23.07.2014 15:42

Die Sonntagslesung: Eltern und Kind, das Maß aller Dinge

Zu den Lesungen des

17. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) Von Klaus Berger

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1 Kge 3, 5.7–12; Röm 8, 28–30; Mt 13, 44–52

Dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, das ist nur die halbe Wahrheit. Viele meinen aber, das sei das Besondere am christlichen Bekenntnis, dass Jesus nicht nur ein bedeutender und sympathischer Mensch war, sondern überdies Gottes Sohn. Juden und Moslems zum Beispiel sagen das nicht. Beide können sich Jesus nur als Propheten und damit als Sklaven Gottes denken. Was ist denn der Sohn Gottes mehr als etwa ein Prophet wie Moses, Jesaja oder Elia? Soviel ist klar: Sohnschaft oder Kindschaft ist die größte denkbare Nähe, die intimste Verwandtschaft, bedeutet die gleiche Art und „Familie“. Wenn ägyptische und andere Könige „Göttersöhne“ genannt wurden, wusste doch jeder, dass das nur ein Bild war für Machtfülle. Aber nicht für andere göttliche Qualitäten. In dieser Hinsicht wäre aber bei Jesus kaum ein Ansatzpunkt für den Titel Gottessohn gewesen. Daher kann man die neutestamentliche Rede vom Gottessohn schwerlich von der ägyptischen Königsideologie herleiten. Es ist etwas anderes als die politische Macht, das hinter diesem Gottessohn steht.

Formuliert ist es im spät-alttestamentlichen Buch der Weisheit, besonders in den Kapiteln 2–5. Der Gottessohn ist hier der vorbildliche Weise und Gerechte; das Leiden gehört zu seinem Bild dazu. Seine Weisheit besteht darin, dass er jenseits aller gesetzlichen Festschreibungen begreift, was jetzt und hier Gottes Wille ist und dass er das tut.

Aber im Unterschied zum Bild des Sohnes Gottes nach dem Buch der Weisheit ist Jesus nicht das „Muster nach Lehrbuch“, und schon gar nicht ist das Buch der Weisheit sein Drehbuch. Jesus ist vielmehr der geglückte Fall eines Menschen in einer überaus glücklichen Beziehung zu Gott. Daher Kindschaft, daher Vaterschaft Gottes. Oder – eben mit gleichem Recht umgekehrt betrachtet – Gottes Offenbarung geschieht in dieser familiären Konstellation und in keiner anderen. Hier reicht das natürliche Geschehen und das „Naturrecht“ weit über das Naturrecht hinaus unmittelbar in das heiligste, schlechthin „übernatürliche“ Geschehen der Offenbarung selbst hinein.

Vaterschaft als Muster der Offenbarung

Das bedeutet zunächst einmal sehr viel für die gegenwärtige Diskussion (auch der bevorstehenden Bischofssynode) über Familie und die grundlegenden Sozialstrukturen der menschlichen Gesellschaft. Denn was in der Offenbarung als Kindschaft geschieht, hat nicht nur einen Niederschlag in einer überholbaren Metapher gefunden, die mehr Unähnliches als Ähnliches sagt. Sondern die Rückwirkung auf den metaphernspendenden Bereich der Kindschaft ist hier so gewichtig, dass Vaterschaft/Kindschaft, wie es schon der Epheserbrief 3, 15 sagt (von woher jede Vaterschaft „im Himmel und auf Erden ihren Namen hat“), drei Eigenschaften erhält: (a) Sie ist unüberholbar, (b) Sie ist Muster aller übrigen Offenbarung, (c) Sie ist die Vorlage der eschatologischen Vollendung; daher gilt die Bundesformel („Ich will ihr Vater sein, sie sollen meine Kinder sein“) auch für die Neue Schöpfung und das himmlische Jerusalem.

Vor allem dieses ist von der Bibel her der Bischofssynode ins Stammbuch zu schreiben: Nicht nur wegen Naturrecht, noch viel mehr wegen der Offenbarung selbst gilt: Die Kindschaft/Elternschaft ist die schlechthin tragende Säule der menschlichen Gesellschaft. Und zwar jeder Art menschlicher Gesellschaft, auch der Kirche. Daher ist es auch kein Wunder, dass Orden des benediktinischen Typs (Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten) sich um den „Vater Abt“ scharen und darin den ständigen Bezug zu Schöpfung und Offenbarung kundtun. Weil Kindschaft/Elternschaft so konstitutiv sind, bilden sie auch die nicht beliebige, sondern normative Vorlage für jede weitere Beziehung, in der es um Vermittlung des immer wieder erneuerten Ursprungs geht. Schöpfung und Neuschöpfung ist wie Kindschaft.

