29.04.2015 14:30

Die Sonntagslesung: Mit Gott die Angst überwinden

Zu den Lesungen des fünften Sonntags der Osterzeit

(Lesejahr B) von Klaus Berger

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Apg 9, 26–31; 1 Joh 3, 18–24; Joh 15, 1–8

Der Satz „Gott ist größer als unser Herz“ läuft bei antikirchlicher Auslegung drauf hinaus: Gott ist großzügiger als wir: In Fragen der Rechtgläubigkeit oder danach, was Sünde ist, sei Gott weitherziger als wir Menschen. Heißt doch der folgende Satz im dritten Kapitel des ersten Johannesbriefs sogleich: „Und er (sc. Gott) erkennt alles“.

Gott sehe also auch alle familiären, situativen und kulturellen, vor allem aber die psychologischen Bedingungen, unter denen ein Mensch gehandelt habe und sei daher eben weitherzig. Und wenn neuere Ausleger zur Allwissenheit Gottes hier auch die soziologischen und psychologischen Bedingungen rechnen, dann spiegelt sich darin nur die zeitgenössische Diskussion um die Ermäßigung von Schuld. Mir scheint dagegen die ganz gegenläufige einhellige Deutung der Alten Kirche und fast des gesamten Mittelalters eindeutig im Recht zu sein.

Im Grunde würde sonst hier Gott zu dem gemacht, was ein aufgeklärter, jeglichen konkreten Strukturen und Geboten, eben auch einer klaren Auskunft über Sünde gegenüber feindlicher soziologisch und psychologisch gebildeter „netter“ Seelsorger gerne sein möchte: sanft und verstehend, am liebsten jede Schuld wegdeutend. So soll die Allwissenheit Gottes sein, und so möchte auch bisweilen ein moderner Seelsorger wirken.

Regelmäßig wird dieser Satz dann in Zusammenhang gebracht mit dem anderen Satz aus dem ersten Johannesbrief, wo es heißt: „Gott ist die Liebe“: Und dieses Gemisch wird dann so verstanden, als sei Gott in der Frage der Wahrheit unendlich großzügig und gutmütig.

Dagegen gilt: „Wir Christen wissen wohl, dass Gott die Liebe ist. Aber das heißt nicht, dass Gott nach unserer Flöte tanzt und nur dazu da ist, uns ein paar feierlich-religiöse Schauer zu erregen, sondern Liebe Gottes heißt, dass Gott uns mitten aus dem Gericht der Gottferne, mitten aus der Gottwidrigkeit und dem Abgrund herausholt, weil er trotz allem unser Vater bleiben und uns die Treue halten will. Liebe Gottes ist deshalb keine harmlose Gutmütigkeit, sondern ein Wunder.“

Dagegen soll die Auslegung auf Gottes Gleichgültigkeit gegenüber „Dogmen“ und „Schuld“ am Ende oft ein liberal-individualistisches (Nicht-)Kirchenbild stützen, das von vornherein zwischen Liebe und Verbindlichkeit, wo immer es möglich ist, einen Gegensatz annimmt.

Verzichtet man darauf, so ergibt der Lesungstext aus dem ersten Johannesbrief folgenden Sinn: Herz und Gewissen sind hier beinahe bedeutungsgleich. Gegenüber allen Anklagen des Herzens (also: gegen alle Regungen des schlechten Gewissens) sind wir in dem umfassenden Wissen Gottes über uns geborgen. Denn dass Gott alles, auch das Wollen und Denken unseres Herzens, weiß, bedeutet eben nicht totale Kontrolle. Vielmehr sagen alle biblischen Texte über Gottes Vorherwissen immer nur dieses: Der Mensch kann darin geborgen sein, er soll keine Angst haben. Dass Gott alles über den Menschen weiß, mindert gerade nicht dessen Verantwortlichkeit oder „Freiheit“, sondern begleitet diese wohltuend und ermöglicht sie erst. Diese Begleitung erinnert auch ein wenig an die Schutzengel-Vorstellung. Oft ist Liebe mit Angst verbunden. Wo Gott aber darüber wacht, braucht der Mensch keine Angst zu haben.

