27.08.2014 15:22

Die Sonntagslesung: Gottes Wille als Maßstab echter Reform

Zu den Lesungen des

22. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) VON MANFRED HAUKE

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Jer 20, 7–9; Röm 12, 1–2; Mt 16, 21–27

Das ist schon ein kräftiger Gegensatz: Im Evangelium des vergangenen Sonntags nennt Jesus Petrus den Felsen, auf den er seine Kirche bauen wird; heute hingegen sagt er ihm ganz andere Worte: „Weg mit dir, Satan, … denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“.

Wie erklärt sich dieser Kontrast? Im heutigen Evangelium nimmt Jesus keineswegs seine Verheißung an Petrus zurück, aber er tadelt ihn, weil sich sträubt, den Weg des Leidens und des Kreuzes für seinen Herrn anzunehmen. Jesus offenbart in der ersten von drei Ankündigungen seines Leidens, dass er in Jerusalem zu Tode gebracht werden und am dritten Tag danach auferstehen wird. Der Weg des Leidens gehört zum Willen des himmlischen Vaters, der den Sühnetod seines Sohnes vorgesehen hat, um die unendliche Last unserer Sünden zu tilgen. Petrus bemüht sich nicht, in den von Jesus angedeuteten Willen des Vaters einzudringen und ihn anzunehmen, sondern reagiert ganz einfach auf menschliche Weise, indem er das Leiden zurückweist. Ist das nicht manchmal auch unsere Versuchung? Dass wir dann gegen Gott rebellieren, wenn Krankheit, Leid und Tod unseren Lebensweg kreuzen? Weisen wir nicht auch dann das Kreuz zurück, das wir in der Nachfolge Jesu auf uns zu nehmen haben? Oft sind unsere Maßstäbe rein innerweltlich, und wir vergessen die Perspektive des ewigen Lebens und der künftigen Auferstehung.

Jesus weist Petrus und die anderen Jünger auf die Kreuzesnachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. Er betont: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“. Und dann: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, lautet der Satz: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganz Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seiner Seele?“ Das griechische Wort „Psyche“ kann mit „Leben“ übersetzt werden, aber auch mit „Seele“. Beide Gehalte sind hier zusammenzusehen: Wer Gott vergisst, nimmt Schaden an seinem inneren Leben, in seiner geistigen Seele, auch wenn es ihm materiell gut geht; die Seele ist die Brücke zur künftigen Auferstehung des Leibes, denn sie bildet den Kern unserer Person, der auch den leiblichen Tod überdauert. Entscheidend für uns ist das, was letztendlich bleibt, nämlich das Leben unserer Seele, die (wenn wir zu den Erlösten gehören) nach der Wiederkunft Christi mit ihrem verklärten Leib verbunden wird (oder aber, sollten wir verloren gehen, einen Leib empfängt, der an den Qualen der Seele in der ewigen Verdammnis teilnimmt).

Der Protest des Petrus gegen das Leiden Christi ist vergleichbar mit den Wegklagen des Propheten Jeremia in der ersten Lesung. Jeremia hat von Gott den Auftrag bekommen, die Menschen vor den Folgen ihres Verhaltens zu warnen: Wenn ihr euch nicht bekehrt – so betont der Prophet im Namen Gottes –, dann wird Jerusalem zerstört werden. Den Zeitgenossen Jeremias hingegen war diese Botschaft sehr unangenehm: sie vertrauten darauf, im Schutz des Tempels von Jerusalem geborgen zu sein. Gegen diese falsche Sicherheit, das Heil automatisch in der Tasche zu haben, wendet sich der Prophet. Diese Ankündigung ist unangenehm und macht ihn einsam, ja er wird zum Gespött der Leute. Später wird es noch schlimmer: Man wirft ihn in einen Brunnen, in dem er fast umkommt. Und doch entspricht die hereinbrechende Katastrophe, die Zerstörung des Tempels und die babylonische Gefangenschaft, genau den Warnungen Gottes durch seine Propheten. Jeremia klagt über seinen Auftrag, aber er nimmt ihn doch an: Er vergleicht das Wort Gottes mit einem brennenden Feuer und betont in der Folge: „Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held“ (Jer 20, 11).

Sowohl von Petrus als auch von Jeremia wird das verlangt, was heute auf markante Weise der Apostel Paulus formuliert: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist“. Paulus spricht von der „Welt“ im negativen Sinne. Natürlich weiß er, dass die Welt als solche von Gott geschaffen und darum gut ist, aber er kennt auch den Einfluss der Sünde, der seit der Ursünde Adams die gesamte Menschheit in das Böse verstrickt hat. Jeder Mensch wird mit der Erbsünde geboren, das heißt ohne die Gnadengabe des göttlichen Lebens. Aus diesem Grunde neigt er eher dazu, das Böse zu tun als das Gute. Deshalb kann Paulus betonen: „gleicht euch nicht dieser Welt an“. Das Schwimmen gegen den Strom der Mehrheiten in dieser Welt ist freilich keine kapriziöse Eigenbrötelei, sondern bekommt ihren Maßstab durch den Willen Gottes. „Wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist.“ Doch wie funktioniert diese Erneuerung?

