15.10.2014 15:22

Die Sonntagslesung: Wer liebt, antwortet dem Schöpfer

Zu den Lesungen des

29. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) von Klaus Berger

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Jes 45, 1–6; 1 Thess 1, 1–5b; Mt 22, 15–21

Zwischen Ausverkauf und Verfolgung – so lässt sich in der Tat die Situation des gegenwärtigen Christentums beschreiben. Merkmale des Ausverkaufs: Galoppierend geringere Bedeutung der kirchlichen Äußerungen in der Öffentlichkeit, systematische Zunahme der Austritte, schnelle Abnahme der Theologiestudierenden, seichte Theologie und Fehlen theologischer Autoritäten, Reduktion des Glaubens auf Toleranz, grassierende Unwissenheit in religiösen Dingen, Schwund des Interesses an der Bibel, Nivellierung ethischer Positionen, freiwilliger vorlaufender Verzicht der Kirchen auf systematische Positionen, Verunglimpfung jeder dogmatisch klaren Position als Fundamentalismus. Dazu gehört schließlich eine durchaus mangelnde Unterscheidung zwischen dogmatisch festen Positionen und islamischem Fundamentalismus. Das eigentlich Erschütternde ist, dass diese Symptome des Ausverkaufs von den meisten Geistlichen selbst geleugnet oder verharmlost werden.

Und die andere Seite: Weltweit ist das Christentum die am stärksten verfolgte Religion. Und das betrifft nicht nur die christlichen Kirchen im Nahen Osten, die im Rahmen eines groß angelegten Völkermords beseitigt werden. Es betrifft auch das Scherbengericht, das im Sinne der öffentlichen Meinung gerade auch in Deutschland zum Beispiel die Schützer ungeborenen Lebens betrifft. Aber es betrifft auch die Gegner der Schwulen-Lobbies. Für Glaube, Bibel und Bekenntnis ist hier jeder Tag ein Zahltag.

Man kann gewiss fragen, ob das eine nicht mit dem anderen etwas zu tun hat: Könnte es nicht sein, dass der freizügige Ausverkauf und das Räumen christlicher Positionen etwas damit zu tun hat, dass die Beseitigung des christlichen Restes dann ein leichtes Spiel zu sein scheint? Ist es nicht doch so wie im christlichen Arabien und Nordafrika, wo der Islam auf ein zerstrittenes, durch Ämterschacher fast unsichtbar gewordenes Christentum traf und dieses wie ein Kartenhaus zusammenbrach? War nicht auch die Türkei noch im 19. Jahrhundert ein mehrheitlich christliches Land, freilich in Unbeweglichkeit erstarrt? Der allgemeine öffentliche Ausverkauf christlicher Positionen reißt riesige Löcher, so dass sich der „Rest“ dann fast von selbst erledigt.

Glaube, Liebe, Hoffnung und „Gott liebt euch“

Was bedeutet in dieser Situation das erste Kapitel im ersten Brief an die Thessalonicher? Man könnte die Botschaft des Apostels Paulus in diesem Text zusammenfassen: Glaube, Liebe, Hoffnung – und „Gott liebt euch“. Das klingt für viele von uns sicher wie das vorüberrauschende Gewäsch unendlich vieler Sonntagspredigten. Und das hängt zunächst einmal für die heutige Wahrnehmung mit Ausverkauf zusammen. Keine himmelstürmenden, einmaligen oder brisanten Formulierungen. War schon im ersten Jahrhundert christliche Predigt so abgeschliffen wie Kieselsteine in einem Bach, der seit zwei oder drei Millionen Jahren hier fließt? Verkündet Paulus hier nicht Allerwelts-Tugenden, die für niemanden anstrengend oder aufregend sind? Und die deshalb im Zeitalter des Ausverkaufs der typische langweilige Inhalt sich wiederholender Gut-Menschen-Rede sind?