Wie 3, 23 sagt, hat im Doppelgebot der Liebe, das dort zitiert wird, stets das Gottesverhältnis den Vorrang. So kennt das Christentum auch im ersten Johannesbrief eine Priorität der Wahrheit vor der Liebe. Daher bemerkt der heilige Augustinus zu dieser Stelle: Jeder also, der die Bruderliebe hat und sie vor Gott hat, da, wo Gott sieht, und dem sein Herz, in strenger Prüfung befragt, nichts anderes antwortet als dass dort die wahre Wurzel ist, aus der die guten Werke erblühen, hat Zuversicht zu Gott, und alles, um was er ihn bittet, wird er von ihm empfangen, weil er seine Gebote hält.“

Auch Benedikt XVI. geht es in seinem Rundschreiben („Gott ist die Liebe“) um die Frage, was das Unterscheidende der christlichen Liebe sei. Er möchte dabei den „heidnischen“ Eros, also die allgemein menschliche Sehnsucht nach Liebe in eine positive Beziehung zur christlichen Liebe (Agape, caritas) setzen. Nach dem gleichen Modell möchte der Papst auch Glauben und Vernunft so zueinander bringen, dass durch den Glauben die Vernunft gereinigt und geheilt wird. So soll es nun auch bei Eros und Liebe sein: Die Sehnsucht, besonders das sexuell bestimmte Bestreben der Menschen zueinander, wird durch den christlichen Glauben nicht zerstört, sondern zu seiner Reife geführt und so erst eigentlich menschlich und nicht bloße Triebbefriedigung. Nur die Liebe bewahrt den Eros davor, lediglich raffgierig und Menschen zerstörend zu wirken. Genau das christlich Neuartige am dritten Kapitel des ersten Johannesbriefs wird so erkennbar: Und dieses kann die neu-heidnischen Formen von Eros, Sehnsucht, Begehren und Sexualität heilen und gesund werden lassen. Denn der Glaube ist weder leib- noch vernunftfeindlich. Und das Christentum ist nicht sexualfeindlich, sondern die Gnade vollendet die Natur. Und die Angst darf fehlen. Zu den christlichen Neuheiten gehört auch, dass in diesem Zusammenhang gesagt wird, Gott habe seinen heiligen Geist den Menschen geschenkt.

Der Heilige Geist, von Gott gegeben, macht Jesus zum Christus und wirkt im Christen die Liebe. Er ist also eine auf drei Stationen verteilte gemeinsame Präsenz Gottes. Bei der Liebe ist es entsprechend: Sie wirkt in den Christen, sie steht hinter der Sendung Jesu und sie ist mit Gott identisch, so wie das eben auch auf den Heiligen Geist zutrifft.

Der Satz „Gott ist größer als unser Herz, denn er weiß alles“ kann sich aus folgenden Gründen nicht auf die Weitherzigkeit Gottes beziehen: Dass Gott die Herzen erkennt (Kardiognosie), ist ein fester theologischer Topos. Gemeint ist, dass Gott lückenlose Klarheit über jeden Winkel des Herzens besitzt, denn er ist Schöpfer und Richter. Ein gnädiges Hinwegsehen über menschliche Schuld ist mit diesem Topos jedenfalls nicht gemeint, auch nicht, dass Gott die Grenzen des Bekenntnisses gleichgültig sind. Und der einzige Weg, ein nicht verurteilendes, sondern freimütiges Gewissen zu haben, besteht nach dem ersten Johannesbrief darin, Gottes Gebote zu halten. Dann und nur dann verurteilt das Gewissen nicht. Deshalb lautet die meines Erachtens angemessene Übersetzung von 3, 20 „Gott ist größer als unser Herz für den Fall, dass unser Herz uns verurteilt. Denn Gott weiß alles.“ Gott ist der Größere, weil er die Dinge genauer kennt als jedes Herz. Wenn unser Herz uns aber nicht verurteilt, dann können wir freimütig vor Gott treten, und das Erbetene empfangen wir von ihm, denn wir halten seine Gebote und tun, was ihm gefällt.

„Gott ist die Liebe“ sagt nichts über die Schwammigkeit oder Konturenlosigkeit des Glaubens. Im vierten Kapitel des ersten Johannesbriefs äußert sich die Liebe in der Sühne für die Menschen, die Jesus leidet – ein Punkt, der der liberalen, deistischen Auslegung am allerwenigsten passt. Und dann ist sogleich vom Tag des Gerichtes die Rede, auch wenn es nicht um die Angst vor dem Gericht, sondern um deren Überwindung geht.



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