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist zweifellos das Gebet. Vor einigen Jahren war ich in Brasilien Gast bei der neuen geistlichen Gemeinschaft „Shalom“, deren Gründung auf das Wirken des heiligen Papstes Johannes Pauls II. zurückgeht (oder, genau genommen, auf die Reaktion katholischer Jugendlicher auf einen Papstbesuch in Fortaleza). Dabei besuchte ich unter anderem ein von Mitgliedern der Gemeinschaft geführtes Haus, das sich der Rehabilitation von Drogenabhängigen widmet. Neben der Arbeitstherapie haben die Suchtkranken unter anderem Tag für Tag eine Stunde „oraçao“, also betrachtendes Gebet, und das Gebet des Rosenkranzes. Ich habe mit einer solchen Gruppe Drogenabhängiger gesprochen, eine Stunde lang Beichte gehört und mit ihnen die heilige Messe gefeiert. Und mehrmals betonten die jungen Leute: „Am meisten hat uns das Gebet geholfen, um aus der Drogenabhängigkeit herauszukommen“. Erstaunlich war, dass selbst Nichtkatholiken (und sogar ein Nichtchrist) aus freien Stücken an dieser Art der Therapie teilnahmen und die marxistisch angehauchte Provinzregierung die Einrichtung förderte, weil die Erfolgsquote um ein Vielfaches höher liegt als bei „weltlichen“ Einrichtungen.

Hinter den Erfolgen von „Shalom“ steckt nicht irgendeine Effekthascherei, sondern eine tiefe geistliche Erfahrung. Alle Mitglieder verbringen an jedem Tag eine beträchtliche Zeit mit dem Gebet. An jedem Morgen etwa ist eine Stunde geistliche Zwiesprache mit Gott vorgesehen. Neben der „paninoteca“ (dem Treffpunkt für Jugendliche mit Gelegenheit zu einem preiswerten Imbiss), mit der die äußeren Aktivitäten der Gemeinschaft begonnen haben, steht eine Kapelle, in der rund um die Uhr das Allerheiligste Sakrament ausgesetzt und angebetet wird.

Natürlich hängt die Zeit, die wir dem Gebet widmen, auch ab von unserer persönlichen Situation: eine Hausfrau oder ein Bankangestellter hat nicht die zeitlichen Möglichkeiten von Ordensleuten. Aber ich denke, dass es bei gutem Willen und den richtigen Prioritäten einem jeden möglich ist, Tag für Tag einen Zeitraum auszusparen, um mit Gott Zwiesprache zu halten und auf seinen Willen zu horchen. Besonders fruchtbar ist diese Zeit des Gebetes am frühen Morgen. Aber auch der Abend eignet sich dafür, die Frucht des Tages vor Gott gleichsam einzusammeln. Für dieses Gespräch mit Gott können wir uns etwa anregen lassen durch einen Text aus dem Neuen Testament, gegebenenfalls aus den Lesungen für die Messfeier des Tages.

Ein weiterer Ansatzpunkt für die innere Erneuerung und die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Bösen in der Welt ist die regelmäßige persönliche Beichte. In den nicht wenigen neuen geistlichen Gemeinschaften, die ich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kennenlernen durfte, finden sich sehr unterschiedliche Ausrichtungen und manchmal auch „Kinderkrankheiten“, die zu überwinden sind. Einen Punkt gibt es freilich, der überall die geistliche Vitalität fördert: die Praxis der regelmäßigen Beichte, zumal dann, wenn sie verbunden ist mit der „Seelenführung“, der geistlichen Leitung durch einen dazu bereiten Priester. Wer an jedem Abend, sei es auch nur kurz, eine Gewissenserforschung hält, wird Tag für Tag Mängel wahrnehmen: in Gedanken, Worten und Werken; er wird auch nicht das Gute vergessen, das er hätte unternehmen können … Vielleicht gibt es Gelegenheit, in einem „Partikularexamen“ auf bestimmte Fehlhaltungen über längere Zeit hin acht zu geben. Wo der katholische Glaube mit Begeisterung neu entdeckt wird, da kommt es auch stets zu einer Entdeckung oder vertieften Annäherung an das Bußsakrament. Dann wird die „Reform“ der Kirche nicht mit Zeitgeistsurfing verwechselt, sondern ereignet sich als frühlingshafte Neuaufnahme des von Christus über die Apostel und die Tradition der Kirche vermittelten göttlichen Lebens. Dann gibt es nicht mehr die pubertäre Arroganz, den Glauben der Kirche umzumodeln, sondern es entsteht die demütige Bereitwilligkeit, die Schätze der göttlichen Offenbarung zu entdecken und neu aufleuchten zu lassen. Dann werden, wenn wir Geduld haben, auch die katastrophalen Statistiken des kirchlichen Lebens in Deutschland (Katholische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten 2013/14, Bonn 2014) sich langsam wieder zum Besseren wenden.



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