25.03.2015 15:30

Die Sonntagslesung

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Am Palmsonntag liegen die vierzig Tage der österlichen Bußzeit hinter uns; wir treten in die Karwoche ein. Das Evangelium für den Palmsonntag ist das Evangelium der Karwoche. Man könnte es in Abschnitte aufteilen und auf die einzelnen Tage der „Heiligen Woche“ verteilen. Aber die Ordnung der Kirche will es so, dass das ganze als Einheit gelesen und gehört wird. Das ist auch gut so. Auch die großen Passionsoratorien, etwa die Passionsoratorien von Johann Sebastian Bach nach dem Johannesevangelium von 1723 und nach dem Matthäusevangelium von 1729, unterteilt man ja nicht in Abschnitte. Es gehört eben alles zusammen. Und das, die Geschichte von der Passion unseres Herrn Jesus Christus – und die Ostergeschichte mit den Berichten über die Auffindung des leeren Grabes und die Erscheinungen des Auferstandenen – bildet in Verbindung mit dem Johannesprolog mit der Aussage über das Fleisch gewordene Wort (Joh 1,14) und damit über die Inkarnation Gottes in Jesus Christus und dem Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37–40) den Kern unseres christli-chen Glaubens, der der Glaube an den in Jesus Christus Mensch gewordenen Gott der Väter ist und kein Gottesglaube, der von Jesus Christus ablösbar wäre.

Der lange Text, der sich ähnlich, wenn auch mit Varianten, bei Matthäus, Lukas und Johannes findet, beginnt mit dem Be-schluss des Hohen Rates, dass Jesus getötet werden soll, und mit der Salbung in Bethanien, wo Jesus denen, die seine Salbung mit kostbarem Nardenöl durch eine unbekannte Frau als Verschwendung kritisieren, entgegenhält: „Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt“. Daran schließt sich der Verrat des Judas an, einem der zwölf Jünger, der sich den Hohenpriestern anbietet, Jesus an sie auszuliefern. Dann folgt die Geschichte vom letzten Abendmahl mit der Ankündigung des Verrates und mit der Einsetzung der Eucharistie. Und dann, schon in dem Teilabschnitt über Jesu Gang mit den Jüngern zum Ölberg, der kleine Satz mit der großen Ankündigung: „Nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen“. Die Jünger verstehen das nicht. Ja, sie überhören diesen Satz. Stattdessen verspricht Petrus, er werde Jesus nicht verleugnen. Auch die anderen Jünger versichern das. Doch Jesus weiß es besser: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“.

Dann kommt die Nacht von Getsema-ni. Das Gebetsringen Jesu: „Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“. Aber auch das große „Fiat voluntas tua“ – das „Dein Wille geschehe“ aus dem Vaterunser – der Unterwerfung: „Nicht was ich will, sondern, was du willst, soll geschehen.“ Unterwerfung kommt auch im dritten der vier sogenannten Gottesknechtslieder aus dem Buch des Propheten Jesaja zum Ausdruck, in dem es heißt: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen.“ Das christliche Verständnis des Alten Testaments sieht in den Gottesknechtsliedern die Ankündigung Jesu, des Gottesknechts schlechthin. Auf Getsemani folgt die Gefangennahme, das Verhör Jesu vor dem jüdischen Hohen Rat, die Verleugnung des Petrus, das Krähen des Hahnes und das Verhör Jesu vor Pontius Pilatus, dem römischen Statthalter von Judäa. Wir wissen über Pilatus, dass er in Judäa despo-tisch regierte, so despotisch, dass er später auf Verlangen der Juden von seinem Posten abberufen wurde. Aber Jesus will er eigentlich nicht verurteilen. Er stellt die jüdischen Ankläger vor die Wahl, den Mörder Barabbas oder Jesus freizulassen. „Die Hohenpriester aber wiegelten die Menge auf, lieber die Freilassung des Barabbas zu fordern.“ Und so schrien sie auf die Frage des Pilatus, was er denn mit Jesus tun solle: „Kreuzige ihn“.

Es folgen die Folterung und die Ver-spottung Jesu durch die Soldaten des Pilatus, der Weg nach Golgota, der Hinrichtungsstätte, mit Simon von Zyrene, den die Soldaten zwingen, das Kreuz zu tragen. Und dann die Kreuzigungsszene mit dem Tod Jesu: „Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.“ Wir erfahren von dem römischen Hauptmann, der mit seinen Soldaten die Stätte bewacht und unter dem Eindruck des Geschehens zum Glauben kommt: „Wahrhaftig“, so sagt und so bekennt dieser Heide, „dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Wir hören auch von den Frauen, die der Kreuzigung zusehen – Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome und andere Frauen –, während Markus ebenso wie Matthäus Maria, die Mutter Jesu, genauso wenig erwähnt wie „den Jünger, den er liebte“ (Joh 19,26) oder die Worte: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26–27) anführt, die nur bei Johannes stehen. Dann hören wir noch von Joseph von Arimathäa, der den Leichnam Jesu mit Erlaubnis des Pilatus in einer Grabhöhle, die ihm gehört, bestattet und die Grabhöhle mit einer großen Steinplatte verschließt.

