebe und der Wille zur Gemeinschaft gewesen sein. Aber wie kann ich verhindern, dass mich immer wieder etwas daran hindert, die empfangene Gnade und Fröhlichkeit als Gebefreudigkeit weiterzugeben?

Ist es nicht der Besitz, der mein Herz bindet – paulinisch: die Begierde, durch die die Sünde über mich herrscht –, und es automatisch am sinnvollen Leben hindert? Die Besitzgier und die Gewöhnung daran lässt die Sinnfrage gar nicht bis ins Bewusstsein dringen. Paulinisch gesagt: Das verfehlte Leben, die Sünde, hat uns durch das, was wir haben, im Griff. Der Verzicht auf Besitz beziehungsweise das Überwinden der Begierde ist überhaupt keine menschliche Möglichkeit. Der einzige gleichstarke Gegenimpuls gegen das Begehren ist die Liebe zu Gott mit analogem Totalanspruch, nämlich „von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller deiner Kraft“.



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