20.05.2015 14:50

Der Geist bewegt die Kirche

Zu den Lesungen des

Pfingstsonntags 2015

(Lesejahr B) VON MARTIN GRICHTING

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Apg 2, 1–11; Gal 5, 16–25; Joh 20, 19–23

Der britische Schriftsteller Gilbert K. Chesterton erzählt einmal von einem etwa vierjährigen Jungen, mit dem er in einem Park spazieren ging. Ein starker Wind rauschte durch die Bäume und blies dem Kleinen ins Gesicht, was ihm gar nicht gefiel. Der Kleine musste wegen des Sturms sogar die Augen schließen. Dann nahm der Wind dem Knaben auch noch den Hut weg, auf den er so stolz war. Da beklagte er sich lautstark und sagte: „Warum nimmst Du nicht die Bäume weg, dann wäre doch kein Wind mehr da!“

Chesterton bemerkt dann dazu: „Nichts wäre entschuldbarer als der Glaube, dass es die Bäume sind, die den Wind machen. Ja, die Meinung ist so allgemein menschlich und entschuldbar, dass sie, nüchtern betrachtet, den Glauben von ungefähr 99 Prozent aller Philosophen, Reformer, Soziologen und Politiker des großen Zeitalters ausmacht, in dem wir leben. So glich mein kleiner Freund in der Tat sehr den führenden modernen Denkern, nur mit dem Unterschied, dass er viel liebenswerter war als sie.“

Man müsste sich schon anstrengen, wenn man in diesem Zusammenhang nicht auch an die Kirche denken wollte. Glauben nicht auch in der Kirche viele „Reformer“, Soziologen und Macher, die Bäume machten den Wind, wir würden die Kirche schon voranbringen, wir würden alles bewegen? Zugegeben: Dieser Trugschluss wird uns heute leicht gemacht. In unserer Erfahrungswelt gilt ja das „Credo“, dass nur der Mensch und sein Tun zählen. Und so begegnen wir in dieser von Technik geprägten Welt kaum noch dem Schöpfer, sondern eigentlich immer nur dem Menschen. Unser Denken und Handeln ist deshalb von Machbarkeit geprägt. Gewissheit ist nur noch die Gewissheit der Naturwissenschaftler. Und darum richtet sich die Frage nach der Bestimmung des Menschen heute auch nicht auf den nicht mehr in Erscheinung tretenden Gott, sondern auf das Können des Menschen, der zum Ingenieur seiner selbst wird, wie es Joseph Ratzinger einmal treffend festgestellt hat.

Dieses Denken prägt heute bei vielen auch die Sichtweise auf die Kirche. Davon dürfen wir uns jedoch nicht anstecken lassen. Für uns gilt, was das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ über die Kirche lehrt: „Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (Nr. 8). Die beiden Dimensionen dieser komplexen Wirklichkeit sind dabei nicht gleichzeitig und gleich bedeutsam, denn die Kirche hat nur ein sichtbares Außen, weil sie zuerst ein geistliches Innen hat. Ihr Lebensprinzip ist Christus, der ihr durch seinen Geist das Leben gibt.

Wenn wir die Lesungen und das Evangelium des Pfingstfestes betrachten, dann sehen wir den Grund dafür. Aus einer Gruppe verstörter Jünger wird die Kirche erst durch die Gegenwart des Auferstandenen. Die Orientierungslosigkeit und Resignation der Jünger nach der Kreuzigung des Herrn wird nicht im gruppendynamischen Prozess überwunden, sondern durch die Gegenwart des auferstandenen Herrn. Das Evangelium sagt es uns deutlich: Durch die Gegenwart des Herrn kommt Lebendigkeit und Mut in die Jünger. Durch Jesu Gegenwart werden sie von Freude erfüllt. Und durch das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten findet die Kirche dann die Sprache, damit sie missionarisch werden und zu allen Völkern gehen kann – bis zum heutigen Tag. Nur von diesem heiligen Ursprung her wird verständlich, was die Kirche ist. Sie ist Initiative Gottes, ja Neuschöpfung Gottes durch seinen Geist. Wie der Schöpfer der ersten Menschheit den Lebensatem eingehaucht hatte, so haucht Christus der zweiten Menschheit den Heiligen Geist ein und schafft damit die Kirche, das neue Volk Gottes. Das aber bedeutet: Der Geist Christi ist die Seele der Kirche, er ist das innere Leben der Kirche. Oder in unserem Bild ausgedrückt: Nicht die Bäume machen den Wind, sondern diese werden von jenem bewegt und durchströmt.