Ich möchte nur einen Satz herausgrei-fen. Bevor Jesus stirbt, bevor der Vorhang im Tempel zerreißt, fällt Finsternis über das ganze Land. In dieser Finsternis, die mehr ist als die natürliche Dunkelheit der Nachtstunden, ruft der sterbende Jesus mit lauter Stimme, was Markus halb auf Hebräisch – der Sprache des Alten Testaments – und halb auf Aramäisch – der Sprache Jesu – überliefert: „Eloi, eloi, lema, sabachtani?“ – und was er sogleich ins Griechische übersetzt – „ho theos mou, ho theos mou, eis ti egkatelipes me“ – ohne dass das in dem im Gottesdienst zur Verlesung kommenden Text deutlich wird. Auf Deutsch heißt das: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Auch Matthäus hat diesen Ruf Jesu (Mt 27,46) in dieser Mischung aus Hebräisch und Aramäisch und mit der griechischen Übersetzung. Bei Lukas und bei Johannes findet sich dieser Verlassenheitsruf Jesu nicht.

Ist das nicht ein schreckliches Wort? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hat Gott Jesus in der Stunde seines Todes verlassen? Oder ist der sterbende Jesus völlig verzweifelt und fühlt sich von Gott, den er in Getsemani noch seinen Vater genannt hat, verlassen? Jeder, der an Jesus Christus glaubt und diesen Satz liest, muss sich fragen, was das bedeutet. Viele hervorragende Theologen unserer Zeit – katholische und evangelische – haben mit unterschiedlichen Deutungen versucht, diesen Notschrei Jesu zu erklären. Manche meinen sogar, dass der sterbende Jesus tatsächlich an Gott verzweifelte. Dass er hier – in diesem Schrei – seinen Glauben an Gott und an seine eigene Gottessohnschaft verlor. Aber wenn das so wäre, wäre unser christlicher Glaube sinnlos.

Auffällig ist, dass die Menschen, die das Kreuz umstehen, den Ruf „Eloi, eloi, lema, sabachtani?“ falsch verstehen. Sie nehmen an, der sterbende Jesus rufe den Propheten Elija aus dem Alten Testament. Das ist ja der Grund, warum Markus und Matthäus diesen Ruf in dieser Mischung aus Hebräisch und Aramäisch bringen: Damit uns dieses Missverständnis deutlich wird. Das ist auch der Grund dafür, dass die Bibelübersetzer diesen Ruf nicht ins Deutsche, Französische oder Englische übersetzen, sondern in dieser Mischung aus Hebräisch und Aramäisch stehen lassen, obwohl das doch die wenigsten Bibelleser verstehen. Jesus ruft aber gar nicht den Propheten Elija. Doch was macht er dann? Ist er hier, unmittelbar vor seinem Tod am Kreuz, wirklich an Gott verzweifelt? Der scheinbare Verzweiflungsruf ist ein Gebet. Der sterbende Jesus betet Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe. Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels. Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut, und du hast sie gerettet. Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden“ (Ps 22,1–6). Das ist nicht Ausdruck von Verzweiflung, sondern Ausdruck glaubender Hoffnung. Im dritten Gottesknechtslied steht: „Doch Gott, der Herr, wird mir helfen“.

In Jesus ist Gott Mensch geworden. Um mit uns Menschen solidarisch zu sein. Jesus ist so sehr Mensch – und so solidarisch mit uns –, dass er sogar die Erfahrung der Gottesferne und der Gottesverlassenheit mit uns teilt, die auch den Frömmsten oft überfällt. Das drückt Paulus in dem Christushymnus in seinem Brief an die Philipper mit den Worten aus: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ Papst Benedikt XVI. schreibt in seinem Werk „Jesus von Nazareth“ zu diesem Schrei des sterbenden Jesus: Jesus „identifiziert sich mit der unter dem Gottesdunkel leidenden Menschheit, nimmt ihr Schreien, ihre Not, ihre ganze Hilflosigkeit in sich hinein und verwandelt sie damit zugleich. Indem Jesus die An-fangsworte des Psalms spricht, ist letztlich schon das Ganze dieses großen Gebets gegenwärtig – auch die Gewissheit der Erhörung, die sich zeigen wird in der Auferstehung.“



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