12.11.2014 15:43

Die Sonntagslesung: Wunschkinder Gottes sind wir

Zu den Lesungen des

33. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) von Klaus Berger

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Spr 31, 10–13.19–20; 1 Thess 5, 1–6; Mt 25, 14–30

Üblicherweise hören wir, dass Gott lieb ist, der Mensch aber gefährlich, zu Sünde und Hass fähig. Diese Unterscheidung nennt man „Dualismus“. Nur ist es erstaunlicherweise in dem paulinischen Lesungstext aus dem ersten Thessalonicherbrief ganz umgekehrt: Alle negativen Erwartungen beziehen sich auf Gott: Er kommt wie ein Dieb in der Nacht, ist demnach also hinterhältig und habgierig, ja räuberisch. Er kommt unerwartet und ohne jede Vorankündigung. Er ist wie lauerndes Verderben. Wie etwas, gegen das es normalerweise eine Versicherung gibt. Zu diesem letzteren Punkt bemerkt Paulus hier auch etwas: unversicherbar. Keine Versicherung der Welt kann vor dem überraschenden Kommen Gottes schützen. Es ist leicht erklärbar, warum das so ist: Wenn Gott kommt, ist die ganze Welt bedroht, dann kann man nicht mehr ein Loch mit der Substanz der anderen stopfen.

Alles Positive wird dagegen von den Christen gesagt: Sie sind Kinder des Lichts, Kinder des hell leuchtenden Tages, nicht der Nacht. Sie brauchen sich nicht zu verstecken – womöglich weil sie erst kürzlich getauft wurden. Kurzum, sie scheinen ganz das Gegenteil zu ihrem listigen, hinterhältigen Gott zu sein.

Noch haben sie sich nicht daran gewöhnt, doch nur wieder Sünde zu sein, so dass sie jeden Tag sagen können und müssen: „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“. Denn in der ersten Zeit ihres Christseins waren sie Heilige, nicht Sünder. Das war ein großes Problem am Anfang des Christentums, die Wahrnehmung, dass die alten Übel geblieben waren. Und seit den ersten Jahrzehnten des beginnenden Christentums besteht dessen ganze innere Geschichte darin, damit fertigzuwerden, dass sich eben doch fast nichts geändert hat seit der Taufe.

Die Erfahrung des Mönchtums

Bei uns ist das nur dadurch verdeckt, dass wir schon als Kinder getauft wurden, als wir noch keine persönlichen Sünden hatten. Eigentlich umso schlimmer, dass wir selbstverständlich davon ausgehen, dass es in der ersten heiligen Beichte etwas zu beichten gibt, weil wir uns daran gewöhnt haben, Sünderinnen und Sünder zu sein. Denn in den ersten Tagen und Monaten des Christseins sind „Sünder“ die Außenstehenden, die Nichtchristen. Daher geht insbesondere das Mönchtum davon aus, dass das Christenleben eine ständige Buße, also erneuerte Umkehr von den Sünden sein muss.

Und da insbesondere der heilige Augustinus über die Sünde der Christen viel nachgedacht hat (besser wäre es zu sagen: weil er dadurch schwer belastet war), ist der nach Augustinus benannte Orden der Augustiner stets mit der alltäglichen Sünde der Christen befasst gewesen. Weil Martin Luther Augustinermönch war, kommt von daher dieses Thema sehr massiv in sein Leben. Für Augustinermönche war die häufige heilige Beichte selbstverständlich. Auch das Interesse am Thema „Ablass“ kommt von daher. Es ist also alles katholisches Erbe, was Martin Luther und dann auch die Lutheraner beschwert und belastet. Und daher ist Violett, das wir als Farbe der Buße aus Advent und Fastenzeit kennen, auch die Signalfarbe der Protestanten geworden.

Ebenfalls aus diesem Grunde ist Violett auch die Farbe der evangelischen Bahnhofsmission und vieler Kirchentage und -fahnen, gelb-weiß dagegen die der Katholiken. Bis in die Farbgebung hinein wird da ein Stück katholischer Symbolik beibehalten, ein Stück Augustinus, ein Stück des Ordens der Augustiner-Eremiten, zu denen Luther gehörte. Vergleicht man die alte Messliturgie mit der neuen, so ist auch in der tridentinischen Messe das Sündersein der Menschen ungleich stärker betont als in der neuen, bis dahin, dass nach dem vollständigen alten Ritus das Confiteor vor der heiligen Kommunion wiederholt werden musste.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir vielleicht besser, das der Text der Lesung aus 1 Thessalonicher 5 auch heute noch eine wichtige Korrektur sein kann. Hier jedenfalls sagt Paulus, den man doch sonst so gerne als den „ersten Protestanten“ bezeichnen möchte, eben gerade nicht: Ihr, liebe Christen, wisst doch und erfahrt es doch täglich wieder, dass ihr alle Sünder seid. Er fängt also, um es krass zu sagen, so an wie die heilige Messe, nämlich mit dem Confiteor.

