17.09.2014 15:42

Die Sonntagslesung: Paulus lässt Jesus an sich handeln

Zu den Lesungen des

25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) von Klaus BErger

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Jes 55, 6–9; Phil 1, 20–27a; Mt 20, 1–16

In diesen Wochen werden die Christen des Vorderen Orients ermordet oder verjagt, das Christentum hat damit außer in Äthiopien dort keinerlei Bedeutung mehr. Eine der Ursachen dafür lag schon in der ersten Welle der Islamisierung im achten Jahrhundert und kurz danach in der vollständigen Zersplitterung der christlichen Gruppen. So gibt es allein in Antiochien mehr als vierzehn Bischöfe oder Patriarchen, deren jeder erklärt, der legitime Nachfolger des heiligen Petrus vor Ort zu sein.

Am Schluss der heutigen Lesung aus dem ersten Kapitel des Philipperbriefs mahnt Paulus die Christen in Philippi: „Allein eins ist wichtig: Lebt gemeinsam miteinander nach dem Evangelium Jesu Christi. Ich möchte sicher sein, dass ihr durch den einen heiligen Geist verbunden und ganz einig seid und für den Glauben an das Evangelium kämpft.“ In der Gemeinde von Philippi waren zur Zeit des Apostels Paulus, so schätzt man, etwa hundert Christen. Aber selbst diese kleine Gruppe muss Paulus zur Einheit ermahnen. Wenn Christen aus miteinander rivalisierenden Gruppen bestehen, werden sie in jeder Bedrängnis schlicht aufgerieben. Die Situation der Bedrängnis reicht nicht aus, um die Christen zur Einheit zu bewegen. Denn stärker als der Druck von außen war in den christlichen Kirchen des Ostens, zu denen damals auch die Gemeinde von Philippi gehörte, die Rivalität der Christen untereinander. Handelt es sich dabei um einen Geburtsfehler des Christentums?

Spitzer gefragt: Ist das christliche geistliche Amt nicht einer der ständigen Anlässe für Streit und Uneinigkeit? Denn die Verschiedenheit der Traditionen allein macht noch nicht Spaltung und Uneinigkeit aus, es müssen schon zu einer regelrechten Spaltung die Köpfe hinzukommen, diverse um ihr Amt besorgte „Hierarchen“ also (Inhaber heiliger Ämter). Weder das Judentum noch der Islam kennen Hierarchien im katholischen oder lutherischen Sinn. Nicht, dass es dort keine Zerstückelung gäbe – man sagt, wo vier Juden sind, da gibt es fünf Lehrrichtungen und der Kampf der muslimischen Gruppen gegeneinander kann härter kaum sein. Aber weltweit sind Christen Weltmeister in Sachen Glaubensspaltung. Juden sind eins durch die Abstammung von Abraham und die Beschneidung – also kurzum als Volk. Moslems sind prinzipiell eins durch die schlichte Monumentalität ihres Glaubensbekenntnisses (Allah allein ist Gott). Als einigendes Band ist den Christen dagegen nur die Schrift geblieben, aber die kann man bekanntlich auch auf tausend Weisen auslegen. Und die Taufe wird zwar von den meisten Christen vollzogen (außer zum Beispiel von radikaleren Quäkern), aber was Taufe ist und bewirkt, ist wieder heillos umstritten. Doch vor allem können die Amtsträger nicht zueinander finden, jedenfalls dann nicht, wenn Bischöfe ihr Amt hoch ansetzen und den am selben Ort residierenden anderen Bischof nur als Gegenbischof oder Gegenpapst ansehen können. Kurzum: Paulus weiß, dass jeder Gegner des Christentums eine gespaltene Kirche nur so zerfetzen kann.

In dieser Situation der Gemeinde von Philippi und jeder christlichen Gemeinde weltweit auch heute ist Paulus – in offenkundigem Gegensatz zu uns – nicht ratlos. Denn in den unmittelbar vorausgehenden Sätzen, den ersten Sätzen unserer Lesung, hat er eine gute Grundlage zu seiner Einheitsmahnung gelegt. Auf den ersten Blick mutet diese Überlegung des Apostels kurios an. Paulus überlegt, ob er lieber tot sein möchte und damit im Himmel bei Christus, oder ob er lieber lebendig sein soll, damit die Gemeinde etwas davon hat, nämlich Freude. Paulus weiß: Wenn er tot ist, dann hat er selbst sozusagen sein Schäfchen ins Trockene gebracht, und dann hat er das Christentum als eine gute Idee in die Welt gesetzt. Da er im Himmel bei Christus glücklich sein wird, könnte er dann sorgenfrei sein im Sinne von „nach mir die Sintflut“.