Doch wer so urteilt, hat erkennbar die Rechnung ohne den Wirt gemacht und die Worte ohne Kenntnis der Situation des Briefes verworfen. Denn leider ähnelt die Situation des ersten Thessalonicherbriefs sehr fatal an die heutige Befindlichkeit engagierter Christen. Ab Kapitel 2 ist von Christenverfolgung die Rede – nicht von staatlicher, aber sozusagen von nachbarschaftlicher. Paulus selbst wird später zunächst Opfer solcher nicht-staatlicher Christenverfolgung seitens seiner jüdischen Volksgenossen. Aber die „Stimmung“ gegen ihn geht eben voraus und muss später nur gegen des Aufruhrs obrigkeitlich geregelt werden. Zunächst aber wird Paulus dann im zweiten Kapitel des ersten Briefs an die Thessalonicher an die Propheten und Jesus und ihr Geschick erinnern. Soweit also die Situation und ihre breite emotionale Grundlage. Sie bezieht sich jetzt wie in der Vergangenheit, so sagt Paulus, auf den Mob, der zu allen Zeiten – Demokratie hin. Demokratie her – im Ausspähen der Opfer des „gesunden Volksempfindens“ nicht zimperlich war. Man beachte: In Thessalonike sind es nicht die Juden, die die Christen wie verfolgte Lämmer scheuchen, sondern die Volksgenossen (2, 14b). Das Verhalten der Juden gegen Propheten, Jesus und die frühen Christen war nur ein Analogiefall. Es beruhte auf massenpsychologisch ähnlichen Grundlagen: Eine aufgehetzte Mehrheit wendet sich aus fadenscheinigen „Gründen“ gegen die kleine Minderheit der religiös fremdartigen Christen.

In einer solchen Situation aber sagt Paulus der Gemeinde, dass Gott sie bedingungslos liebt, dass sie mit Glauben und Treue ihren Stand in Gott finden kann, dass sie mit Liebe und Vergeben Gott nachahmt und dass sie nie die Hoffnung aufgeben darf, weil Hoffnung immer der Kompass der Christen in dunkler Nacht ist.

Damit ist klargestellt, dass die Rede von Glaube, Liebe und Hoffnung nicht Ausverkauf bedeutet, sondern ein Merkvers für Christen, die noch nicht lange Christen sind und die unbedingt über das Wichtigste orientiert sein müssen. Es ist zuzugeben, dass im Christentum diese drei Tugenden oft zur Gebrauchskeramik verkommen sind, dass sie formelhaft gebraucht unerträgliches Geschwätz werden – aber mit ein wenig Phantasie kann man sich sicher gut vorstellen, wie Christen des ersten Jahrhunderts getröstet wurden, als sie in ihrer Situation diese Worte in Kombination zum ersten Mal gehört haben. Wenn man heute über einen solchen Text meditiert, ist es oft nicht hilfreich, weitere Bibelstellen zu sammeln, die ähnlich klingen.

Glaube bedeutet heute Mut zum Widerstand

Hilfreich ist dagegen, an das jeweils zeitgenössische Gegenteil zu Gottesliebe und Glaube, Liebe, Hoffnung auf Seiten der Menschen zu denken. Das mit der Gottesliebe sieht damals so aus: Die nichtchristlichen und nichtjüdischen Religionen kennen Liebe zwischen Gott und Mensch in erster Linie und fast ausschließlich aus Mythen über kapriziöse Abenteuer von Göttern mit Menschen, besonders deren Frauen. Christlich aber bedeutet der Satz „Gott liebt euch“ eben die Menschwerdung Gottes und dass er die Menschen bis in den Tod liebt, um ihnen die Auferstehung zu schenken – auch davon berichtet er in Kapitel 4 dieses ersten Thessalonicherbriefes.

Und „Glaube“ als Treue zu seinem Bekenntnis ist der religiösen Umwelt nicht bekannt, weil es eben auch kein Bekenntnis gibt – nur Werbeslogans wie „Groß ist die Diana von Ephesus“, die Kunden nach Ephesus locken sollen. Das Judentum kennt Glauben und Märtyrer. Heute bedeutet Glauben dauerhaften Mut zu dauerhaftem Widerstand. Jüdische und christliche Märtyrer setzen hier wichtige Wegmarken in der Geschichte der Tapferkeit, indem sie dieser „Tugend“ ganz neue Seiten abgewinnen.

Beim mittleren Glied der Trias „Glaube, Liebe, Hoffnung“, bei der Liebe also, wird es gefährlich. Denn das Maß der Liebe ist, wie der heilige Bernhard sagt, die Liebe ohne Maß. Eine Liebe ohne Maß ist gefährlich, weil sie alles verlangt, aber sie ist es auch, die selig macht. Eben deshalb hat sich die Kirche bei der Frage nach dem Wichtigsten nie auf den bloßen Glauben zurückgezogen. Sie hat stets gesagt, dass der Glaube Gestalt gewinnen muss und – wenn er echt ist – auch kann in der Liebe, und in der Hoffnung findet er seine Richtung. Diese Richtung heißt „zurück zu Gott“, eben dorthin, wo der Glaube seinen Anfang nahm. Auch nach diesen einigen Sätzen des Apostels ist Liebe göttlich. Denn am Anfang steht, dass sie von Gott geschenkt ist, und auf Gott antwortet sie auch. Deshalb gilt für diese Richtung der Hoffnung die Inschrift einer Kachel aus dem mittelalterlichen Spanien: Plus ultra. Immer noch darüber hinaus.



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