24.09.2014 14:22

Die Sonntagslesung: Das „Ja“ Christi und unser „Ja“

Zu den Lesungen des

26. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) Von Manfred Hauke

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Ez 18, 25–28; Phil 2, 1–11; Mt 21, 28–32

In der Mitte der Lesungen steht ein Abschnitt aus dem Paulusbrief an die Philipper. Darin mahnt der Apostel zur Demut und zur Nächstenliebe: „In Demut schätze einer den anderen höher als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.“ Als Maßstab für diese Ermahnung bringt Paulus das Beispiel Christi: Der ewige Sohn Gottes nahm eine menschliche Natur an, erniedrigte sich selbst bis zum Tod am Kreuz und wurde so durch die Auferstehung erhöht.

Der Christushymnus im Philipperbrief gehört zu den Perlen der paulinischen Briefe. Ihm sind biblische Forschungen gewidmet, deren Ergebnisse auch unser Bekenntnis zu Jesus Christus bereichern können. Der Wortschatz des Christushymnus unterscheidet sich deutlich von dem Sprachgebrauch, den wir sonst bei Paulus in seinen Briefen finden. Das heißt, der Apostel zitiert ein Lied, das bereits vor ihm in den christlichen Gemeinden bekannt ist. Der Brief an die Philipper ist in der Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts geschrieben worden. Der Christushymnus ist folglich noch älter als der Philipperbrief, älter sogar als die Endredaktion der Evangelien. Wir stoßen hier vor zu einem der ältesten Glaubensbekenntnisse zu Jesus Christus.

In den Massenmedien werden regelmäßig literarische Untaten verherrlicht, die den christlichen Glauben als Machwerk hinstellen, das zur wirklichen Geschichte im Widerspruch steht. Ein typisches Beispiel dafür war vor einigen Jahren der auch als Film weltbekannte Roman von Dan Brown „Der Da-Vinci-Code“. Nach diesem Roman ist die Gottheit Jesu eine Erfindung des Kaisers Konstantin, der diese seine Meinung aus politischen Gründen dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 aufgezwungen hatte. Vorher hätte man Jesus für einen bloßen Menschen gehalten.

Die Botschaft des Christushymnus im Philipperbrief erweist die Phantasien Browns als Verdrehung der geschichtlichen Tatsachen. Im ersten Satz des Hymnus heißt es: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Dargeboten sei aber auch eine wörtlichere Übersetzung nach dem griechischen Urtext. Danach heißt es: „Er existierte in der Gestalt Gottes, betrachtete sein Gottgleichsein aber nicht wie ein Beutestück, sondern entäußerte sich und nahm die Gestalt eines Sklaven an, den Menschen gleich.“

Der Hinweis auf die „Gestalt“ meint nicht etwas Äußerliches, sondern die seinsmäßige Prägung oder die Natur. Die „Gestalt Gottes“ wird auch als „Gottgleichsein“ benannt, die „Gestalt eines Sklaven“ auch als „den Menschen gleich sein“. Klar ist jedenfalls, dass der Sohn Gottes von Ewigkeit her vom Vater unterschieden ist, aber gleichzeitig, wie Gott Vater, von göttlicher Natur ist. Als Gott existiert Jesus Christus also bereits vor seinem irdischen Leben als Mensch. Das Gottsein Jesu Christi und seine Präexistenz vor aller Zeit ist also ein klares Zeugnis des Philipperbriefes.

Dieses Zeugnis steht im Neuen Testament nicht isoliert da. Am deutlichsten ist das Bekenntnis des Apostels Johannes, der sein Evangelium folgendermaßen beginnt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1, 1). Als der Apostel Thomas Christus dem Auferstandenen begegnet, ruft er aus: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28) Noch deutlicher ist der Erste Johannesbrief: Jesus Christus ist „der wahre Gott und das ewige Leben“ (1 Joh 5, 20).

In den Evangelien nach Matthäus und Lukas finden wir eine wichtige Stelle, in der Jesus sich über sein Verhältnis zum himmlischen Vater äußert. Die Bibelwissenschaftler benennen sie oft als „messianischen Jubelruf“: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11, 25–27; vgl. Lk 10, 21f). Das gegenseitige Erkennen von Vater und Sohn erscheint hier auf der gleichen Ebene; wenn nun das Erkennen des Sohnes göttlich ist, dann muss auch das Sein, in dem dieses Erkennen wurzelt, göttlich sein.

Die Christushymnus im Philipperbrief ist also kein einsamer Meteorit, sondern entspricht der Gesamtbotschaft des Neuen Testamentes. Die Echtheit des Philipperbriefes als Werk des heiligen Paulus wird von keinem ernsthaften Exegeten oder Historiker in Frage gestellt. Den Glauben an die Gottheit Christi als Manipulation Konstantins hinzustellen, widerspricht dem klaren Zeugnis der Geschichte. Selbst Atheisten mögen den Glauben zwar ablehnen, sollten aber nicht die geschichtlichen Urkunden ignorieren.