Doch wenn er bleibt, dann weiß er auch, wozu das gut ist, und zwar, wie er sagt, „ganz gleich, ob ich nun zu euch komme und euch sehe oder ob ich weiter entfernt bin und nur von euch höre“. Wir staunen: Nach Vers 25 fasst Paulus den Sinn seines Apostelberufs zusammen: „vor allem Freude“. Also wenn schon Amtsträger – dann vor allem zur Freude. Immerhin konnte man das nach den jüngsten Bischofsernennungen in Deutschland als spontane Äußerung vernehmen: „Wir sind froh, dass wir ihn haben“. Wenn man dem Apostel Paulus glauben darf, ist dieses der wichtigste Wunsch für einen neuen Bischof: Gebe Gott, dass wir uns lange über Sie freuen können. Schließlich kann man ja auch sagen: Freude ist das Innenleben Gottes. Und wenn Jesus in den Sklavengleichnissen schildert, wie der treue Sklave in den Himmel kommen kann, dann sagt er: Geh ein in die Freude Gottes (deines Herrn), komm, folge mir dorthin, wo die Freude ungetrübt ist.

Oft wird ein Theologe gefragt: Wie soll die Einheit der Christen zustande kommen? Meine Antwort: Indem man betet: Herr, schenke uns Bischöfe, über die wir uns freuen können. Wo wir sehr direkt alle grüblerische Bedenkenträgerei und alles Nachsinnen über Kunstgriffe vergessen können. Also: Schenke uns Heilige, mitreißende wie den heiligen Bernhard, nachdenkliche wie den heiligen Hieronymus, jedenfalls aber unübersehbare Brocken, mutige wie die heilige Katharina von Siena.

In der direkten Fortsetzung unseres Abschnittes sagt Paulus den Philippern, was wiederum leider auch direkt in die heutige Lage passt: „Alle messianische Gnaden-Wohltat wurde euch zuteil: Ihr könnt nicht nur an Christus glauben, sondern dürft auch für ihn leiden.“ Und dazu: „Ihr habt dieselbe Auseinandersetzung zu führen, die ihr auch an mir seht und von der ich euch jetzt berichte.“ Denn schon zu Anfang hatte Paulus (V.20) geschrieben: „Ich bin zuversichtlich, dass Christus durch mein leibliches Geschick verherrlicht wird, ob ich nun lebe oder sterbe.“ Ähnlich hatte Paulus im zweiten Korintherbrief gesagt, dass er Gottes Herrlichkeit als einen unermesslichen Schatz in seinem Leib wie in einem Tongefäß verwahrt. Denn seine Vollmacht zeigt sich an seinem Geschick… „Tagtäglich ertrage ich Jesu Leiden und Sterben am eigenen Leibe. Doch jedes Mal rettet mich sichtbar und offenkundig die Kraft des Lebens, das von Jesus ausgeht…“.

So wird der Apostel in Gefährdung, Leiden und schließlich in seinem Tod und in der jeweils folgenden Rettung zum Anwendungsfall des Evangeliums von leiblichem Tod und leibhaftiger Auferstehung. Die Botschaft besteht also nicht jenseits und unabhängig von dem, wie es Paulus ergeht. Paulus ist die Inszenierung seiner eigenen Botschaft. Darin besteht seine eigene Glaubwürdigkeit. Diese ist nicht das Produkt moralischer Anstrengung oder Integrität, sie beruht eher auf Nicht-Handeln denn auf Handeln. Paulus lässt sich auf dieses Nicht-Handeln ein, indem er nicht davonläuft, indem er dem Hineingezogen-Werden in Jesu Geschick keinen Widerstand entgegensetzt. Wenn er in diesem Sinne die Botschaft lauter verkündet, erhält er zwangsläufig Anteil an ihr. Man kann das, was dazu nötig ist, Geduld und Aushalten nennen, und Glauben besteht wesentlich in dieser standhaften Treue.

In einer großen deutschen linksliberalen Zeitung erschien kürzlich ein Artikel, der sich für die Euthanasie einsetzt unter der Überschrift „den Tod gestalten“. Schon der Ausdruck wirkt deplatziert. Denn man gestaltet einen bunten Abend, ein Fest, etwas, das man planen und beherrschen kann. Auch im Sterben aber soll der Mensch von dem gestaltet werden, dem er seit der Taufe anvertraut wurde. So spricht Paulus davon, dass Christus in euch Gestalt gewinne. Dass der Mensch wie Wachs in seinen Händen bin und sich nach seinem Bild gestalten lässt. Denn der Mensch ist nicht sein eigener „Macher“, Gestalter und Schöpfer. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Homunculus, der endlich keinen Herrn und Schöpfer mehr braucht, der auf Gnade und Auferstehung verzichten kann, weil er gerne alles selbst gestalten will.

Es sieht in vielerlei Hinsicht so aus, als hätten wir nichts mehr dazu gelernt und alles früher Lernbare vergessen. Die einzigartige Fülle der blutigen Kriege, die uns umgibt, ist nicht die erste Bankrott-Erklärung des selbstbestimmten Machers. Das gehört leider zu den vielen skandalösen Parallelen zum Ersten Weltkrieg. Und gestaltet wird der Mensch wesentlich dann, wenn er vor dem ausgesetzten Allerheiligsten knien darf.



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