Für das alltägliche Leben der Kirche hat das eine Reihe von Konsequenzen. Eine wesentliche zieht der Evangelist Johannes gleich selbst, indem er die Worte des Auferstandenen festhält, die dieser an die Jünger richtet. Nachdem die Apostel den Geist Gottes empfangen haben, spricht Jesus: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“. Die Kirche des Geistes ist demnach nicht Anarchie, sondern zuerst einmal die Kirche der Umkehr. Der Auftrag der Kirche ist es, die Menschen mit Gott zu versöhnen, die Versöhnung, die Christus am Kreuz durch seine Hingabe gewirkt hat, in die Welt hinauszutragen. Daran erinnert uns auch die zweite Lesung aus dem Galaterbrief. Sie fordert diejenigen, welche vom Geist Gottes erfüllt worden sind, dazu auf, sich vom Geist leiten zu lassen und dem Begehren des Fleisches, des alten Menschen, zu widerstehen. Der Dienst der Versöhnung, welcher der Kirche am Tag ihrer Geburt durch den Sturm des Heiligen Geistes aufgetragen wird, muss die welken Blätter am Baum der Kirche fortwehen. Der Geist Gottes reinigt so die Kirche, uns alle, damit wir wirklich an ihrem Aufbau mitwirken können. Nur wenn wir diese erste Konsequenz der Geistsendung im Leben der Kirche, in unserem Leben, haben Gestalt annehmen lassen, kann dann unser Mittun mit dem Geist Gottes Wirksamkeit erlangen, die über Effekthascherei und Menschenwerk hinausgeht.

Wenn wir diesen Umkehrruf an uns und die Welt richtig verstanden haben, dann entdecken wir auch die Dynamik, den „Aufbruch“, der darin enthalten ist. Dann sehen wir auch, dass das Bild vom Wind und den Bäumen seine Grenzen hat: Nicht mehr eingewurzelt sollen wir sein, nicht mehr in die Enge eines selbst gezimmerten Kircheseins eingeschlossen sollen wir sein. Nein, wir sollen in die Welt hinausgehen. Denn wir bleiben gerade dann zusammen, wenn wir hinausgehen und der Welt – vom Geist Gottes erfüllt – mutig das mitteilen, was wir empfangen haben. Die Jünger haben, ausgehend vom Abendmahlssaal, ausgehend vom Pfingsttag in Jerusalem, der ganzen Welt Christus gebracht. Sie haben die Welt umarmt, um ihr kräftig christliches Pneuma einzuhauchen. Lassen wir uns nicht von der Welt umarmen, bis uns der letzte Schnauf ausgeht! Das ist gerade die von Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ geforderte „missionarische Entscheidung“ (Nr. 27). Sie bewahrt die Gläubigen vor einer „Art Besessenheit, so zu sein wie alle anderen“ und vor einer „Art Minderwertigkeitskomplex, der sie dazu führt, ihre christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verbergen“ (Nr. 79).

Nicht die Bäume machen den Wind, sagten wir. Nicht wir machen die Kirche. Das müssen wir gegen den äußeren Anschein immer wieder begreifen und leben, dann wird auch die Kirche wieder froher. Und es ist heute immer noch dieselbe Kirche, an der sich damals das Pfingstwunder ereignet hat. Es ist heute immer noch derselbe Geist wie damals, der die Kirche durchweht. Und wir? Lassen wir uns noch genauso begeistern von dem Geist, der die Jünger an die Grenzen der Erde geführt hat?



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