Der Hinweis auf den Philipperbrief ist auch wichtig, um eine bestimmte Tendenz liberaler Exegese zu demontieren, die mitunter sogar ihren Niederschlag im Religionsunterricht findet. Nach dieser Tendenz ist das Bekenntnis zur Gottheit Jesu ein Spätprodukt der Urgemeinde, das sich noch nicht in den synoptischen Evangelien finde. Manchmal wird die Entwicklung so dargestellt: Markus stellt Jesus als „Sohn Gottes“ vor, was nur ein allgemeiner Würdetitel sei ohne jeden Hinweis auf das göttliche Sein Jesu; in einem zweiten Schritt hätten Matthäus und Lukas die Kindheitsgeschichte beigefügt als literarische Ausschmückung des Glaubens, dass Jesus auf besondere Weise mit Gott zu tun habe. Erst danach habe Johannes Jesus als vor der Welt existierendes „Wort“ Gottes und als „Gott“ bezeichnet. Vergessen wird bei alledem das Zeugnis der Paulusbriefe, vor allem der Christushymnus im Brief an die Philipper, der noch älter als das Markusevangelium ist. Dass ausgerechnet Markus, den die neutestamentliche Überlieferung als Reisegefährten des heiligen Paulus bezeugt, dieses Bekenntnis nicht gekannt habe, wäre schon eine sehr kühne These. Plausibel ist hingegen, dass schon das Bekenntnis des Markus zum „Sohn Gottes“ die Präexistenz Jesu und seine wahre Gottheit einschließt. Das Konzil von Nizäa hat die Gottheit Jesu nicht erfunden, sondern sie gegenüber Arius verteidigt, der sie aufgrund seiner philosophischen Vorurteile ablehnte und das Neue Testament in seinem Sinne zu deuten versuchte.

Nach dem Hinweis auf die Präexistenz und ewige Gottheit Jesu Christi spricht der Christushymnus des Philipperbriefs von der „Entäußerung“. „Entäußerung“ meint die Annahme der menschlichen Natur, der „Gestalt des Sklaven“, wie der Hymnus formuliert. Das menschliche Leben Christi wird dann im Vergleich zur ewigen Gottheit als „Erniedrigung“ beschrieben, die ihren tiefsten Punkt erreicht im Tod am Kreuz: „Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“

An dieser Stelle können wir gleichsam zwei Fenster öffnen zur ersten Lesung und zum Evangelium. Denn in beiden Texten des Wortes Gottes geht es um den Gehorsam. Im Evangelium vergleicht Jesus das Verhalten der Hohenpriester und Ältesten des jüdischen Volkes mit einem Sohn, der zuerst zu seinem Vater „Ja“ sagt („Ja, ich gehe in den Weinberg, um zu arbeiten“), aber am Ende ein „Nein“ spricht. Dagegen stellt Jesus das Beispiel der von ihm bekehrten öffentlichen Sünder, der Zöllner und Prostituierten, die zuerst durch ihr verkehrtes Leben ein „Nein“ zu Gott gesprochen haben, sich dann aber am Ende bekehren. Entscheidend ist, dass wir am Ende unseres Lebens unser „Ja“ sprechen zu Gott.

Auch die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel spricht vom „Ja“ und vom „Nein“ des Menschen zu Gott. Der Gerechte, der Böses tut, bereitet sich vor Gott das eigene Verderben; der Schuldige, der sich bekehrt, wird sein Leben vor Gott bewahren. Jesus selbst hat als Mensch „Ja“ gesagt zum Willen des himmlischen Vaters. „Er war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“, betont der Christushymnus. Der Gehorsam Christi ist also ein Beispiel für uns. Gleichzeitig ist er mehr als ein Beispiel, denn das menschliche „Ja“ des Sohnes Gottes hat durch die Verbindung mit seinem Gottsein einen unendlichen Wert für unsere Erlösung. Durch seinen Gehorsam sind wir gleichsam freigekauft von der Unheilsmacht der Sünde, die uns von Gott getrennt hat.

Der Tod am Kreuz bildet gleichsam den Tiefpunkt für die Erniedrigung des Sohnes Gottes, ist aber gleichzeitig ein Wendepunkt: Jesus Christus wird durch die Auferstehung „über alle erhöht“; „alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“, also alle Geschöpfe, müssen „ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu“ und jeder Mund bekennt „Jesus Christus ist der Herr“. Für das Wort „Herr“ steht im griechischen Urtext „Kyrios“. Mit „Kyrios“ wird in der griechischen Fassung des Alten Testamentes auch der Gottesname wiedergegeben. Es ist der göttliche Herr, dem sich am Ende alle Knie beugen werden.

Die Betrachtung des Christushymnus gibt eine Menge Anregungen auch für unser Leben. Unser Gehorsam im Glauben lässt uns immer wieder auch teilnehmen am Kreuz, an der Erniedrigung des Sohnes Gottes. Gleichzeitig bildet das Kreuz aber auch den Wendepunkt, der uns teilnehmen lässt am Leben Christi des Auferstandenen und über alle Erhöhten.

Der Hinweis auf die ewige Gottheit Christi, auf seine Entäußerung, seinen Kreuzestod und seine Erhöhung, ist für den Apostel Paulus die tiefgründigste Motivation für die Demut und die Nächstenliebe. Demut meint „Mut zum Dienen“: Wenn selbst der Sohn Gottes sich für uns erniedrigt hat, können auch wir gleichsam vom hohen Ross herabsteigen und unserem Nächsten beistehen. In der Demut wirkt die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen, die auch Christus bewegt hat, sich bis zum Äußersten für uns einzusetzen. Der Blick auf Christus bewegt uns, seine Liebe und seine Demut nachzuahmen.



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