Allerdings fängt die heilige Messe in der außerordentlichen römischen Form ja nicht mit dem Confiteor an, sondern mit dem Satz „zu Gott, der mich erfreut von Jugend an“. Also mit dem Dank für eine behütete Kindheit und sonnige Jugend – trotz Trümmern und Weltkrieg. Aber noch dann, wenn der Priester zum Altar hinaufging, betete er schon wieder „Aufer a nobis, quaesumus domine iniquitates nostras…“ „Nimm weg von uns unsere Sünden“. Und das Kyrie bezieht sich auch wesentlich auf die Schuld der Menschen.

Fazit: Paulus korrigiert auch das seit dem Hohen Mittelalter bei uns übliche und „gepflegte“ starke Sündenbewusstsein. Das andere Extrem wird gegenwärtig kultiviert: Nur nicht über die Sünde reden. Wie ein freier Begräbnisredner einmal sagte: „Ich beerdige lauter Heilige. Keiner der Verstorbenen hat irgendetwas falsch gemacht.“

Aber auch Jesus beginnt nicht mit der Sündenpredigt, dafür haben wir ja seinen „älteren Freund“, Johannes den Täufer. Wie Jesus beginnt, kann man gut an der Bergpredigt sehen. Sie beginnt mit Seligpreisungen. Selig die Armen, die Trauernden, die Weinenden, die Verfolgten. „Selig“, das ist so wie wenn Paulus sagt: Ihr seid Kinder des Lichtes, Kinder der Tageshelle. Deswegen tragen unter anderem Zisterzienser und Kartäuser ein weißes Habit, welchen sie als erneuerte Taufe verstehen.

Paulus schwebt kein unerreichbares Ideal vor

So geht dieser Paulustext nicht von einem unerreichbaren Ideal aus, das den Menschen unerreichbar nur „vor Augen schwebt“, sondern von dem, was ist, von dem, was ein Menschenkind seit der Taufe ist. Nicht von Natur aus, sondern aus Gnade. Denn dann kann der Grundsatz gelten „agere sequitur esse“, „Mein Handeln ist die Konsequenz aus dem, was ich bin“. Ich halte es für sehr viel leichter, von dieser Akzentsetzung auszugehen (mehr ist es nicht), als von der anderen, wo man gehalten ist, immer mit dem Negativen zu beginnen. Dann muss man sich immer wieder emporräkeln und bekommt Magengeschwüre, weil man es nie schaffen kann, so zu sein, wie man sein sollte. Christsein beginnt eben nicht dort, wo „es“ keinen Spaß mehr macht, sondern ist übermütiges Verschwenden dessen, was man in Fülle geschenkt bekommen hat. Die entscheidende kritische Frage ist daher: „War ich geizig?“ und nicht „Habe ich mich überwinden können?“

Von den „Kindern des Lichts“ haben wir uns beeindrucken lassen. Aber wie steht es um die korrespondierende Aussage dieses Textes, nach der Gott ein gefährlicher Einbrecher ist, der Inbegriff geradezu des plötzlichen Verderbens. Nun predigen alle Menschen im Namen des Zeitgeistes vom lieben Gott. Das passt also hier auch nicht, es passt ganz und gar nicht. Die Menschen sagen zwar immer wieder, sie wüssten doch, dass Gott auch streng sei, aber doch bitte nicht so. Man will ruhig schlafen können. Auch zu dieser Hauptforderung des deutschen Spießbürgers hat Paulus hier etwas zu sagen: Er spricht vom nächtlichen Wachen und vom Ablegen verschlafener Katerstimmung (Stichwort: Nüchternheit). Nun, nächtliches Wachen kenne ich von den oben genannten weißgekleideten Freunden her. Man kann so nur leben, wenn man ganz und gar begeistert ist vom Glauben. Wir wissen alle, dass das ein kostbares Geschenk ist, in meinen Augen das Kostbarste auf Erden. Das Wollen gehört auch dazu, bringt es aber nicht zustande.

Mit dem heiligen Paulus lässt sich daher sagen: Denkt daran, was ihr seid, dass ihr euch nicht überwinden, sondern selbst einholen könnt. Benehmt euch nicht wie Trauergäste in der Welt, sondern wie Wunschkinder Gottes. Denn in jedem Zweifelsfall gilt: „Selig seid ihr“.



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