Christlich gesehen sind Elternschaft und Kindschaft daher das Maß aller Dinge. Die Geschwisterlichkeit reicht da nicht heran. Daher konnte – um in der Ordensgeschichte zu bleiben – das Modell der Brüderlichkeit beziehungsweise Geschwisterlichkeit nur ergänzend wirksam werden und nie die grundsätzliche Faszination des benediktinischen Modells erreichen. Der benediktinische Mönch spielt jeden Tag in heiliger Inszenierung das Grundspiel von Schöpfung und Vollendung als Offenbarung des Vaters.

Der Islam teilt nicht die im Evangelium verkündete Nähe Gottes zu den Menschen; es bleibt deshalb dabei, dass die Gläubigen „Sklaven Gottes“ genannt werden. Auch die islamische Mystik scheut die Nähe zwischen Gott und Welt fast noch mehr als der Koran. Das Judentum hat nur für Abraham („Freund Gottes“) und Moses (verklärtes Antlitz) oder später für Henoch Vergleichbares angenommen, aber es blieb bei Einzelgestalten, und keine wurde „der Sohn Gottes“ im Sinne des Credos.

Der Gottessohn kommt nicht in den luftleeren Raum

Und daher kommt denn auch die andere, in der Regel fehlende Hälfte des christlichen Bekenntnisses: Als Sohn Gottes ist er nach Gottes Willen nur der erste unter vielen Geschwistern. Das ist gegenüber jeder religionsgeschichtlichen Analogie die provozierende und wahrhaft revolutionäre Neuheit im christlichen Gottesverständnis. Und es ist gleich zu sagen: Dass Jesus nicht allein Gotteskind ist, sondern erstes Kind unter vielen anderen, hängt auch grundsätzlich und von Anfang an mit „Kirche“ zusammen. So steht hier nicht „der Gottessohn“ im luftleeren Raum, als isolierte Gipsstatue auf dem Podest (die Kunstgeschichte hat auch hier vieles verdorben). Und in der Bibel gilt ja auch sonst nie „Monotheismus als Prinzip“. Sondern stets heißt es: „Gott und sein Volk“. Und so ist es auch hier: Nicht „der Sohn Gottes“, sondern der Sohn Gottes als erstes Kind unter vielen weiteren Kindern.

Hätte man diesen Grundentwurf des Apostels Paulus aus dem Römerbrief 8, 30 stärker beachtet, wäre vielen Menschen dogmatische Probleme erspart geblieben. Allzu oft erschien Jesus als der „graue Riese“ im Sinne eines Heldenkultes des neunzehnten Jahrhunderts oder für Juden als der zweite Gott, den man mit dem Vater, dem „obersten Gott“ dann nicht zusammenbringen konnte („Wozu braucht man zwei, wenn einer es auch tut?“). Die Lösung liegt auf der Ebene „Gott und sein Volk“, nämlich hier „der Vater im Gegenüber zu Christus als dem Haupt seiner Kirche“, als dem Ältesten unter den Geschwistern. Paulus bemerkt offenbar selbst, dass er eine kühne Aussage gemacht hat, aber er liefert mutig das Beweismaterial nach: Die Christen sind nicht nur berufen, sondern auch auserwählt, sie sind gerecht gemacht und wirklich verherrlicht. Je weiter Paulus in dieser Kette voranschreitet, umso mehr ist der Leser geneigt einzuwenden: Das ist doch kaum zu glauben!

Doch nehmen wir Paulus so, wie es dasteht: Wo sind wir denn schon „verherrlicht“? Paulus gibt uns hier einen Anstoß zum Nachdenken. Als ich anfing, Theologie zu studieren, schenkte mir mein Pfarrer ein Messbuch und schrieb vorne hinein „Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (Joh 1, 14). Selbstverständlich habe ich diesen „Schott“ heute noch, und dieses Buch gehört zu denen, die ich am häufigsten benutze. Wer die Herrlichkeit schauen darf, wird, so ist die biblische Anschauung, selbst zu einem, der ein wenig an ihr teilhat. Daher haben wir eine Liturgie, die ein wenig an den Himmel erinnert. Sie werden die Geschichte von dem Zaren kennen, der Christ werden wollte, aber sich eine Liturgie wünschte, die etwas vom Geheimnis des Himmels an sich hätte und von himmlischer Herrlichkeit. Vor lauter Liturgiereform hat man das vielleicht manchmal oder gar überhaupt vergessen.



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